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Schwangerschaft: Was Ungeborene schon alles können

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Entwicklung im Mutterleib  

Was Ungeborene schon alles können

17.02.2014, 08:16 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Schwangerschaft: Was Ungeborene schon alles können. Ungeborene können mehr, als man denkt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ungeborene können mehr, als man denkt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Schon lange vor der Geburt reagieren Babys auf Musik oder empfinden Schmerz. Was jede Mutter während der der Schwangerschaft instinktiv wahrnimmt, bestätigt nun die Wissenschaft.

Hirnforscher haben herausgefunden, dass Kinder lange vor ihrer Geburt in der Lage sind, zu lernen. "Sie sammeln bereits eigene Erfahrungen und verankern diese in ihrem Gehirn als Verschaltungsmuster der sich dort entwickelnden Nervenzellen und synaptischen Verbindungen", so Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie in Göttingen. Ein auf Lernen ausgerichtetes Gehirn braucht dazu aber Reize von außen, wie das Saugen an der Nabelschnur oder das Austasten der natürlichen Begrenzung durch Treten. Zusätzlich wird das Kind durch die Bildung der Sinnesorgane mit einem Strom von Eindrücken versorgt.

Schon Ungeborene haben ein Schmerzempfinden

Durch Tests haben Mediziner festgestellt, dass Embryonen Berührungen ihres Gesichtes bereits fünfeinhalb Wochen nach der Zeugung spüren können und darauf reagieren. Sicher weiß man, dass Föten in der 20. Woche bei einer schmerzhaften Prozedur Stresshormone abgeben. Zusätzlich hat man festgestellt, dass schmerzhemmende Systeme erst gegen Ende der Schwangerschaft gebildet werden, Ungeborene also noch mehr Schmerzen wahrnehmen könnten als Neugeborene. Auch wird berichtet, dass manche Föten bei einer Abtreibung zwischen der 21. und 23. Schwangerschaftswoche hörbar schreien. Wegen der unklaren Sachlage fordern einige englische Wissenschaftler bei Abtreibungen ab der 17. Schwangerschaftswoche vorsorglich Anästhesie für den Fötus", heißt es in Buch "Das Geheimnis der ersten neun Monate", das Hüther gemeinsam mit der Psychotherapeutin Inge Krens geschrieben hat.

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Eindrücke müssen verarbeitet werden

Es ist erst wenige Jahrzehnte her, dass neugeborene Babys ohne Narkose operiert wurden. Noch lange Zeit sprach man Säuglingen - und Ungeborenen sowieso - ein Schmerzempfinden oder gar ein psychisches Leid ab. Heute weiß man es besser.

Manche Ungeborene lieben Seifenopern

Nachweislich reagiert ein Fötus ab der 26. Woche auf Licht, bereits in der 16. Woche aber ist er lichtempfindlich. Ab der 20. Schwangerschaftswoche reagiert ein Ungeborenes auf Geräusche mit Motorik. Es zuckt zum Beispiel zusammen, wenn die Töne von außen zu laut oder zu unerwartet sind. Auch bestimmte Musikstücke bekommen für das Kind eine Bedeutung. Übrigens braucht es dazu keine Klassik, es genügt die Anfangsmelodie einer Seifenoper. Hauptsache, die Mutter mag sie. Denn das führt dazu, dass der Fötus schnell lernt, dass jetzt eine gemütliche Zeit eingeläutet wird und die Sendung dann auch später einen beruhigenden Einfluss auf das Baby haben kann.

Mehrsprachige Embryonen

Bereits Anfang der 90er Jahre berichtet der Säuglings- und Kleinkindforscher Martin Dornes von einer hohen kognitiven Fähigkeit von Ungeborenen: Diese könnten nicht nur Stimmen, sondern ganze Texte, die während der Schwangerschaft gehört wurden, im Säuglingsalter wiedererkennen. Heute weiß man, dass sogar unterschiedliche Sprachen schon vom Ungeborenen wahrgenommen werden können. Was umgekehrt bedeutet, dass man theoretisch im Mutterleib die Grundlage für eine spätere Zweisprachigkeit legen könnte.

Durch Förderung überfordert

Je mehr man allerdings über die Fähigkeiten von Ungeborenen weiß, desto stärker wird der Wunsch bei Eltern - vor allem in Japan und den USA - ihr Kind von Anbeginn an richtig zu fördern. Dieser Trend geht so weit, dass man in Kalifornien bereits eine Prenatal University gegründet hat, in der das Baby im Bauch Wörter und Zahlen kennenlernen soll. Zum Beispiel dadurch, dass man mit einer Taschenlampe die Bauchdecke entsprechend häufig anleuchtet.

Doch Forscher warnen immer wieder vor solchen Methoden. Man würde das Kind nur unnötig aufwecken und in seinem für ihn wichtigen Entwicklungsschlaf stören. Zusätzlich könne es zu einer Reizüberflutung kommen, die dem Kind alles andere als guttut. Schließlich habe es von der Natur nicht umsonst seinen geschützten Raum mitbekommen. Der Psychoanalytiker Ludwig Janus kommt in diesem Zusammenhang sogar zu dem Schluss, dass die innere Zuwendung zum Kind die beste Förderung der körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung ist.

Gefühle während der Schwangerschaft sitzen tief

In einem Interview mit dem Fernsehsender Arte erklärt er, dass bereits in der Schwangerschaft die Grundmuster für emotionales und körperliches Verhalten gelegt werden: "Das Kind lebt vor der Geburt im mütterlichen Milieu, dem körperlichen und dem seelischen. (…) Sein entstehendes Gehirn schaltet sich so, wie das Milieu es vorgibt: Wenn es sehr beängstigend ist, dann werden eher die Synapsen für Angst, Unruhe und Stress ausgebildet und weniger für Glück und Zufriedenheit. Wenn die Mutter in einem guten Verhältnis zur Schwangerschaft ist, ist es umgekehrt."

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anus, unter anderem Autor des Buches "Der Seelenraum des Ungeborenen", beschäftigt sich mit pränataler Psychologie und Psychohistorie und geht davon aus, dass im Mutterleib starke Prägungen in der Tiefenemotionalität stattfinden: "Die gesamte Stamm- und Mittelhirnregion, in der die Gefühle generiert werden, wird vor der Geburt geprägt, genauso wie wir während der Schwangerschaft auch unseren Körper entwickeln."

Erfahrungen während der Schwangerschaft können ein Risiko darstellen

Der Hirnforscher Hüther bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel einer depressiven Mutter. Deren Neugeborenes zeigt genau wie die Mutter für Depressionen typische physiologische Veränderungen wie ein niedriges Dopamin- und ein erhöhtes Kortisolniveau. Der Organismus des Babys kennt es nicht anders. "Auch wenn diese Muster durch heilsame Erfahrungen im späteren Leben veränderbar sind, so stellen diese frühen Lebenserfahrungen dennoch Risikofaktoren dar: Der Körper des Babys ist schon jetzt mit 'Depression' vertraut."

Es ist wie überall: Ein Zuviel wird zum Problem

Daraus nun zu schließen, dass ein Kind nur dann glücklich wird, wenn die Schwangerschaft völlig reibungslos verläuft und man sich neun Monate dauerhaft in einer rosaroten Glückswolke befindet, wäre ein Trugschluss. Denn ein Leben ohne Probleme gibt es nicht. Es macht ja auch Sinn, dass sich im Gehirn des Ungeborenen die komplexen Verschaltungsmuster immer wieder an Veränderungen und neue Situationen anpassen. Sind die Erregungsmuster allerdings zu stark verschoben, dann, so Hüther, "ist es möglich, dass die betreffenden Kinder mit ihrer besonderen Veranlagung bei ihren Eltern und Erziehern, aber auch im Kontakt mit anderen Kindern auf Unverständnis oder gar Ablehnung stoßen.

Dann freilich können sie in einen Teufelskreis aus Ablehnung, Zurückweisung, Misserfolgserfahrung und Frustration geraten, der, je länger er andauert, desto bestimmender für die weitere Lebensbewältigung und damit auch für die weitere Strukturierung ihres Gehirns werden kann."

Die Vorstellung von Sein oder Nichtsein

Dass ein Kind im Mutterleib auch Auswirkungen von außen ausgesetzt ist, ist klar. Nikotin oder Medikamente, Stress der Mutter oder im schlimmsten Fall Tritte oder Stürze - das Baby im Bauch bleibt nicht verschont. Doch es fällt immer wieder auf, wie hartnäckig sich die Vorstellung hält, die Zeit vor der Geburt sei ein Paradies. Eine Phase der vollkommenen Wunscherfüllung und Sicherheit. "Es bleibt ein Mysterium, warum jedes Kind mit ganz eigenen Fähigkeiten, Begabungen und Möglichkeiten zur Welt kommt. Wir ahnen, dass Kinder bereits vor der Geburt individuelle Erfahrungen machen und ihre eigene Persönlichkeit ausbilden, dass die Gebärmutter auch das erste Zuhause für die Seele ist", erklärt Hüther.

Und nicht nur ein Zuhause für die Seele, sondern auch eine Lehrwerkstatt für den Körper. Ungeborene Babys üben bestimmte Fähigkeiten während ihrer Zeit in der Gebärmutter ein, damit sie sie sofort ab der Geburt auch wirklich darüber verfügen können. Atmen, Schlucken, Lächeln oder Weinen sichern ihnen, wenn sie das Licht der Welt erblickt haben, das Überleben. Auch das Riechen hat eine biologische Bedeutung, geht das Kind doch nach der Geburt direkt seiner Nase nach Richtung Brustwarzen.

Manche Verhaltensmuster zeigen sich schon früh

Dass ihre Kinder ein bestimmtes Temperament beziehungsweise bestimmte Verhaltensweisen bereits während der Schwangerschaft gezeigt haben, würden die meisten Mütter bestätigen. Doch was bisher häufig vom Umfeld als etwas überzogene Fantasie stolzer Eltern abgetan wurde, ist nun wissenschaftlich bewiesen.

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