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Schweizer fürchten Vertreibung aus dem Wirtschaftsparadies

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Starker Franken  

Schweizer fürchten Vertreibung aus dem Wirtschaftsparadies

23.12.2011, 14:20 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Jahrzehntelang waren die Schweizer stolz auf ihre starke Währung - nun wird die massive Aufwertung des Franken zum Fluch: Tourismus und Exportindustrie klagen über massive Einbußen. Ein Besuch bei den Sorgenkindern der Alpenrepublik.

Die große Weltkrise ist in einem kleinen Schweizer Tal angekommen: Wenn der stämmige Hans Stadelmann über Währungsspekulation spricht, prallen zwei Welten aufeinander. Er steht in seiner kleinen Käserei, der frisch geschnittene Appenzeller Käse dampft, fünf Männer arbeiten an den Kesseln und produzieren den beliebtesten Schweizer Käse der Deutschen - streng nach jahrhundertealter Tradition.

Schweizer Franken als sichere Anlage

Auf der anderen Seite gibt es die internationalen Finanzmärkte, ein abstraktes globales Gebilde, deren Akteure den Schweizer Franken als sichere Anlage auserkoren haben - und den Kurs auf immer neue Rekordhöhen gegenüber Euro und Dollar treiben. Vor einem Jahr gab es für einen Euro noch 1,35 Franken, in der vergangenen Woche zeitweise nur noch gut einen Franken.

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Für den 44-jährigen Käser Stadelmann ist das ein Problem. 40 Prozent seiner Waren gehen ins Ausland - der Großteil davon in die EU. Damit er in Franken genauso viel verdient wie früher, müsste er einen deutlich höheren Euro-Preis verlangen. Doch das machen nicht alle Kunden mit. "Ich verkaufe jetzt schon weniger, und ich habe Angst, dass es noch viel schlimmer wird", sagt Stadelmann.

Exporte gehen stark zurück

Er sorgt sich nicht nur um den eigenen Betrieb: "Ich bekomme meine Milch von 50 Kleinbauern. Wenn ich dicht machen muss, zerstöre ich auch die Existenzgrundlage von 50 Familien." Stadelmann ist machtlos gegen die Finanzmärkte. Er weiß das - was seine Sorgen nur noch vergrößert. Weltweit flüchten Anleger in Schweizer Franken, die Rechnung zahlt die Exportindustrie des Landes. Um vier Milliarden Franken sanken die Ausfuhren der Alpenrepublik im Juni, die Exporte in die EU, die wichtigster Handelspartner ist, gingen um knapp 15 Prozent zurück.

Selbst die Schweizer Konsumenten sind gnadenlos: Weil Importe günstiger werden, kaufen sie zunehmend ausländischen Käse. Stadelmann nennt Käse aus Holland und Deutschland verächtlich "Kaumasse", doch seine Sorgen sind ihm auch bei solchen Sprüchen anzumerken. Zweifellos jammern die Schweizer auf hohem Niveau, schließlich gehört das Land zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Die Wirtschaftleistung pro Kopf liegt bei rund 73.000 Franken, die Staatsverschuldung bei 38,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und die Arbeitslosenquote beträgt gerade einmal drei Prozent.

"Was derzeit passiert, ist wirklich schlimm"

Doch die Schweizer fürchten das Ende ihrer Erfolgsgeschichte. Der Franken hat im laufenden Jahr gegenüber dem Euro rund 20 Prozent an Wert gewonnen. "Mit einer Aufwertung von zwei bis fünf Prozent können die exportabhängigen Unternehmen umgehen, das kennen sie", sagt Konjunkturforscher Jan-Egbert Sturm von der Universität Zürich. "Aber was derzeit passiert, ist wirklich schlimm." Wenn der Euro unter 1,10 Franken notiere, sei das für die Schweizer Wirtschaft nicht mehr zu verkraften, warnt Sturm. Deshalb griff die Schweizer Nationalbank ein, flutete den Geldmarkt - und drückte so den Frankenkurs wieder auf ein erträglicheres Niveau.

"Der Kurs beschäftigt mich von früh bis spät"

Käser Stadelmann profitiert derzeit noch von den hohen Subventionen auf den Milchpreis und langfristigen Lieferverträgen mit seinem Großhändler. Dort - auf der nächsten Stufe der Lieferkette - sind die Ängste aber noch ausgeprägter. "Das geht an die Existenz, unsere Erträge sind tiefrot", sagt Josef Hardegger. Er exportiert im Jahr 8000 Tonnen Schweizer Käse, beschäftigt knapp 100 Mitarbeiter. "Seit anderthalb Jahren kann ich mit unseren Geschäftspartnern nur noch über Preise sprechen", klagt Hardegger. "Der steigende Frankenkurs beschäftigt mich von früh bis spät."

Besonders schwierig sei für ihn, dass der Franken seit Januar 2010 kontinuierlich an Wert zulegt. Immer wenn Hardegger gerade neue Preise mit den Händlern und Supermarktketten in der Euro-Zone ausgehandelt hatte, rutschte der Euro weiter ab - und die Gewinne des Schweizers brachen erneut ein. "Ich wäre schon froh, wenn der Kurs gegenüber dem Euro einfach mal ein paar Monate konstant bliebe", sagt der Käsehändler.

Die Unsicherheit macht auch dem Hersteller der Schweizer Nationalbrause zu schaffen. Rivella setzt 20 Prozent seiner Getränke im Ausland ab, vor drei Jahren entschied das Unternehmen, sich verstärkt auf Deutschland zu konzentrieren. Das Unternehmen hat eine große Werbekampagne gestartet, mit Kabarettist Michael Mittermaier im Mittelpunkt. Bislang gibt es Rivella nur in wenigen Städten.

Frankenkurs erschwert Expansionspläne

Schritt für Schritt will der Brausehersteller sein Geschäft auf ganz Deutschland ausdehnen. "Wir haben einen Plan über mehrere Jahre", sagt Axel Kuhn, der bei Rivella für das internationale Geschäft zuständig ist. Die Aufwertung des Franken habe die Planung jedoch extrem erschwert.

Denn die Kosten des Unternehmens werden fast komplett in Franken fällig, die Einnahmen aus den europäischen Nachbarländern dagegen im schwachen Euro erzielt. Kuhns Konsequenz: Wenn der Franken so stark bleibe, "müssen wir die Preise erhöhen". Rivella gehört aber bereits jetzt mit 1,29 bis 1,45 Euro pro Liter zu den teureren Süßgetränken.

Die Produktion ins Ausland zu verlegen, wie es viele große Industrieunternehmen derzeit erwägen, kann sich der Brausehersteller aus Imagegründen nicht leisten. "Rivella gehört irgendwie ein bisschen jedem Schweizer", sagt Kuhn. Die Eidgenossen wachsen mit dem süßen Getränk auf, im Schnitt trinkt jeder Schweizer zehn Liter pro Jahr. Nur Cola ist beliebter.

Luzern verliert deutsche Gäste

Die Flucht der Anleger in den Franken hat noch einen weiteren Verlierer: Neben der Exportindustrie leidet auch der Schweizer Tourismus unter der starken Währung. Die Schweiz war schon immer ein teures Reiseziel, aber sie droht zu einer Luxusdestination zu werden. Um fünf Prozent ist der Umsatz eingebrochen, sagt Jürg Schmid vom Verband Schweiz Tourismus. Im Winter drohe es noch schlimmer zu werden, die Branche profitierte bislang noch von länger zurückliegenden Buchungen.

"Die Skiorte wird es wohl härter treffen als uns", sagt auch Marcel Perren, Tourismusdirektor in Luzern. "Aber zaubern können wir auch nicht. Die Preise für Gäste aus dem Euro-Raum sind um 20 Prozent gestiegen, ohne dass wir etwas damit zu tun haben."

Inzwischen kostet ein Restaurantbesuch in Luzern schnell 50 Euro pro Person - und damit das Doppelte wie in Deutschland. Diese Preise führen dazu, dass deutlich weniger Deutsche nach Luzern kommen. Die Zahl der Übernachtungen sank im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent, die Besuche der italienischen Gäste brachen gar um rund zwölf Prozent ein.

Mehr Asiaten, weniger Italiener und Engländer

Noch kann Luzern die Verluste zwar kompensieren - dank der wachsenden Beliebtheit bei asiatischen Gästen. Doch der Ansturm der Gäste aus China, Thailand und Indien verändert den Tourismus. Die Asiaten übernachten meist in Ein- oder Zwei-Sterne-Hotels, geben wenig Geld in Restaurants aus - kaufen dafür gleich mehrere Luxusuhren für die Verwandtschaft.

Auch Stadtführerin Heidi Vogt erlebt den Wandel ihrer Stadt. "Es kommen weniger Italiener und Engländer", sagt sie. Obwohl es in ihrem Team auch drei Kolleginnen gibt, die chinesisch sprechen, werden weniger Rundgänge gebucht. "Die Chinesen bringen ihre eigenen Führer mit", sagt Vogt.

Tourismusdirektor Perren bemüht sich dagegen, die Frankenstärke als Herausforderung zu sehen - auch wenn es etwas gequält klingt: "Die Situation fordert die Kreativität der Schweizer, wir sind jetzt echt gefordert."

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