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Interview mit einer Hebamme: Viele Wunschkaiserschnitte sind ein Wunsch des Arztes

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Viele Wunschkaiserschnitte sind ein Wunsch des Arztes

27.07.2012, 16:39 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Interview mit einer Hebamme: Viele Wunschkaiserschnitte sind ein Wunsch des Arztes. Braucht wirklich jede dritte Schwangere einen Kaiserschnitt? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Braucht wirklich jede dritte Schwangere einen Kaiserschnitt? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die kontinuierliche Zunahme von so genannten "Wunschkaiserschnitten" wird von vielen Hebammen eher kritisch gesehen. Aus mehreren Gründen. Die Elternredaktion von t-online.de hat sich mit Roswitha Glimm unterhalten. Die 57-Jährige ist Hebamme aus Leidenschaft und das schon seit Jahrzehnten. (Lesen Sie hier: Zwei Mütter berichten über ihren Kaiserschnitt.)

t-online.de: Über 30 Prozent aller Geburten sind Kaiserschnitte. Ist ein solcher Eingriff tatsächlich bei jeder dritten Geburt notwendig?

Glimm: Man kann sagen, dass mit rund zehn Prozent großzügig alle Kaiserschnitte benannt sind, die tatsächlich aus einem wirklichen Risiko heraus durchgeführt werden. Das heißt aber jetzt nicht, dass die restlichen 20 Prozent reine Wunschkaiserschnitte der Frauen sind.

t-online.de: Sondern?

Glimm: Viele Frauen werden durch ihren Arzt erst zu einem Kaiserschnitt überredet. Nehmen wir mal die typischen Beispiele: Beckenendlage und Zwillinge. In beiden Fällen kann man ganz normal spontan entbinden. Es wird aber heute kaum mehr gemacht und alles versucht, die Frau davon zu überzeugen, dass ein Kaiserschnitt für die Kinder sicherer sei.

t-online.de: Wenn es um die Sicherheit des Babys geht, sind die Frauen wahrscheinlich auch schnell zu überzeugen, oder?

Glimm: Klar. Das ist eine Urangst der Frau, dass ihrem Baby etwas zustoßen könnte und diese Angst ist ja auch völlig verständlich. Sie allerdings zu nutzen, um einen rein wirtschaftlichen Aspekt durchzusetzen, ist meiner Ansicht nach verwerflich und bringt die Frauen und auch die Kinder um eine wichtige Lebenserfahrung. Ich habe schon so oft erlebt, dass Frauen, die ohne ersichtlichen medizinischen Grund zu einem Kaiserschnitt überredet wurden, danach kreuzunglücklich waren. Kein Arzt besucht die Frau im Wochenbett, sieht, wie sie auch körperlich unter dem Kaiserschnitt leiden kann. Und darunter, ihr Baby nur mit der Hilfe anderer versorgen zu können. Und die Ärzte bekommen nichts mit vom schlechten Gewissen, von der Frustration und vom Gefühl der Unfähigkeit, das sich oft einstellt. Viele Frauen werfen sich einen Kaiserschnitt später vor.

t-online.de: In Magazinen kann man immer wieder lesen, dass amerikanische Schauspielerinnen und Popsternchen sich für einen Kaiserschnitt bereits Wochen vor der Geburt entscheiden, um die Figur nicht zu ruinieren. Gibt es so etwas bei uns auch?

Glimm: Wunschkaiserschnitte dieser Art gibt es bei uns offiziell nicht. Denn dann würde die Kasse die Kosten nicht übernehmen. Angst vor dem Verlust der Figur ist also kein Grund, Angst alleine allerdings schon. Tatsächlich kenne ich Frauen, die um ihre Figur fürchten, wenn in den letzten Wochen der Bauchumfang noch einmal richtig zunimmt. Aber ich versuche ihnen klarzumachen, dass es sinnvoll ist, wenn das Baby vor der Geburt noch einmal zulegt. So ist es besser gewappnet für die ersten Lebenswochen. Und man muss sich klar machen: Mit jedem Tag, den das Kind vor dem Termin geholt wird, nimmt man ihm eine Chance zur vollständigen Entwicklung. Ich finde, das sollte nur dann zugelassen werden, wenn es dafür entsprechende Gründe gibt. Denn natürlich macht es in manchen Fällen Sinn, einen geplanten Kaiserschnitt durchzuführen. Angst um die Figur ist aber sicher kein guter Grund.

t-online.de: Angst vor der Geburt aber schon?

Glimm: Das mit der Angst vor der Geburt ist so eine Sache. Geben Sie mir zwei Minuten und ich kann eine Schwangere davon überzeugen, dass sie einen Kaiserschnitt braucht. Natürlich haben Frauen Angst vor einer Geburt. Das ist ganz normal. Ist es die Erste, weiß man nicht, was auf einen zukommt, ist es die Zweite, hat man möglicherweise bereits schlechte Erfahrungen bei der Ersten gemacht. Oder man hat schon so viel Negatives von anderen berichtet bekommen. Diese Ängste, die die Schwangeren haben, muss man unbedingt ernst nehmen. Aber ich denke nicht, dass der Kaiserschnitt darauf die richtige Antwort ist. Ich habe schon so oft erlebt, dass Frauen zu mir kamen und mir erzählt haben, dass sie beim Arzt erwähnten, dass sie Angst vor der Geburt haben und dieser dann gleich einen Kaiserschnitt plante. Über ihren Kopf hinweg und im Inneren auch gegen ihren Willen. Natürlich ist Angst als psychischer Grund eine mögliche Indikation, aber es wäre viel sinnvoller, den Frauen die Angst zu nehmen und sie entsprechend auf die Geburt vorzubereiten. Beziehungsweise sie zu einem Beratungsgespräch zu einer Hebamme zu schicken. Wir können uns viel mehr Zeit nehmen und so auch Ängste ausräumen.

t-online.de: Wie machen Sie das?

Glimm: In erster Linie versuche ich, das Selbstbewusstsein der Frau zu stärken. Früher waren die Frauen "guter Hoffnung". Heute werden Schwangerschaft und Geburt immer mehr als medizinisches Risiko behandelt und die Frauen damit verunsichert. Dabei passiert statistisch gesehen nur sehr selten etwas. Ich sage immer, wenn du schwanger geworden bist und dein Körper ein Baby austrägt, dann bist du auch in der Lage, es auf die Welt zu bringen. Wir Frauen verfügen über die Kompetenz, über die Fähigkeit, zu gebären, aber man muss sich darauf einlassen. Ich erkläre den Schwangeren, wie wichtig das Mentale bei einer Geburt ist. Das Loslassenkönnen. Sie hier zu stärken, ist eine meiner Aufgaben als Hebamme. Natürlich zeige ich auch auf, welche Möglichkeiten der Schmerzlinderung oder auch Schmerzbeseitigung wir haben. Einen Kaiserschnitt könnte man immer noch machen, aber wichtig wäre, für die Frau und das Baby, es erst einmal zu probieren und sich auf das Erlebnis einer Geburt einzulassen - und zwar dann, wenn das Baby kommen will und nicht von Montag bis Freitag, neun bis 17 Uhr.

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