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Mütterlich assistierter Kaiserschnitt: Ärzte rügen Geburts-Methode

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Mütterlich assistierter Kaiserschnitt in der Kritik  

"Das ist Ausdruck einer Eventkultur rund um Schwangerschaft und Geburt"

09.06.2015, 16:29 Uhr | Florentine Dame, dpa

Mütterlich assistierter Kaiserschnitt: Ärzte rügen Geburts-Methode. Oxana Kaiser ist selbst aktiv bei der Geburt ihres Sohnes, Eric Maximilian. Vater Alexander Kaiser erlebt den Moment in unmittelbarer Nähe. (Quelle: Mühlenkreiskliniken, AöR)

Oxana Kaiser ist selbst aktiv bei der Geburt ihres Sohnes, Eric Maximilian. Vater Alexander Kaiser erlebt den Moment in unmittelbarer Nähe. (Quelle: Mühlenkreiskliniken, AöR)

Scharfe Kritik von Geburtsmedizinern folgt der Premiere eines "mütterlich assistierten Kaiserschnitts" in Deutschland. In einer Klinik in Bad Oeynhausen dürfen Frauen ihr Neugeborenes selbst aus der offenen Bauchhöhle ziehen. Medizinisch unnötig, schimpfen Experten und fürchten eine Verharmlosung des Kaiserschnitts.

Ein Video aus dem OP-Saal des Krankenhauses in Bad Oeynhausen zeigt, wie Oxana Kaiser nach dem Kaiserschnitt selbst Hand anlegt Die Ärzte haben dazu das Köpfchen von Eric Maximilian soweit angehoben, dass sie ihn sicher greifen und auf ihre Brust ziehen kann. Mütterlich assistierter Kaiserschnitt nennt sich das und wurde in Australien erstmals praktiziert. Das Krankenhaus in Bad Oeynhausen wirbt damit, in Deutschland die erste Klinik zu sein, die das Prinzip anbietet.

"Für mich hat sich das fast angefühlt wie eine normale Geburt", wird Oxana Kaiser später zitiert. Genau darum geht es laut Krankenhaus: Frauen berichteten immer wieder vom Gefühl des Ausgeliefertseins bei einer Entbindung per Operation. Durch sofortige körperliche Nähe zwischen Mutter und Kind wolle man gegensteuern, sagt Manfred Schmitt, Chefarzt der Abteilung Geburtshilfe in Bad Oeynhausen.

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Körperkontakt ist wichtig für Mutter-Kind-Bindung

Sogenanntes Bonding - früher sagte man Kuscheln dazu - sei gut für die Mutter-Kind-Bindung. "Dass sie selbst das Kind auf ihre Brust ziehen kann, gibt ihr ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zurück, was in einer Operation sonst nicht gegeben ist. Das ist für das Geburtserlebnis entscheidend", sagt Schmitt. Sicherheit für Mutter und Kind stehe dabei an oberster Stelle: Arme und Hände der Mutter waren mit Handschuhen und steriler Kleidung geschützt. Um Sterilität zu gewährleisten, habe es ein intensives Vorgespräch mit der Mutter gegeben, was auf sie zukommt und wie sie sich verhalten muss.

Kritik an "Eventkultur" rund um Schwangerschaft und Geburt

Die Fachwelt reagiert mit Ablehnung auf den Vorstoß: "Das hat medizinisch überhaupt keinerlei Nutzen, sondern ist Ausdruck einer Eventkultur, die wir in der Medizin gerade im Bereich Schwangerschaft und Geburt erleben", kritisiert Professor Ekkehard Schleußner vom Uniklinikum Jena. Er sieht Risiken: "Die Sterilität des OP-Gebietes wird potenziell gefährdet", die Mutter sei kein Fachpersonal.

Schleußner ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die sich seit Jahren für die Senkung der Kaiserschnittrate in Deutschland einsetzt. Inzwischen kommt fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Vor 15 Jahren lag die Rate noch bei 21,5 Prozent. Zwar ist der Wunschkaiserschnitt ohne medizinischen Grund immer noch die Ausnahme. Aus einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2010 ging allerdings hervor, dass Ärzte in bestimmten Situationen, etwa einer Beckenendlage, immer öfter den Kaiserschnitt einer Spontangeburt vorziehen.

"Marketing für den Kaiserschnitt"

Da wirke ein Angebot wie der mütterlich assistierte Kaiserschnitt eher als Verstärkung: "Das ist doch eher Marketing für den Kaiserschnitt als vermeintliche Optimallösung", sagt Schleußner. "Man erfindet immer mehr, um den Kaiserschnitt so hoffähig zu machen, dass eine normale Geburt immer überflüssiger erscheint", sagt Professor Walter Klockenbusch, Leiter der Geburtshilfe am Uniklinikum Münster.

Klinik in Bad Oeynhausen 
"Mütterlich assistierter Kaiserschnitt"

Oxana Kaiser wendet australische Methode bei ihrem Sohn an. Video

Tatsächlich reagiert die Geburtshilfe schon länger auf den Wunsch von Müttern, das Zur-Welt-Kommen ihres Kindes trotz Kaiserschnitts mitzuerleben. So wird Vollnarkose beim Kaiserschnitt, die die Mutter das Wunder verschlafen lässt, seit Jahren nur bei Notfällen eingesetzt. Um schnellen Kontakt zwischen Mutter und Kind zu ermöglichen, werden gesunde Kinder nach der Geburt meist nicht mehr weggetragen, sondern sofort auf den Oberkörper der Mutter gelegt, berichtet Schleußner.

Auch bei der "Kaisergeburt" wirkt die Gebärende mit

Auch Professor Wolfgang Henrich von der Berliner Charité suchte nach einem Weg, den Kaiserschnitt für die Eltern natürlicher zu gestalten und fand eine Anregung bei Kollegen in London: Als "Kaisergeburt" hat er 2012 in Deutschland eine Methode eingeführt, bei der die Mutter im entscheidenden Moment zuschaut oder sogar presst. Dafür lupfen die Mediziner den Sichtschutz, wenn der Arzt das Köpfchen aus dem Bauch hebt. Es gehe darum, den Operationscharakter in den Hintergrund zu drängen die Geburt in den Vordergrund zu rücken.

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Der Vater darf die Nabelschnur durchtrennen. Danach übergibt der Arzt das Kind der Hebamme, die es auf den Oberkörper der Mutter legt. "Kind und Mutter können sofort gegenseitig die Wärme spüren, Herzschlag, Geruch", sagt Henrich. Der Hautkontakt beruhige das Baby. Dass die Eltern den Vorgang auch sehen könnten, erhöhe ihre Zufriedenheit .

Eine Auswertung habe ergeben, dass die Methode sicher sei sei und die Kaiserschnittrate nicht steigen lasse. Mittlerweile entschieden sich 70 Prozent aller Kaiserschnitt-Kandidatinnen für die "Kaisergeburt" - allerdings nur, und das betonen sowohl Schmitt als auch Henrich, wenn medizinische Gründe für den Kaiserschnitt vorliegen.

Kein Einzelfall?

Was seine Kollegen in Bad Oeynhausen machen, kommentiert der Professor aus Berlin dennoch mit Zurückhaltung. "Ich glaube eher nicht, dass das auf großes Interesse bei Müttern wie Operateuren stoßen wird", sagt er. Technisch sei es schwierig, Sterilität zu gewährleisten und gleichzeitig den schnellen Hautkontakt zwischen Kind und Mutter herzustellen. Kritiker Schleußner hingegen befürchtet: "Das wird kein Einzelfall bleiben".

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