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VW: Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking steht vor Gericht

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Missglückte VW-Übernahme  

Ex-Porsche-Chef steht ab heute vor Gericht

22.10.2015, 10:30 Uhr | Michael Kröger, Spiegel Online

VW: Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking steht vor Gericht. Wendelin Wiedeking muss sich vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten. (Quelle: dpa)

Wendelin Wiedeking muss sich vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten. (Quelle: dpa)

Der Plan war kühn und scheiterte krachend: Sechs Jahre nach der misslungenen Übernahme von Volkswagen müssen sich Ex-Porsche-Chef Wiedeking und Ex-Finanzvorstand Härter vor Gericht verantworten. Doch die Beweislage ist knifflig. 

Als Ingenieur war Wendelin Wiedeking große Klasse, als Sanierer des maroden Sportwagenbauers Porsche ebenfalls. Dann ging er zu weit.

Die Übernahme des 15-mal größeren Volkswagen-Konzerns sollte Wiedekings Meisterstück werden, Industriegeschichte schreiben. Doch er erkannte zu spät, dass ganz andere Talente nötig sind, ein erfolgreiches Vielmarkenreich zu unterwerfen, als einer überschaubaren Schar von Leuten eine Rosskur zu diktieren.

Das Bubenstück endete im Desaster. Der damalige Porsche-Chef musste gehen, ebenso wie sein Kollege aus dem Finanzressort, Holger Härter.

Irreführende Mitteilungen

Sechs Jahre später folgt für die beiden ehemaligen Topmanager das juristische Nachspiel. Wiedeking und Härter müssen sich vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Manipulation des Aktienmarkts durch irreführende öffentliche Mitteilungen.

Aus Sicht des ermittelnden Staatsanwalts Hans Richter folgten die fraglichen Ad-hoc-Mitteilungen zum Kauf von VW-Aktien, die Porsche zwischen 2007 und 2009 herausgab, nämlich einem ausgeklügelten Masterplan, um den VW-Konzern zur Strecke zu bringen. Die Angeklagten weisen das weit von sich.

Ausgangspunkt ist ein geheimes Treffen im Luxushotel Villa Hammerschmiede im badischen Pfinztal. Anfang 2005 treffen sich hier Wiedeking, Härter und einige Topmanager von Porsche mit Anwälten und Investmentbankern, um die Möglichkeit einer VW-Übernahme auszuloten.

Sechs Monate später stellen sie ihr Konzept den Eigentümern vor - den Piëchs und den Porsches. Der Plan: Porsche soll große Anteile der VW-Aktien kaufen, um die Kontrolle zu gewinnen. Die Aktienmehrheit würde den Stuttgartern am Ende die Macht geben, einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zu diktieren. Und sich dann aus dem Bargeldtopf von VW zu bedienen, um einen Großteil der Kosten für die Übernahme zu finanzieren. Sie bekommen grünes Licht. 

Kein öffentliches Übernahmeangebot

Im September 2005 dann gibt Porsche die erste Mitteilung heraus: Man werde rund 20 Prozent der Volkswagen-Stammaktien erwerben, schreibt das Unternehmen. Die Beteiligung solle keinesfalls so hoch ausfallen, dass man anschließend ein öffentliches Übernahmeangebot vorlegen müsse. Knapp eineinhalb Jahre später hebt Porsche die Beteiligung über die entscheidende Schwelle von 30 Prozent. Doch noch ist nicht zu erkennen, ob Porsche mehr anstrebt als die Rolle eines Ankeraktionärs.

Wieder ein Jahr später, im März 2008, billigt der Aufsichtsrat die weitere Aufstockung der Anteile auf mehr als 50 Prozent. Porsche weist wenig später aber jede Verdächtigung zurück, man peile die 75-Prozent-Marke an, die die absolute Herrschaft über VW sichern würde.

Während dieser Zeit wähnt sich Wiedeking bereits auf der Siegerstraße. Er führt sich in Wolfsburg auf - berichten Insider - als wäre er bereits unumschränkter Herrscher, und bringt damit Freund und Feind gegen sich auf.

Doch der Angriff sollte nicht am Widerstand der VW-Leute scheitern. Entscheidend war vielmehr die Entwicklung an den internationalen Börsen. Finanzchef Härter hatte den Angriff auf VW mit Hilfe von Optionsgeschäften und Milliardenkrediten finanziert. Als der Kurs der VW-Papiere infolge der Insolvenz von Lehman Brothers ins Rutschen kam, schmolzen damit auch die erforderlichen Sicherheiten für die Kreditgeber dahin. Porsche musste Hunderte Millionen Euro nachschießen, um die immer nervöser werdenden Gläubiger zu beruhigen.

Anleger reagieren panisch

Im Oktober 2008 gelang dies mit einem Paukenschlag. Der kleine Sportwagenbauer Porsche gab bekannt, dass man nun doch einen 75-Prozent-Anteil des Riesenkonzerns VW anpeile - und sich neben den im Portfolio befindlichen 42,6 Prozent der Stammaktien bereits weitere 31,5 Prozent über Optionsgeschäfte gesichert hat.

Die Nachricht verfehlt ihre Wirkung nicht. Allen Anlegern, die auf einen weiteren Verfall des Aktienkurses gewettet hatten, wird schlagartig klar, dass zusammen mit den 20 Prozent in den Händen des Landes Niedersachsen nur noch eine vergleichsweise winzige Menge von knapp sechs Prozent der Anteile auf dem Markt ist. Viel zu wenig, um die vielen Optionsgeschäfte abzudecken, die zuvor abgeschlossen worden waren.

Der Kurs stieg binnen weniger Stunden auf zeitweise mehr als 1000 Euro.

Der Coup verschaffte Wiedeking und Härter jedoch nur eine Atempause, denn nun galt es, die eigenen Optionsgeschäfte einzulösen, um den Kurs auf hohem Niveau zu stabilisieren. Zusammen mit der Umschuldung für einen fälligen Zehn-Milliarden-Kredit brauchte Porsche dafür dringend weitere acht Milliarden Euro. So viel wollten die Banken aber nicht geben. Porsche wurde vom Jäger zum Gejagten - und schließlich zur zwölften Tochter im Volkswagen-Reich.

Das Landgericht Stuttgart muss nun herausfinden, ob Wiedeking und Härter mit der schrittweisen Veröffentlichung ihrer Kaufabsichten einen Masterplan verfolgten, der von Anfang an so angelegt war, oder ob über jede Aufstockung tatsächlich spontan der Situation folgend entschieden worden ist. Vertrauliche Mails dienen den Anklägern als Indizien, doch viel mehr haben sie nicht in der Hand.

Juristisches Neuland

Ob das für eine Verurteilung reicht, daran zweifeln nicht wenige Juristen. Schließlich müsse der Nachweis geführt werden, dass der Börsenkurs der VW-Aktie gezielt manipuliert werden sollte. Die Auswirkungen der einzelnen Mitteilungen sind zwar unbestreitbar. Doch die Staatsanwälte müssen beweisen, dass die Absender genau diese Wirkung beabsichtigten.

Das Verfahren ist jedoch noch aus einem anderen Grund heikel: "Juristisch gesehen betreten wir Neuland", sagt der Frankfurter Juraprofessor Matthias Jahn. Das Gesetz regele bisher eher unpräzise, was genau unter Marktmanipulation zu verstehen ist. "Das ist die Krux an diesem Strafverfahren." Jahn zeigt sich skeptisch, dass die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung durchsetzen wird. "Es gibt belastbare Indizien, dass die Staatsanwaltschaft sich mit ihrer Anklage sehr schwer tun wird", sagt der Rechtsexperte.

Theoretisch drohen Wiedeking und Härter hohe Geldstrafen oder sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Dass die früheren Porsche-Bosse jedoch tatsächlich hinter Gittern landen oder eine Bewährungsstrafe aufgebrummt bekommen, hält Juraprofessor Jahn für so gut wie unmöglich.

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