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Schön schräg: Firmen setzen auf Hymnen

07.01.2013, 15:49 Uhr | dpa-AFX, t-online.de

Schön schräg: Firmen setzen auf Hymnen. Eher rockig klingt der Firmensound der Warsteiner Brauerei (Quelle: dpa)

Eher rockig klingt der Firmensound der Warsteiner Brauerei (Quelle: dpa)

Ein Song über leidenschaftliche Bierbrauer, ein Loblied auf künstliche Zähne: Immer mehr Unternehmen setzen auf firmeneigene Songs. Die Ergebnisse sind manchmal fragwürdig, sollen aber gerade in der Krise die Motivation der Mitarbeiter ankurbeln.

Belegschaft sing Firmenhit ein

Qualität, Teamgeist, Freundschaft - vieles hat Stefan Ladage schon in seinen Liedern betextet, um das Wir-Gefühl in einem Unternehmen zu verbessern. Der Chef der Audio-Marketing-Agentur LadageMedia lässt dann die Belegschaft seinen sogenannten Motivationssong einsingen - fertig ist eine eigene Firmenhymne, auf die inzwischen etliche Unternehmen in Deutschland zurückgreifen. "Je schlechter die Wirtschaft, desto höher die Nachfrage nach Hymnen", hat Ladage beobachtet.

Einen besonders bekannten Firmensong hat die Fluggesellschaft Air Berlin. Das Lied mit den Zeilen "Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin" war im Jahr 2006 ein Geschenk des Nürnberger Airports. "Dieses Lied hat Air Berlin als Firmenhymne damals übernommen", bestätigt ein Sprecher. Bis 2010 lief es auch als Warteschleifenmusik. Sogar ein Radiosender spielte den Song.

Rocksong begeistert bei Warsteiner

Aber auch viele andere Unternehmen haben inzwischen einen Firmenhit, berichtet der Kulturwissenschaftler und Firmenhymnen-Forscher Rudi Maier von der Fachhochschule St. Gallen. Er schätzt die Zahl auf mehrere Tausend. Oft würden die Tradition, die Zugehörigkeit der Mitarbeiter und die gute Laune besungen. "Wenn das im Alltag so ist, dann funktioniert das auch über das Lied. Und wenn das nicht so ist, geht der Schuss natürlich nach hinten los", sagt Maier.

Die Mitarbeiter der Brauerei Warsteiner besingen sich zum Beispiel so: "Warsteiner, das heißt Leidenschaft, so haben wir es weit geschafft. Ein Team wie wir, das gibts nur hier." Laut Sprecherin Christiane Willeke wurde das rockige Lied vor ein paar Jahren eingesungen und wird auch heute noch auf Mitarbeiterpartys gespielt. "Das war eine Motivationsveranstaltung", sagt sie. Und bei den meisten sei das Lied gut angekommen.

Werbesong im Reggae-Sound

Manche Hymnen klingen witzig, etwa das Werbelied, mit dem ein Zahnlabor schon mal im Reggae-Sound für seine Leistungen warb: "Werden die Zähne immer schiefer, stimmt was nicht mit deinem Kiefer", hieß es darin. Eine andere lautete: "Ist der Unterkiefer weg, ersetzen wir ihn dir komplett".

Eher romantisch ist das musikalische Lob der Deutschen Post an die DHL Packstation ausgefallen. Darin heißt es: "Sie gibt mir Freiheit und ich liebe sie dafür, Pakete senden ist 'ne Kleinigkeit." Der Refrain lautet: "Ja, zum Glück gibt's die Packstation, und sie hat immer für mich Zeit".

IBM in USA Trendsetter

Bekannt sind Firmenhymnen vor allem aus Japan, ihr Ursprung liegt aber in den USA, wo IBM in den 1920er Jahren damit angefangen habe, berichtet Maier. In Deutschland seien die Hymnen weniger verbreitet - viele Betriebe wollten zudem nicht, dass ihr Song nach außen dringe, "weil doch häufig sehr viel Häme und sehr viel Spott über diese Lieder ausgegossen wird".

Dass die Lieder den deutschen Mitarbeitern peinlich seien, weist Komponist Ladage aber zurück. "Es ist nichts Erzwungenes und Gestelztes, das würde auch nicht zur Mentalität der Deutschen passen." Besonders eingängig ist ein im Internet kursierender Schlager mit den Zeilen "Wir bei VW sind echt okay. Ein echtes Superteam, das fest zusammensteht". Das Lied ist auf mehreren Portalen zu finden. Dass der Autobauer VW selbst etwas mit dem Lied zu tun hat, weißt der Konzern aber ausdrücklich von sich.

Lied muss Unterhaltungswert haben

Ladage hat seinen ersten Motivationssong vor elf Jahren für den Sportverein Arminia Bielefeld produziert. Gemessen an den Anforderungen ähnelt ein Lied dem anderem: "Es muss immer einen gewissen Anspruch haben, es muss aber auch einen gewissen Unterhaltungswert haben, und es muss sowohl musikalisch als auch inhaltlich natürlich auf die Branche abgestimmt sein."

Nicht alle Songs haben sich durchgesetzt. Im Internet ist zwar ein Video zu finden, in dem Mitarbeiter der Beraterfirma Ernst & Young den Klassiker "Oh happy day" mit der veränderten Zeile "When Ernst & Young showed me a better way" singen. Eine offizielle Hymne gibt es laut Sprecher Dag-Stefan Rittmeister aber nicht.

Unternehmen müssen Tausende Euro investieren

"Weil das aus unserer Sicht heute schon gar nicht zeitgemäß ist, es kommt meistens nicht wirklich authentisch rüber." Das Video sei vor mehr als zehn Jahren bei einem Kennlerntag für neue Mitarbeiter entstanden. "Heute guckt man mit einem Schmunzeln darauf."

Das Geschäft mit den Firmenhymnen laufe derzeit sehr gut, sagt Ladage. Sein Unternehmen, das auch Telefonwarteschleifen-Spots produziert, rechnet mit Zuwächsen. Den Umsatz beschreibt er als siebenstellig. Ein aufwendig produzierter Motivationssong koste immerhin zwischen einigen Tausend und mehreren Zehntausend Euro.

Seine Einschätzung, dass Firmenhymnen oft in Krisenzeiten gefragt sind, teilt auch Wissenschaftler Maier. "Denn in der Krise werden wir alle aufgefordert, mehr zu leisten - und das ist Thema dieser Lieder." Rudi Maier, Kulturwissenschaftler an der Universität Tübingen, sieht die Firmenhymnen ebenfalls als ein Krisenphänomen. "Wenn die Firmenleitung anordnet, wir singen jetzt zusammen, dann wissen die Mitarbeiter, dass etwas nicht stimmt", sagte Maier im Gespräch mit dem "Spiegel".

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