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Tumorgefahr durch künstliche Befruchtung?

27.10.2011, 12:14 Uhr | dpa

Tumorgefahr durch künstliche Befruchtung. Forscher glauben, dass die Hormonbehandlung bei der künstlichen Befruchtung Spuren an den Eierstöcken hinterlassen kann.

Forscher glauben, dass die Hormonbehandlung bei der künstlichen Befruchtung Spuren an den Eierstöcken hinterlassen kann.

Haben die Hormonspritzen vor einer künstlichen Befruchtung Auswirkungen auf die Gesundheit der Patientinnen? Forscher meinen, jetzt belegen zu können, dass die Hormone Spuren an den Eierstöcken hinterlassen.

Hormongaben vor einer künstlichen Befruchtung können einer Studie zufolge das Risiko für Eierstocktumore erhöhen. Die Stimulation der Ovarien, wie sie vor künstlichen Befruchtungen stattfindet, steigere insbesondere das Risiko für sogenannte Borderline-Tumore. Das berichten Forscher vom Netherland Cancer Institute in Amsterdam im Journal "Human Reproduction".

Was sind Borderline-Tumore?

Borderline-Tumore sind eine besondere Form des Eierstockkrebses und nicht eindeutig als gut- oder bösartig klassifizierbar. Die sogenannten Grenztumore sollten nach Expertenmeinung jedoch nicht unterschätzt werden: "Borderline-Tumore sind häufig beidseitig und müssen operiert werden. Das bedeutet meist eine Entfernung des Eierstocks", erläutert der bundesweit anerkannte Experte für Reproduktionsmedizin, Professor Michael Ludwig aus Hamburg. Die Wahrscheinlichkeit, an einem gut- oder bösartigen Eierstocktumor zu erkranken, bleibe aber sehr gering.

Letzte Hoffnung: "in-vitro-fertilisation"

Für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ist sie oft die letzte Hoffnung: die "in-vitro-fertilisation" (IVF) - die "Befruchtung im Glas". Um die dafür notwendige Zahl an Eizellen zu gewinnen, werden die Eierstöcke mit Hormonspritzen stimuliert. Dass diese Methode Folgen für die Gesundheit haben kann, hatten Experten schon länger vermutet. Die Studie von Flora van Leeuwen und ihrem Team gibt jetzt Hinweise, dass die Hormone tatsächlich Spuren hinterlassen.

Die Untersuchung erfasste 19.146 Frauen, die zwischen 1983 und 1995 mit Hormonen behandelt wurden, um Eizellen für die künstliche Befruchtung zu gewinnen. Weitere 6006 Frauen der Kontrollgruppe hatten zwar auch eine verminderte Fruchtbarkeit, erhielten aber keine IVF-vorbereitende Behandlung.

Es bleiben Zweifel über die Ursachen

"Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass da etwas dran ist", sagt Ludwig über die Studie. Fakt sei jedoch, dass das absolute Risiko an gut- oder bösartigen Eierstocktumoren zu erkranken, insgesamt sehr gering sei. Wie die Forscher in ihrer Studie schätzen, steige es beispielsweise bei 55 Jahre alten Patientinnen, die einmal eine IVF-Therapie hatten, im Vergleich zu Frauen ohne IVF von 0,45 auf 0,71 Prozent.

Ludwig betont, es sei nicht klar, ob die Hormone das Risiko erhöhen oder ob Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen bereits ein gewisses Risiko "in sich tragen". Die Studie zeigt, dass sowohl eine erhöhte Dosis der Hormone als auch mehrfache künstliche Befruchtungen das Erkrankungsrisiko nicht steigerten. So blieben Zweifel, ob einzig die Hormone oder die Behandlung Schuld an einer Erkrankung sein können.

Vorsorge-Untersuchungen in Anspruch nehmen

Die wichtigste Konsequenz aus dieser Studie ist es Ludwig zufolge, Frauen nach einer IVF-Therapie langfristige Vorsorge-Untersuchungen nahezulegen. Auch für die Frauen, die aus gesundheitlichen Gründen, wie einem verschlossenen Eileiter, nicht schwanger werden konnten, sich aber gegen die künstliche Befruchtung entschieden hatten, sei das zu empfehlen. Tumore an den Eierstöcken ließen sich nur durch eine spezielle Ultraschall-Untersuchung frühzeitig entdecken. Diese werde in Deutschland aber nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, sondern müsse von den Patientinnen selbst übernommen werden.

Auch Richard Kennedy von der International Federation of Fertility Societies (IFFS) bewertet die Studie als gut und wichtig, betont jedoch: "Die IFFS bleibt bei ihrem Standpunkt, dass die Langzeitrisiken gering sind." Sie rufe aber zur kontinuierlichen Beobachtung solcher Fälle auf.

Jenny Chang-Claude vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) kennt die Arbeitsgruppe von Flora van Leeuwen. Sie betont, das Team sei sehr anerkannt, seriös und auf stichhaltige Ergebnisse bedacht.

Weitere Studien sind notwendig

Insgesamt traten nach knapp 15 Jahren bei 77 der teilnehmenden Frauen Tumore an den Ovarien auf. 61 von ihnen hatten sich einer IVF-Therapie unterzogen. 16 stammten aus der Kontrollgruppe. Von den Frauen, die erkrankten, litten 42 an einer bösartigen Krebsform, 35 waren von Borderline-Tumoren betroffen.

Die Forscher betonen, dass größere Studien nötig seien, um die Ergebnisse zu untermauern. Zudem weisen sie ausdrücklich darauf hin, dass ihre Studie die Folgen der Hormone (Gonadotrophine) und der IVF-Therapie bis 1995 betrachtet - also vor Einführung milderer Verfahren zur Stimulation der Eireifung.

Einer der 18 beteiligten Forscher erklärt gemäß den Statuten des Fachjournals, dass er Geld von zwei Pharmafirmen erhalten hatte.

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