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Türkei verliert Lust auf Europa

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Türkei und die Euro-Krise  

EU-Beitritt der Türkei? Muss nicht sein...

13.08.2012, 10:45 Uhr | Spiegel Online

Türkei verliert Lust auf Europa. Türkische Flaggen an Geschäftshäusern in Istanbul - neues Selbstbewusstsein (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Türkische Flaggen an Geschäftshäusern in Istanbul (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Krise? Nicht bei uns! Die Türken blicken mit neuem Selbstbewusstsein auf das Euro-Drama, das sich vor ihrer Haustür abspielt. Der Traum vom EU-Beitritt hat an Reiz verloren. Eine gefährliche Entwicklung - denn die Aussicht auf eine Mitgliedschaft war der wichtigste Motor für Reformen.

Zeitungsverkäufer Menderes strahlt: "Alles super!" Sein Kiosk liegt an der Fähranlegestelle von Kadiköy, auf der asiatischen Seite Istanbuls. Die Geschäfte laufen gut, und nicht nur seine. Die türkische Wirtschaft boomt, mit einem Plus von 8,5 Prozent war sie 2011 die am zweitschnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Die Bevölkerung der Türkei ist jung, die Lust am Konsum hoch.

Interesse der Türken an EU-Beitritt gesunken

So scheut Menderes auch keinen Vergleich zu Europa: "In der Türkei gibt es keine Krise. Unser Ministerpräsident Erdogan leistet gute Arbeit!" EU-Beitritt der Türkei? Der 30-Jährige hat daran kein Interesse mehr. "Wir wollen nicht von anderen abhängig sein. Allein sind wir stärker."

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Menderes befindet sich mit seiner Meinung in guter Gesellschaft. 2004, kurz vor Beginn der Beitrittsverhandlungen, wollten noch 75 Prozent der Türken in die EU. Nun ist ihre Zahl auf weniger als 50 Prozent gesunken. "Der Enthusiasmus für die EU ist in der Öffentlichkeit schon vor Jahren verloren gegangen", erklärt der Istanbuler Politologe Cengiz Aktar. "Die Euro-Krise hat das noch verstärkt."

Neues Selbstbewusstsein

Jahrelang musste die Türkei vor den Toren Europas warten, nun kontert sie mit neuem Selbstbewusstsein. Die türkische Regierung lässt verlauten, dass die EU-Mitgliedschaft zwar noch langfristiges Ziel sei, aber nicht mehr um jeden Preis. "Wir denken immer noch, dass die Türkei der Europäischen Union beitreten sollte", sagte der türkische Finanzminister Mehmet Simsek im Herbst 2011, "nicht zur Euro-Zone zu gehören, erscheint hingegen in diesen Tagen als eine ziemlich verlockende Option."

Gleichzeitig geht die Euro-Krise auch an der Türkei nicht spurlos vorbei. Zu Beginn 2012 wuchs die türkische Wirtschaft nur noch um 3,2 Prozent - für ein Schwellenland eher bescheiden. Der Grund: die EU ist mit Abstand wichtigster Handelspartner der Türkei. Mehr als ein Drittel der türkischen Exporte gehen in die EU. Rund 80 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen, die in der Türkei getätigt werden, stammen aus der EU.

Und so herrscht in dem Land eine seltsam zwiegespaltene Stimmung gegenüber der Euro-Krise: Unbändige Freude über die eigene Stärke im Vergleich zum schwächelnden Europa mischt sich mit dem Wissen, dass man wirtschaftlich letztlich doch auf die EU angewiesen ist.

"Wäre Europa gesünder, könnte die Türkei schneller wachsen"

Eine Abhängigkeit, über die man sich vor allem in der türkischen Wirtschaftselite keinen Illusionen hingibt. Ali Bilaloglu, Chef des großen Kfz-Importeurs Dogus Otomotiv, bezeichnet sich als "überzeugten Europäer". Der Handel mit Europa gehört für ihn zum täglichen Geschäft. Seine 2000 Mitarbeiter importieren Automarken wie VW, Audi und Porsche in die Türkei.

Die Euro-Krise spüre das Unternehmen eher indirekt: Der Absatz türkischer Produkte in die EU sinkt, das schwächt indirekt auch die Kaufkraft der Türken. "Rückläufige Zahlen haben wir nicht, aber ein geringeres Wachstum", sagt Bilaloglu. "Wäre Europa gesünder, könnte die Türkei schneller wachsen."

Neue Absatzmärkte in Afrika und Nahem Osten

Durch ein Joint Venture mit zwei anderen Unternehmen bekam Dogus Otomotiv die Krise aber auch direkt zu spüren. Die Firmen wurden 2006 dafür konzipiert, Anhänger und Kipper in die EU zu exportieren. Doch dazu kam es nie. "Die europäischen Märkte brachen zusammen, und wir mussten uns Alternativen suchen."

Und so erschloss Dogus Otomotiv, ebenso wie viele andere türkische Firmen, neue Absatzmärkte in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Allerdings, so schränkt Politologe Aktar ein, "haben diese Regionen weder die Bedeutung noch die Kaufkraft des EU-Marktes. Sie sind instabil und unberechenbar." Die EU dürfe man nicht aus den Augen verlieren - auch aus politischen und sozialen Gründen, mahnt Aktar.

Erschlaffter Reformwille

Denn nicht nur wirtschaftlich hängt die Türkei an Europa. Viele Bürger fürchten, dass auch die sozialen und politischen Reformen im Land nur dann weiter voranschreiten, wenn die Perspektive eines EU-Beitritts erhalten bleibt. Grundschullehrerin Derya, 42, befürwortet den Beitritt der Türkei uneingeschränkt: "In der Türkei ist in den Bereichen Menschenrechte, Lebensstandard und Bildung noch sehr viel zu tun. Diese Reformen können wir nur mit der EU erreichen."

Tatsächlich nutzte die religiös-konservative AKP-Regierung den EU-Beitrittsprozess, um die Türkei demokratischer und gerechter zu machen. Doch in letzter Zeit, besonders seit dem überwältigenden Wahlsieg der AKP im Juni 2011, erschlafft der Reformwille. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan präsentiert sich in der arabischen Welt stolz als Vorbild für eine muslimische Demokratie, während daheim Tausende von Kurden, Studenten und über hundert Journalisten mit teils abstrusen Anklagen in Haft sitzen. Politologe Aktar beobachtet das mit Sorge: "Besonders die türkischen Politiker tendieren derzeit zu einem übermäßigen Selbstvertrauen. Das ist sehr gefährlich."

Fest steht für Aktar wie auch für Geschäftsmann Ali Bilaloglu, dass der EU-Beitritt nicht von der Tagespolitik abhängig gemacht werden sollte. "Das ist eine langfristige, strategische Richtung. Die Türkei hat schon vor Jahrzehnten klar entschieden, in die EU zu wollen", sagt Bilaloglu. Und gibt zu bedenken, dass auch die EU vom Türkei-Beitritt profitieren könne - etwa um das Problem ihrer alternden und schrumpfenden Bevölkerung zu lösen. Allerdings solle sich die EU endlich entscheiden, ob sie die Türkei überhaupt aufnehmen will. "Denn wenn die Probleme in der EU noch drängender werden, könnte sich der Lösungspartner Türkei anfangen zu zieren."

An so viel türkisches Selbstbewusstsein muss sich Europa erst einmal gewöhnen.

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