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Schwangerschaft: kalkuliert und durchgeplant

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Kalkulierte Schwangerschaft  

Nichts wird mehr dem Zufall überlassen

17.03.2014, 08:30 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Schwangerschaft: kalkuliert und durchgeplant. Die kalkulierte Schwangerschaft: Bloß nichts dem Zufall überlassen beim Projekt Schwangerschaft (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die kalkulierte Schwangerschaft: Bloß nichts dem Zufall überlassen beim Projekt Schwangerschaft (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Schwangerschaft und "guter Hoffnung sein", das bedeutete früher dasselbe. Ein Baby zur Welt zu bringen, war für ältere Generationen immer auch ein Stück unberechenbares Schicksal. Heute ist das anders. Viele werdende Eltern planen das Projekt "Wunschkind" vom detailliert durch - vom Gentest bis zum Kaiserschnitt. Dank moderner Medizin und Rundumbetreuung während der Schwangerschaft wird nur noch wenig dem Zufall überlassen. Eine Tendenz, der vor allem bei Eltern mit höherem Bildungsniveau zu beobachten ist und sie von der "natürlichsten Sache der Welt" entfremdet.

"Schwangerschaftsvorbereitung" steht an der Tür. In dem kleinen Gymnastikraum haben sich sieben werdende Mütter mit ihren Partnern versammelt. Durch den "Hechelkurs" erhoffen sie sich die perfekte Vorbereitung auf die Entbindung. Die 32-jährige Rita hat nur noch sechs Wochen bis zum errechneten Geburtstermin. Es ist ihr erstes Baby und sie ist gespannt, hat aber auch viel Angst: "Ich habe Bammel vor den Schmerzen", sagt sie. "Man weiß ja auch nicht, wie lange das Ganze dauert. Aber wir sind ja medizinisch von Anfang an gut betreut gewesen." Die 36-jährige Manuela, die noch zwei Monate ihren Bauch hegen und pflegen kann, möchte am liebsten auf Nummer sicher gehen: "So ein Kaiserschnitt hätte ja schon Vorteile", meint sie. "Das wäre für das Baby nicht so riskant und ich hätte ebenfalls alles ruckzuck hinter mir. So machen es ja ganz viele in den USA - auch Prominente."

Hauptverantwortung wird an medizinisches Personal abgegeben

Für die Bonner Hebamme Jantje Möhler sind solche Bedenken bei werdenden Müttern typisch. Sie bedauert, dass viele Frauen nicht mehr gelassen genug an die Sache herangingen und kritisiert, dass es heute üblich geworden sei, die Hauptverantwortung einer Schwangerschaft an medizinisches Personal abzugeben: "Die Frauen vertrauen heute leider immer weniger auf die Signale ihres Körpers. Von der Natur ist es eigentlich so eingerichtet, dass werdende Mütter spüren, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist. Aber die Sensibilität dafür geht verloren."

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Schicksal ist nicht erwünscht

Im Fokus vieler werdender Eltern steht der Wunsch nach Kontrollierbarkeit und Planbarkeit einer Schwangerschaft. Für die Geburtshelferin ist dieses Sicherheitsbedürfnis auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung: "Da wird heute ein irrer Druck auf die Schwangeren ausgeübt", kommentiert sie. "Schicksal und Zufall sind nicht erwünscht. Das erklärte Ziel ist, eine perfekte Schwangerschaft durchleben, eine perfekte Geburt zu haben, ein perfektes Wunschkind zu bekommen und schließlich eine perfekte Familie zu sein."

Dazu gehöre, dass sich der neue Erdenbürger perfekt in das gut strukturierte Leben der frisch gebackenen Eltern einfügt. Dass dies in den meisten Fällen Theorie bleibt, weiß Jantje Möhler aus ihrer täglichen Praxis: "Ich habe kürzlich eine Schwangere mit ihrem zweiten Kind betreut, die beruflich sehr erfolgreich war und beim ersten Baby dachte, man könne es wie ein Projekt im Job von A bis Z durchorganisieren. Ihre Erfahrungen waren dann andere."

Mehr ungeplante Schwangerschaften bei bildungsfernen Schichten

Das Bedürfnis Familienplanung so weit wie möglich zu kontrollieren, sei allerdings nicht in allen gesellschaftlichen Schichten gleich ausgeprägt, gibt Professor Ulrich Gembruch von der Universitätsklinik Bonn zu bedenken. Gegenüber der Elternredaktion von T-online sagt der Experte, der auch für die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin tätig ist: "Schwangerschaft und Geburt haben einen enormen Stellenwert in unserer Gesellschaft, auch weil nicht mehr so viele Kinder geboren werden. Vor allem in bildungsnahen Bevölkerungsgruppen wird wenig dem Zufall überlassen. Hier gibt es viele Frauen, die sehr bewusst in die Schwangerschaft gehen. 25 Prozent davon sind dann bereits über 35 Jahre alt." In bildungsfernen Schichten, so der Mediziner weiter, gebe es allerdings häufig ungeplante Schwangerschaften.

Mögliche Risiken werden ausgeblendet

Das Streben nach Sicherheit und Planbarkeit führt bei vielen werdenden Müttern dazu, dass sie Unwägbarkeiten während der Schwangerschaft beziehungsweise Geburt ausblenden, so die Erfahrung von Gembruch: "Eigentlich wollen sich die meisten Frauen während der Schwangerschaft nur bestätigen lassen, dass mit dem Baby alles in Ordnung ist. Etwas anderes ist bei ihnen von vorneherein nicht vorgesehen." Und Geburtshelferin Möhler kommentiert: "Bei den Vorbereitungskursen und Gesprächen schauen die Eltern häufig durch die rosa Brille und ziehen sich nur die Informationen raus, die sie hören wollen. Das ist ja eigentlich ein sehr menschlicher Zug. Aber in den letzten Jahren hat es andere Dimensionen angenommen."

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"Natürliches Urvertrauen ist verloren gegangen"

Neben der medizinischen Rundumbetreuung während einer Schwangerschaft verstärkt auch die Möglichkeit, sich Informationen aus einer Flut von Ratgebern und auf Internetseiten zu beschaffen, bei Eltern das Gefühl durch ihr eigenes "Expertenwissen" alles souverän steuern zu können. Etwas Wichtiges gehe dabei verloren, kritisiert Möhler: "Dieses Urvertrauen und die Zuversicht in den natürlichen Vorgang einer Geburt ist leider oft nicht mehr vorhanden. Der Mut einfach zu sagen 'ich schaff das schon' und 'ich lasse das einfach mal entspannt auf mich zukommen' ist abhanden gekommen."

Kaiserschnitt als risikoarme Geburtsvariante

Eine besondere Rolle beim Thema "sichere Geburt" spielen die Kaiserschnitte. Ihre Anzahl verdreifachte sich in den letzten drei Jahrzehnten. Mittlerweile kommen hierzulande bei etwa 600.000 Entbindungen jährlich über ein Drittel aller Babys auf diese Weise zur Welt. Das führte zunächst zu der Vermutung, dass Frauen aus Angst vor dem Geburtsschmerz oder um sich zu schonen, nicht mehr auf natürlichem Weg gebären wollten. Doch dieser Verdacht hat die Studie des "Instituts for Public Health und Pflegeforschung" der Universität Bremen für deutsche Frauen nicht bestätigt. Danach wünschten sich nur etwa drei Prozent der Frauen einen Kaiserschnitt. Und fast 90 Prozent, die bereits diesen Eingriff erlebt hatten, waren der Meinung, eine Sectio solle nur durchgeführt werden, wenn sie medizinisch notwendig ist.

Gesundheitliche Voraussetzungen der Mütter verändern sich

Allerdings wird die medizinische Notwendigkeit heute weiter definiert als früher, als der Kaiserschnitt meist nur angewendet wurde, wenn das Leben von Mutter oder Kind bedroht war. Hinzu kommt dass die Operationstechnik sich enorm verbessert hat und so viele Geburtshelfer mittlerweile die Sectio als die einfachste und risikoärmste Entbindung vor allem für das Kind ansehen.

Doch für die steigende Quote der Kaiserschnitte sei auch das fortgeschrittene Alter vieler Mütter verantwortlich, sagt Gembruch. Dies erhöht das Risiko von Komplikationen bei einer natürlichen Geburt. "Ein weiterer Grund ist die zunehmende Fettleibigkeit", ergänzt der Mediziner. "Hier ist das Schwangerschaftsrisiko etwa durch Diabetes und veränderte Gefäße zusätzlich erhöht und führt häufiger zu einer Sectio."

Angst vor Schadensersatzklagen erhöht Kaiserschnittquote

Eine große Rolle spielt auch der juristische Aspekt. Viele Frauenärzte raten ihren Patientinnen aus Angst vor einer Schadensersatzklage schon bei vorhersehbaren leichteren Komplikationen, das Baby vorsorglich per Operation zu entbinden, auch wenn ein Kaiserschnitt nach ihrer persönlichen Meinung nicht unbedingt notwendig wäre. "Früher war eine Geburt auch immer ein Stück Schicksal, das man angenommen hat. Heute wird bei jeder Auffälligkeit sofort geklagt. Und wenn die Eltern es nicht tun, machen es die Kassen, weil sie Folgekosten fürchten", kommentiert Gembruch. "Durch den Kaiserschnitt lässt sich aber das Risiko verkleinern, denn den Verlauf einer natürlichen Geburt kann man viel weniger vorhersagen und planen." Diese Entwicklung sei in den USA so extrem, dass es dort mittlerweile viele Regionen ohne Geburtshelfer gäbe, weil alle zum Kaiserschnitt ins Krankenhaus gingen.

Der Zeitpunkt der Geburt wird nicht mehr vom Kind bestimmt

Trotz der medizinischen und organisatorischen Vorteile des Kaiserschnitts, steht Hebamme Jantje Möhler der ansteigenden Sectio-Rate kritisch gegenüber: "Viele Frauen verstehen es heute nicht mehr, dass sie sich dabei um den wichtigsten Aspekt bei der Geburt bringen, nämlich dass das Kind natürlicherweise entscheidet, wann es kommt. Das macht vielen wohl unbewusst Angst, weil sie sich ausgeliefert fühlen. Sie verdrängen durch den Kaiserschnitt die Erkenntnis, dass das Wesen, das auf die Welt kommt, bedingungslos und zu 100 Prozent ihr Leben bestimmt."

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