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Bierkonsum: Bayerische Bierbrauer in Nöten

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Bayerische Bierbrauer in Nöten

02.05.2011, 15:50 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Bayerns Brauereien stecken in der Krise, jeder fünften droht das Aus. Schuld sind die neuen Trinkgewohnheiten der Bundesbürger: Sie kaufen am liebsten Dosenbier aus Norddeutschland. Ein Streifzug durch das ehemalige Stammland von Hopfen und Malz.

An solchen Frühlingstagen weiß der Münchner, was er an seiner Heimat liebt: Der See im Englischen Garten schimmert in der Sonne. Frisch verliebte Pärchen schippern mit ihren Booten dahin. Nicht weit entfernt im Chinesischen Turm kracht die Blasmusik. In den Maßkrügen der Gäste leuchtet goldener Gerstensaft - natürlich aus Bayern.

Gefahr für die "Mir san mir"-Idylle

Auch auf den Wiesen des Englischen Gartens ist sie noch zu spüren: die bajuwarische Lebensfreude. Es duftet nach Steak und Bratwurst. Auf den Picknick-Decken trinken die Sparsameren ihr Feierabendbier aus den bunt verzierten Glasflaschen ihrer einheimischen Traditionsbrauereien.

Doch die "Mir san mir"-Idylle ist in Gefahr: Denn immer öfter ragen in der Landeshauptstadt wie im gesamten Freistaat Einwegflaschen und Dosen aus den Mülleimern. Mancherorts werden die Naherholungsgebiete gar von einer regelrechten Blechlawine überrollt: Denn pünktlich zur Fußball-WM im vergangenen Sommer hatten mehrere Einzelhandelsketten die lange geschmähte Bierdose in ihre Regale geholt.

Der Discounter Netto etwa bietet seither neben Gerstensaft aus Mehrwegflaschen auch Dosen der Marke Schloss-Pils an: Gerade einmal 29 Cent, plus 25 Cent Pfand, kostet der halbe Liter derzeit. "Die Kundenresonanz liegt über unseren Erwartungen", sagt eine Firmensprecherin.

Dosenbier ist für Bayerns Brauer ein Tabu

Ein Tester des Fachblatts "Biertest Online" schreibt, das Schloss-Pils sei eines der besten Billigbiere, "welches je meinen Rachen hinunterlief"; doch das Entsetzen bei den Mittelständlern ist groß. "Mit jeder verkauften Dose fällt eine Flasche für die Traditionsbrauereien weg", sagt etwa Walter König. Der Sprecher des Bayerischen Brauerbunds residiert in einem Altbau in der Münchner City. Auf der Straße vor seinem Büro steht ein Bierbrunnen, umrahmt von einem Bassin. An Festtagen sprudelt hier Freibier. Auf dem Regal in Königs Arbeitszimmer stehen Flaschen erlesener Sorten, Dosen sucht man vergebens.

Denn während die großen Abfüller der blechernen Tiefpreis-Plörre ihren Sitz häufig in Nord- und Ostdeutschland haben, ist die Brauwirtschaft im Land der Lederhosen noch immer weitgehend mittelständisch organisiert: Neun von zehn Betrieben sind in Familienhand. Für sie ist Bier in Einwegverpackungen ein Tabu. "Unsere Brauer wollen das nicht", berichtet König. Noch immer liegt die Mehrwegquote beim Gerstensaft bei mehr als 80 Prozent. Ob das allerdings so bleibt, ist fraglich: 2010 stieg der Einweganteil bereits spürbar.

Und selbst Discounter, die bislang aus Imagegründen auf die Umweltkiller aus Alu verzichten, überschwemmen ihre Märkte mit extrem günstigem Bier - nur eben aus Flaschen. Manche Großbrauerei verschleudert die Kiste hier für weniger als sechs Euro. "Da unterbietet jeder jeden", ärgert sich Hans Hartl, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Bayern. Viele kleinere Brauereien litten massiv unter den Attacken der Bier-Multis. Kein Wunder: Ein Mittelständler kann laut Brauerbund schon bei einem Kastenpreis von unter 14 Euro kaum noch wirtschaftlich arbeiten.

Bayerisches Bier verliert rasch Marktanteile

Die Invasion der Billigplörre trifft die Brauer im Süden zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: 2010 brach der Bierabsatz im Freistaat im Vergleich zum Vorjahr um 700.000 Hektoliter ein. Mit 3,2 Prozent ist das Minus doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. In der Folge mussten die bayerischen Brauer - trotz gestiegener Exporte - ihre Jahresproduktion um 500.000 auf 22,8 Millionen Hektoliter drosseln. Anfang der neunziger Jahre füllten sie mit rund 30 Millionen Hektoliter fast ein Drittel mehr ab.

Und ein Ende der Krise ist nicht in Sicht: "Für mache könnte es bald sehr eng werden", sagt König. Nicht wenige Mittelständler lebten von der Substanz. "Doch keiner will derjenige sein, der den Schlüssel umdreht", sagt der Bierlobbyist.

Auf den ersten Blick scheint die weiß-blaue Welt allerdings noch in Ordnung zu sein. Denn dem bayerischem Wirtschaftsministerium zufolge hat derzeit mehr als ein Drittel aller Brauereien innerhalb der EU ihren Sitz in der Heimat von König Ludwig. Laut Statistik stieg die Zahl der angemeldeten Braustätten im Freistaat seit 2007 sogar leicht von 629 auf 637. "Doch das sind Erlebnis- und Gasthofbrauereien", sagt König. Meist steht dort nur der Wirt selbst am kupfernen Sudkessel.

Vielen Brauereien vor dem Aus

Schätzungen gehen davon aus, dass jeder fünften Brauerei im Freistaat das Aus droht. Tatsächlich sank die Zahl der Betriebe mit mehr als 20 Angestellten bereits - von 161 im Jahr 2001 auf nur mehr 129 Ende 2008. Im selben Zeitraum ging in Bayern ein gutes Sechstel der Arbeitsplätze in der Branche verloren. "Es besteht insgesamt ein erheblicher Konsolidierungsdruck aufgrund des rückläufigen Konsums in Verbindung mit massiven Überkapazitäten", erläutert ein Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums.

Die Folge: Viele Familienunternehmen wurden im vergangenen Jahrzehnt geschluckt, andere gingen pleite: Erst im Januar stellte das fränkische Zeltbräu nach mehr als 150 Jahren Firmengeschichte endgültig seinen Betrieb ein. In der Bierstadt Hof gibt es jetzt nur mehr zwei von einstmals zehn unabhängigen Brauereien. Andernorts ist die Vielfalt ebenfalls in Gefahr: Im vergangenen Jahr gab die 1648 gegründete Baunacher Brauerei Sippel auf. Und bereits Ende 2008 verloren beim insolventen Bamberger Maisel-Bräu mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter ihre Jobs. Einem Fünftel der Betriebe im Freistaat droht König zufolge langfristig das Aus.

Bierkonsum geht stark zurück

Schuld an der Misere ist vor allem das veränderte Konsumverhalten der Deutschen: Trank der durchschnittliche Bundesbürger vor zwei Jahrzehnten noch 142 Liter Bier im Jahr, waren es 2010 rund 40 Liter weniger. Für nachlassenden Durst sorgten aus Sicht der Brauer zuletzt auch Werbe- und Verkaufsbeschränkungen. Auch der Biomasse-Boom für die Energieerzeugung hat Konsequenzen: Die Preise für Braugerste zogen rasant an.

Wegen des sinkenden Absatzes empfiehlt König seinen Mitgliedern, auf den Export zu setzen - und auf Qualität statt Preisdumping. Tatsächlich verzeichneten einige Großbrauereien aus dem Alpenvorland wie die Paulaner-Gruppe dank gestiegener Ausfuhren 2010 ein ordentliches Umsatzplus. Und auch mehrere oberbayerische Kultmarken - darunter Augustiner und Tegernseer Hell - konnten ganz ohne Billiglabel kräftig wachsen. "Bei einer Preisspirale nach unten gewinnt niemand. Wir müssen klar sagen: Gutes Bier kostet gutes Geld", sagt Helmut Erdmann, Direktor der Ayinger-Brauerei. Die Firma mit 65 Mitarbeitern macht unter anderem in Italien und den USA Geschäfte.

Trübe Aussichten

Doch es sind vor allem die Multis, die Marktanteile gewinnen: Schon jetzt teilen die größten zehn Firmen mehr als zwei Drittel des deutschen Biermarkts unter sich auf. "Und dieses Ungleichgewicht wurde in den vergangen Jahren durch erhebliche Steuersubventionen für Konzernbrauereien in den neuen Ländern noch verschärft", poltert NGG-Mann Hartl.

Aus Sicht des bayerischen Wirtschaftsministeriums ist es ebenfalls "unverständlich", wenn trotz Überproduktion der Bau weiterer Abfüllanlagen in Ostdeutschland mit EU-Geldern gefördert werde. Minister Martin Zeil (FDP) fordert stattdessen eine Senkung der Biersteuer für kleine und mittelständische Brauereien. Die Abgabe war 2003 kräftig erhöht worden. 2009 scheiterte der Freistaat mit einem entsprechenden Vorstoß allerdings im Bundesrat.

Klar ist: Passiert nichts, blicken die bayerischen Brauer trüben Zeiten entgegen. Feierlaune dürfte in fünf Jahren, wenn die Branche den 500. Geburtstag des Reinheitsgebots von 1516 begeht, dann trotz Freibier aus Münchner Brunnen nicht aufkommen. Denn Hartl prophezeit: "Manche Traditionsmarke könnte das Jubiläum gar nicht mehr erleben."

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