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Rosneft-Deal mit BP: Putins Petroleum-Coup

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Putins Petroleum-Coup

20.10.2012, 08:21 Uhr | Von Benjamin Bidder, Moskau, Spiegel Online

Rosneft-Deal mit BP: Putins Petroleum-Coup. Öl-Raffinerie von Rosneft (in Sibirien): Der Konzern will zum weltweit größten börsennotierten Ölkonzern aufsteigen. (Quelle: Reuters)

Öl-Raffinerie von Rosneft (in Sibirien): Der Konzern will zum weltweit größten börsennotierten Ölkonzern aufsteigen. (Quelle: Reuters)

Russland baut seine Rohstoffmacht massiv aus. Mit der bevorstehenden Übernahme von TNK-BP steigt das Staatsunternehmen Rosneft zum größten börsennotierten Ölkonzern der Welt auf. Das Sagen hat dort ein geheimnisvoller Ex-KGB-Agent, Spitzname: "Darth Vader".

Seinen größten Steuerzahler hat der Präsident genau im Blick. Das Hauptquartier des staatlichen Ölriesen Rosneft, der 2011 rund 48 Milliarden Dollar Steuern in Russlands Staatskasse spülte, liegt direkt gegenüber der roten Wälle des Kreml auf dem anderen Ufer des Moskwa-Flusses.

Auch in Personalfragen offenbart der Staatskonzern eine gewisse Kreml-Nähe. Wladimir Putins deutscher Freund Matthias Warnig, ein ehemaliger Offizier der DDR-Staatssicherheit, sitzt bei Rosneft im Aufsichtsrat. Und auch einer der 2010 in den USA aufgeflogenen russischen Agenten um Anna Chapman steht heute auf der Gehaltsliste des Ölkonzerns - als Berater des Vorstands. Putin hatte den gescheiterten Spionen nach ihrer Rückkehr in die Heimat "würdige Arbeit" versprochen.

Der Kreml zieht nun auch die Fäden bei jenem spektakulären Milliarden-Deal, der Rosneft auf einen Schlag zum größten börsennotierten Ölkonzern der Welt machen könnte. Rosneft-Chef Igor Setschin, der Putin noch im Frühjahr als Vizeregierungschef gedient hatte, bietet 56 Milliarden Dollar für den Kauf von TNK-BP. Der Ölförderer TNK-BP ist wiederum ein Joint Venture des britischen Multis BP und einer russischen Oligarchen-Gruppe.

BP-Chef Bob Dudley musste noch 2008 wegen Zwistigkeiten mit den rustikalen russischen TNK-BP-Eignern aus Russland fliehen. Dennoch - oder gerade deshalb - hat er bereits Zustimmung zu dem Deal signalisiert. BP könnte im Gegenzug für den Verkauf von TNK-BP 10 bis 20 Prozent der Rosneft-Anteile erwerben, schreibt die "Financial Times".

Deal von großer industriepolitischer Bedeutung

Für den Kreml ist der sich anbahnende Milliarden-Deal von großer industriepolitischer Bedeutung. Die Falken innerhalb der russischen Führung streben seit Jahren danach, die Ölindustrie ähnlich der Gasbranche unter staatliche Kontrolle zu bringen. Nach Gazprom soll Rosneft zum zweiten Pfeiler der Energiegroßmacht Russland werden - und zu einem weltweit agierenden Unternehmen, das westlichen Multis Paroli bieten kann.

Rosneft hegt große internationale Ambitionen. Seit 2010 liefert das Unternehmen Öl über eine 2600 Kilometer lange Pipeline nach China. In Venezuela betreiben die Russen schon heute eigene Förderanlagen, in Afrika will das Unternehmen für 700 Millionen Dollar eine Pipeline zwischen Mosambik und Simbabwe bauen. Zudem hat Rosneft ein Abkommen mit dem US-Konzern Exxon geschlossen, der Pakt sieht eine Zusammenarbeit bei der Erschließung von Ölvorkommen in der Arktis und im Schwarzen Meer vor - und eine Beteiligung von Rosneft an Ölfeldern in Texas.

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Der Aufstieg von Rosneft ist dabei eng mit dem Namen Igor Setschin verbunden. Setschin ist einer der engsten Vertrauten von Präsident Putin. Beide entstammen dem sowjetischen Geheimdienst KGB. Putin diente in Dresden, Setschin im von einem Bürgerkrieg heimgesuchten Mosambik, offiziell als Übersetzer. Beide arbeiteten Anfang der neunziger Jahre in der Sankt Petersburger Stadtverwaltung. Unter Staatschef Putin stieg Setschin zum mächtigen Stellvertreter der Präsidentenverwaltung auf, Russlands Machtzentrum. Als Putin 2008 auf den Posten des Regierungschefs wechselte, machte er seinen Gefährten zum Vize. Setschin meidet Interviews und Auftritte in der Öffentlichkeit, hat sich aber einen Ruf als Meister der Hinterzimmerintrige gemacht.

"Die furchteinflößendste Person der Welt"

Liberal gesinnte russische Medien nennen ihn schon mal "die furchteinflößendste Person der Welt" oder "Darth Vader" - eine Bezeichnung, die amerikanische Diplomaten sogar in einer US-Depesche nach Washington kabelten.

Setschin spielte eine Schlüsselrolle bei der Zerschlagung des Ölimperiums des Ex-Magnaten Michail Chodorkowski. Der Milliardär hatte 2003 vor laufenden TV-Kameras Präsident Putin vorgeworfen, dass sich Männer in seiner direkten Umgebung bereichern würden. Chodorkowski, bleich und unsicher, nannte niemanden beim Namen. Doch jeder wusste, wen er meinte: Igor Setschin. Am 23. Oktober wurde Chodorkowski festgenommen, später dann in zwei Prozessen zu insgesamt 14 Jahren Lagerhaft verurteilt. Sein Jukos-Konzern wurde zerschlagen. Den Kern des Ölgeschäfts ersteigerte die Baikalfinansgroup für einen Bruchteil des Werts - eine ominöse Briefkastenfirma, die umgehend an Rosneft weiterverkaufte.

Das war der erste Schritt der von Putin wie Setschin angestrebten Konsolidierung der Ölbranche in staatlicher Hand. Die Privatisierung des Energiesektors in den neunziger Jahren sehen die Hardliner im Kreml bis heute als schweren Fehler an, der rückgängig gemacht werden muss.

Innerhalb der russischen Führung ist dieser Kurs heftig umstritten. Ex-Präsident Dmitrij Medwedew, nach dem Ämtertausch mit Putin heute Premierminister, macht sich für mehr statt weniger Privatisierung stark. Medwedews persönliches Verhältnis zu Setschin gilt als zerrüttet. Als Setschin nach Putins Wiederwahl weder in der Präsidentenverwaltung noch in der neuen Regierungsmannschaft unterkam, werteten das viele als Degradierung des Strippenziehers.

Machtkampf zwischen Setschins Mannschaft und Medwedews Leuten

Nun aber zeigt sich, dass Setschin als Rosneft-Chef vielleicht mächtiger ist als jemals zuvor. Ein Vertrauter von Premier Medwedew ist zwar als Vizepremier offiziell zuständig für die Energiebranche. Setschin aber stieg auf zum Sekretär der einflussreichen Energiekommission, der Präsident Putin höchstselbst vorsitzt.

Zwischen Setschins Mannschaft und Medwedews Leuten ist ein erbitterter Machtkampf entbrannt. So ordnete die Regierung an, rund vier Milliarden Euro an Gewinnen einer Rosneft-Tochter umgehend in Staatskassen fließen zu lassen. Setschin aber will sich dem Ansinnen nur beugen, "wenn es eine mit dem Präsidenten abgestimmte Direktive" gebe. Vor wenigen Wochen dann brüskierte Setschin den Regierungschef bei einem Investorenforum in Sotschi. Der Rosneft-Chef lud zum Vortrag - just in dem Moment, als auch Medwedew im Plenum seine Rede halten wollte.

Von BP erhofft sich Rosneft besseren Zugang zu Märkten im Ausland - und vor allem technologische Hilfe bei der Erschießung von Ölfeldern in der arktischen Tiefsee. Dass ausgerechnet BP-Chef Dudley sich auf dieses Geschäft einlässt, ist überraschend. Dudley hatte als Moskauer BP-Statthalter beim Joint Venture TNK-BP vor einigen Jahren schlechte Erfahrungen mit russischen Partnern gemacht. 2008 flüchtete Dudley aus der russischen Hauptstadt ins Ausland und klagte über "schwere Schikanen". BP-Verwaltungsratschef Peter Sutherland warf den Russen damals "Methoden von Plünderern" vor. US-Diplomaten vertraute Dudley damals an, er sei überzeugt, die Oligarchen-Gruppe im Eigentümerkreis von TNK-BP arbeite eng mit der russischen Regierung zusammen, "einschließlich Vizepremierminister Igor Setschin".

Dudley, inzwischen BP-Chef, wird nun wohl das Geschäft mit Rosneft eingehen. Das Verlangen der Briten nach hohen Renditen ist offensichtlich deutlich stärker ausgeprägt als die Furcht, in die Intrigen des Kreml hineingezogen zu werden.


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