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Deutsche Bürokratie schockiert chinesische Investoren

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Geldgeber aus Fernost  

Deutsche Bürokratie schockiert chinesische Investoren

21.02.2011, 13:05 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Deutsche Bürokratie schockiert chinesische Investoren. Chinesische Investoren: Imageprobleme in Deutschland (Foto: dpa)

Chinesische Investoren: Imageprobleme in Deutschland (Foto: dpa)

Sie lieben Deutschland und haben Geld: Chinesische Firmen wollen Hunderte Millionen bei uns investieren, doch Sprachschwierigkeiten und Bürokratie erschweren die Geschäfte. Laut einer Studie werden die Chinesen ihr mieses Image einfach nicht los.

Chinesische Mittelständler zieht es nach Deutschland. Spediteure, Elektronikbauer, Solartechniker oder Automobilzulieferer - sie alle lockt der gute Ruf der deutschen Qualitätsarbeit, die perfekte Lage mitten in Europa und die Kaufkraft der Einheimischen. Die Geschäfte könnten richtig gut laufen. Doch der Alltag macht den chinesischen Investoren Probleme.

Laut einer Studie des German Center for Market Entry (GCME), beklagen sich 69 Prozent der Geldgeber aus Fernost darüber, dass kulturelle Unterschiede die Geschäfte blockieren. Über 90 Prozent sehen in der deutschen Sprache - als Grundlage für Vertragsverhandlungen - das größte Hindernis. Zwei Drittel beschweren sich über die Bürokratie der Ausländerbehörden und Arbeitsämter. Wer nicht auf chinesische Mitarbeiter zurückgreifen kann, die bereits in Deutschland leben, muss lange auf die nötigen Papiere warten.

"Die Anpassung an den deutschen Markt wird in der Vorbereitung unterschätzt", sagt Alexander Tirpitz, Leiter der Studie und Geschäftsführer des GCME. 70 Prozent der Investoren sind kleine und mittelständische Unternehmen. Die meisten investieren 50.000 bis 250.000 Dollar in den neuen Standort.

Die Anforderungen der deutschen Behörden überraschen die Investoren laut Studie. Die Ämter vergeben beispielsweise erst dann eine Arbeitserlaubnis für Selbstständige, wenn mindestens fünf neue Arbeitsplätze geschaffen werden und eine Viertel Million Euro nach Deutschland fließt. Ergebnis: Viele Geldgeber scheitern an dieser bürokratischen Hürde.

Rund einhundert chinesische Führungskräfte und deutsche Wirtschaftsförderer hat Tirpitz für die Studie befragt. Die Investoren kommen aus allen Branchen. Die meisten arbeiten im Maschinenbau oder der Elektronikindustrie, beliefern Automobilfirmen oder bieten Dienstleistungen an. Den Geldgebern geht es längst nicht mehr darum, auf dem europäischen Markt Waren anzubieten, die in der Heimat gefertigt wurden. Vielmehr wollen sie Tochterunternehmen gründen und eigene Marken vor Ort entwickeln. Wissen, Personal und Kunden vom deutschen Standort machen sie sich dabei zunutze.

Chinesen verzweifeln an deutscher Rechtssprechung

Wie viele Investoren es wirklich sind, weiß keiner so richtig. Regionale Wirtschaftsförderer schätzen die Zahl auf 2000 chinesische Unternehmen in ganz Deutschland. Die Marketingfirma Germany Trade & Invest geht von 600 bis 800 Firmen aus. Der Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse liegt in der Definition, glaubt Tirpitz. Viele Unternehmen findet man nicht im Handelsregister. Zudem verschweigen deutsche Unternehmen häufig, wenn ein Investor aus Fernost Geschäftsanteile übernimmt. Zu groß ist die Angst, den guten Ruf zu verlieren.

Bei der Auswahl der Standorte müssen für die Geldgeber Kosten und Nutzen stimmen. Doch das ist der Studie zufolge nicht alles. "Bekannte, die in Deutschland studiert haben, werden als Informanten gesehen, obwohl sie gar nicht in der Branche sind", sagt Tirpitz. Selbst die eigenen Erlebnisse bei einer Reise durch Deutschland geben oft den Ausschlag für den Standort. In Frankfurt erinnern sich die chinesischen Besucher an Flughafen und Börsentürme, in Hamburg an Hafen und Schiffscontainer. Nach Hessen und Hamburg steht Nordrhein-Westfalen an dritter Stelle der Beliebtheitsskala.

Die Studie zeigt auch: Der chinesische Mittelständler denkt kurzfristig, will schnell investieren und Gewinne machen - wenn die Aussichten gut sind. Doch die deutsche Realität sieht anders aus: Die Bürokratie schreckt manchen Chinesen ab. "Viele sind geschockt, dass Mietverträge über zwei Jahre laufen", sagt China-Experte Tirpitz. Die deutsche Rechtssprechung ist den Investoren aus Fernost oft fremd.

Anwälte, Wirtschaftsprüfer oder Logistikunternehmen haben die Unwissenheit der fremden Geldgeber als Geschäftsfeld entdeckt. Der Fachanwalt für Gewerberecht, Raoul Sandner, ist so ein Bindeglied zwischen chinesischem Investor und deutscher Justiz. Sandner arbeitet in Hamburg. Seit 2009 hätten sich die Anfragen chinesischer Investoren an sein Büro verdreifacht, sagt er.

Sandner vertritt kleine und mittelständische Firmen ebenso wie multinationale Konzerne. Seine Kunden haben nicht den hundertsten China-Imbiss im Blick. Sie wollen groß investieren. Sandners "China Desk" regelt Rechtsstreitereien, hilft beim Abschluss von Mietverträgen, bei der Suche nach Personal und bei Aufenthaltsregelungen. Damit es keine Sprachprobleme gibt, hat er deutsche Anwälte angestellt, die chinesisch sprechen.

Jeder vierte Investor plant eine weitere Niederlassung

Warum sind die Chinesen so begeistert von Deutschland? Sandner hält die Auszeichnung "Made in Germany" für einen "willkommenen Nebeneffekt", den die Chinesen gerne mitnehmen. Den Hauptgrund für die steigenden Investitionen sieht er woanders. "Wird die Produktion nach Europa verlegt, umgehen die Investoren hohe Einfuhrzölle in die EU-Staaten", sagt er.

Doch die Deutschen spielen oft nicht mit. Die Angst von den Chinesen verramscht zu werden, beherrscht viele deutsche Unternehmer. Gerüchte über schlechte Qualität oder fehlende Unternehmensethik schüren Vorurteile. Ist die Angst berechtigt? China-Experte Tirpitz sagt Nein. Er hält die enge Kooperation für eine strategische Allianz. "Das ist eine große Chance für die deutschen Mittelständler."

Fakt ist: Es werden immer mehr Investoren aus Fernost. Jeder vierte chinesische Unternehmer in Deutschland plant eine weitere Niederlassung. Die Regierung in Peking fördert die Vorhaben und zahlt für Geschäftsideen, die in Europa umgesetzt werden sollen.Weltweit wurden bis Ende 2009 insgesamt 13.000 chinesische Unternehmen in 177 Ländern gegründet. Unter den Auslandsinvestoren belegt China damit den fünften Platz. Allein in Deutschland haben chinesische Unternehmer laut Bundesbank 2008 über 568 Millionen Euro investiert. Damit liegen die Deutschen in Europa vorn. Nur Großbritannien ist noch begehrter - der Sprache wegen.


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