Kaiserschnitt
Zwei Minuten machen den Kaiserschnitt zur Kaisergeburt28.06.2013, 10:55 Uhr | Maria M. Held, t-online.de
Kaisergeburt - der sanftere Kaiserschnitt beschert Eltern und Kind Glücksgefühle trotz OP. (Quelle: Charité )
Frischgebackene Eltern, in ihren Augen das Glück beim ersten Blick auf das eigene neugeborene Baby während der Geburt - dieses Foto von einer glücklichen Kaiserschnittgeburt war für den Berliner Gynäkologen Wolfgang Henrich der Auslöser den althergebrachten Kaiserschnitt zu variieren und an der Charité die "Kaisergeburt" einzuführen.
Keine Frau schwärmt von ihrem Kaiserschnitt, keine erzählt gerne unter jungen Müttern, die ausführlich ihre Wehen schildern von der OP. In Berlin schon. Hier gibt es nämlich die Kaisergeburt. Es ist weder ein "natürlicher" Kaiserschnitt, noch ein besserer, betont der Namensgeber Professor Wolfgang Henrich, aber einer, der mit der Tradition bricht und mit einem kleinen Detail einen Riesen-Effekt bewirkt, der das gesamte Geburtserlebnis verändert.
Das Bild, das Henrich zu seiner Methode inspirierte, fängt das Glücksgefühl der Eltern bei der Entbindung ihres Babys im OP ein. Keine Hektik, kein Blut, ein harmonisches Geburtserlebnis trotz Kaiserschnitt, aber so wie ihn ein Kollege in England durchführt: nämlich mit Blickkontakt zwischen Baby und Mutter. Die Idee zur Kaisergeburt war geboren. Die Idee ist so simpel wie genial, dabei spielt ein Tuch eine wichtige Rolle, kein Zaubertuch, ein steriles Tuch im OP, das aber einem magischen Moment auslöst.
"23 Jahre habe ich den Kaiserschnitt so praktiziert, wie ich das gelernt habe", erzählt der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, Professor Dr. Wolfgang Henrich, "ohne darüber nachzudenken, etwas Grundlegendes für das Geburtserlebnis daran zu ändern". Dann habe er das Foto gesehen und nachgelesen, wie der Australier Nick Fisk in London praktiziert: Er schenkt den Frauen ein bewusstes Geburtserlebnis, das der traditionelle Kaiserschnitt ihnen vorenthält.
Dieses Erleben des Entwickelns aus der Gebärmutter und der Hautkontakt, direkt nachdem das Kind unter den Blicken der Mutter langsam aus der Bauchhöhle gehoben wird, macht den Unterschied. Der Geburtsablauf wird eigentlich nicht verändert, nur verlangsamt, ein bisschen Zeitlupe. Zwei Minuten Verzögerung, die aber eine lebenslange positive Wirkung haben.
Dabei ist die zweite Phase des Kaiserschnitts die entscheidende. Phase eins bleibt unverändert: Die Bauchdecke wird mit dem Messer durchtrennt, es dauert zwischen zwei und vier Minuten, bis die Gebärmutter geöffnet ist. Es ist eine Operation.
Dann kommt der entscheidende Moment. Das sterile OP-Tuch, das den Bauchbereich von den Blicken der Eltern abschirmt, wird gesenkt. Der Geburtshelfer holt das Kind hervor, hebt den Kopf, hält ihn ein wenig länger als üblich, richtet ihn zu der Seite, auf der der Kopf der Mutter ist, das Kind wird aus der Mutter geborgen: Erst das Köpfchen, dann die Schultern, dann der gesamte Körper. "Kopf und Körper des Babys füllen den Bauchraum komplett aus, weder Mutter noch Vater können aus ihrer Perspektive in den geöffneten Bauchraum sehen", entkräftet Henrich die Bedenken.
Die Mutter sieht sofort ihr Kind. Manche Frauen wollen in diesem Moment pressen, damit es sich wie eine Geburt anfühlt. Langsam, beharrlich, ohne Hektik, so beschreibt er den Ablauf. Der Geburtshelfer hat das Baby auf dem Arm. Die Lunge wird abgesaugt, die Eltern hören den ersten Schrei, der Vater darf - wenn er will, die Nabelschnur durchtrennen und sofort, wie es ist, wird das Baby der Mutter auf die Brust gelegt.
In diesem Moment wird das Tuch wieder gehoben, die OP geht weiter, doch die Eltern kriegen von diesem "blutigen" Teil der dritten Phase nichts mit.
"Die Eltern haben dann gar kein Interesse mehr an der OP, das Glücksgefühl herrscht vor, der Rest der OP verläuft besser", hat Henrich beobachtet.
"Die Unmittelbarkeit wurde den Frauen geschenkt." Die positiven Auswirkungen für das Bonding, die Eltern-Kind-Beziehung und die Genesung im Wochenbett sind enorm. Auf der Wochenbettstation schwärmen die Frauen von ihrer Geburt. "Wissen Sie, wir erleben das zehnmal am Tag, die Eltern aber einmal oder zweimal in ihrem Leben - das ist die Faszination, die es ausmacht."
Die Mütter sind psychisch stabiler als sonst nach einem Kaiserschnitt, das wirkt sich positiv auf die körperliche Genesung aus: Sie leiden seltener unter Übelkeit, der Kreislauf ist stabiler, es gibt weniger Infektionen, keine Psychotrauma. "Die Kinder haben einen ganz anderen Start ins Leben mit ihren Eltern."
In der Charité hat sich diese Methode inzwischen durchgesetzt, In England ist sie alltäglich. "Ich bin kein Missionar", sagt Henrich von sich, "aber in der Medizin ist es so, man muss Impulse geben, wenn eine Idee gut ist, dann setzt sie sich auch durch.
Die Angst vieler Frauen, es ist gar nicht das eigene Kind, das ihnen nach einem Kaiserschnitt gebracht wird, entfällt. Sie wissen: Das ist mein Kind. Früher dagegen wurde ein Kind nach dem Kaiserschnitt erst einmal weggebracht, versorgt und dann gesäubert der Mutter gebracht. Kein erster Blickkontakt, kein Hautkontakt, dafür Zweifel und Sorge.
Auch die Väter profitieren von dieser Methode: Seit die Kaisergeburt praktiziert wird, fallen weniger Väter in Ohnmacht, erklärt Henrich schmunzelnd.
Auch Henrich und seine Kollegen sind keine Kaiserschnitt-Fans, auch für sie ist die natürliche Geburt die beste Methode. Doch wenn es schon ein Kaiserschnitt sein muss, dann sollen die Mütter trotzdem ein gutes Geburtserlebnis haben, so nah wie möglich an der natürlichen, vaginalen Geburt.
An der Charité muss es tatsächlich oft ein Kaiserschnitt sein, bei mehr als einem Drittel der Geburten: 20 Prozent der Geburten sind Frühchen, zahlreiche Mehrlinge kommen zur Welt, viele Hochrisiko-Patienten entbinden und werden entbunden. Zu Henrichs Zuständigkeit gehört auch ein Zentrum für angeborene Fehlbildungen wie offener Rücken oder Bauchwanddefekte. "Dafür liegen wir im Vergleich zu Low-Risk-Geburten sogar im unteren Bereich der Kaiserschnitt-Rate", erzählt Henrich, der viel sieht in seiner täglichen Arbeit: Wir sind das größte Geburtshaus der Republik mit medizinischer Versorgung."
Der 51-Jährige bespricht den Ablauf zuvor mit den Eltern. Wenn die Lage des Kindes kompliziert ist, es ein Frühchen ist oder Myome bestehen, dann bietet er die Kaisergeburt nicht an. Oder entscheidet situativ. "Das kann man vorher ganz gut absehen, aber es ist immer freiwillig. Man darf auch die Menschen nicht unterschätzen." Inzwischen fragen auch viele Frauen gezielt danach.
Es kann aber auch sein, dass jemand ablehnt, wie das junge Paar, das es sich nicht zugetraut hat, den Moment der Geburt zu beobachten, das noch im letzten Moment der gut verlaufenden OP direkt davor gefragt wurde und verneinte.
Henrichs Grundsatz lautet, den idealen Geburtsmodus für jede Frau zu finden oder die richtige Frau für die richtige Medizin, die individualisierte Geburt fördern.
Im Vorgespräch spielen viele Faktoren eine Rolle: Krankheiten bei Mutter und Kind, die Biografie der Mutter, die Einschätzung der Geburtshelfer, die weitere Familienplanung, das Alter der Mutter.
"Kaiserschnitt ist niemals eine frei wählbare Alternative, sondern eine medizinische Indikation. Es gibt durch diese Methode keinen einzigen Kaiserschnitt mehr ohne Indikation", so entkräftet er Kritik von Seiten anderer Ärzte oder Hebammen, die befürchten, die Kaisergeburt könnte den Trend zum Wunschkaiserschnitt verstärken. "Es ist normal, dass man am liebsten sein Kind im Familienkreis bekommt, aber wenn Komplikationen auftreten, dann hat man gerne Anästhesist, Blutbank und Operateur bereit", weiß Henrich. Er ist begeistert von der Kaisergeburt, einer simplen Idee mit weitreichenden positiven Folgen: "Es kostet nichts, nur dass man mal nachdenkt und die Tradition bricht."
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28.06.2013, 10:55 Uhr | Maria M. Held, t-online.de
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