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Flüchtlingskrise: Aufschwung durch Flüchtlinge nur "Strohfeuer"

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Düstere Prognose  

Aufschwung durch Flüchtlinge nur "Strohfeuer"

02.02.2016, 11:53 Uhr | t-online.de mit Material von dpa

Flüchtlingskrise: Aufschwung durch Flüchtlinge nur "Strohfeuer". Flüchtlinge arbeiten in einer Schreinerei - eine Initiative der Handwerkskammer Berlin. (Quelle: dpa)

Flüchtlinge arbeiten in einer Schreinerei - eine Initiative der Handwerkskammer Berlin. (Quelle: dpa)

Ein Modellprojekt der Arbeitsagentur zeigt: Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt wird schwierig und langwierig. Armutsforscher Matthias Lücke teilte im Gespräch mit t-online.de diese Einschätzung und bezeichnete den aktuellen konjunkturellen Aufschwung durch die Flüchtlingskrise als "Strohfeuer".

"Die zusätzlichen Staatsausgaben für Flüchtlinge führen in der Tat zu einem kurzfristigen konjunkturellen Strohfeuer", sagte Lücke. Gemeint sind zum Beispiel die vielen neuen Jobs, die für Lehrer oder Integrationshelfer geschaffen werden. Sie werden finanziert, indem der Staat weniger Schulden tilgt. "Dieser Effekt ist aber nicht von Dauer", glaubt der Experte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Denn: "Weniger Schuldentilgung heute bedeutet in Zukunft höhere Schulden und höhere Zinslasten."

"Niedriges Bildungsniveau"

Dass die Flüchtlinge zügig in den Arbeitsmarkt integriert werden können, hält Lücke für wenig wahrscheinlich. "Nach allem was wir wissen - und wir wissen tatsächlich nur wenig Genaues -, sind die beruflichen Qualifikationen und das Bildungsniveau der Flüchtlinge im Durchschnitt niedrig, gemessen an den Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes", sagte der Forscher mit Verweis auf eine Studie des Ifo-Instuts zur Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen: "Selbst wenn einige Flüchtlinge formale Bildungsabschlüsse vorweisen können, entsprechen diese oft nicht den deutschen Standards."

Schlecht bezahlte Jobs oder Hartz IV

"Daher sind die Chancen der meisten Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt schlecht. Entweder sie können rasch Deutsch lernen und sich beruflich (nach)qualifizieren - oder sie werden in schlecht bezahlten Jobs mit niedrigen Qualifikationsanforderungen bleiben. Oder Arbeitslosengeld II beziehen."

Damit bestätigt Lücke die Ergebnisse eines Modellprojekts der Bundesagentur für Arbeit. Deren Vorstand rudert deshalb von seiner optimistischen Formulierung, Flüchtlinge seien die "Fachkräfte von morgen", nun zurück.

Inzwischen formuliert Bundesagentur-Vorstandsmitglied Raimund Becker vorsichtiger, wenn es um die Job-Integration von Flüchtlingen geht. Schutz suchende Syrer, Iraker und Afghanen seien wohl eher die "Fachkräfte von übermorgen", räumt er heute ein. Sein Vorstandskollege Detlef Scheele glaubt sogar, dass erst ihre Kinder eine "gute Perspektive haben, die Fachkräfte von übermorgen zu werden". Für die älteren Flüchtlinge ab 40 werde es schwer werden, sagte er in einem Zeitungsinterview.

Geringe Erfolgsquote

Tatsächlich habe die Erfahrung der am Modellprojekt "Early Intervention" beteiligten Arbeitsagenturen in den vergangenen Monaten erst mal für Ernüchterung gesorgt. Vor allem die mangelnden Deutschkenntnisse vieler Flüchtlinge haben sich als hohe Vermittlungshürde erwiesen. Entsprechend gering war die Erfolgsquote nach Projektende.

Eine führende BA-Mitarbeiterin bringt es auf den Punkt: "Die Unternehmen sind zwar sehr offen, Flüchtlinge einzustellen. Inzwischen ist aber die anfängliche Euphorie verflogen. Jetzt kehrt Realismus ein." Hauptproblem sei dabei das Thema "Deutschkenntnisse": "Es dauert zwei Jahre, bis Flüchtlinge einigermaßen Deutsch sprechen. Vorher braucht man über eine Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt gar nicht zu reden."

Zudem tauchten viele Probleme erst nach und nach auf. So gebe es etwa in Halle einen Bauunternehmer, der auf einen Schlag 100 junge syrische Flüchtlinge zu Kraftfahrern ausbilden will. "Aber dann stellt sich plötzlich heraus, dass nationale Syrer mit kurdischen Syrern nicht können. Die müssen erst lernen, miteinander auszukommen."

Flüchtlingswelle führt wohl nicht zu Gründerwelle

Auch die optimistische Einschätzung mancher Ökonomen, die Flüchtlingewelle könnte zu einer Gründerwelle führen, sieht Armutsforscher Lücke skeptisch. "Diese Einschätzung scheint eher auf Wunschdenken zurückzugehen", sagte Lücke zu t-online.de. In Deutschland ein Unternehmen zu gründen sei durchaus anspruchsvoll.

Kleine und kleinste Familienunternehmen im Bereich Handel oder sonstige Dienstleistungen zu gründen sei vielleicht eine Chance für diejenigen, die sonst keine Arbeit finden würden. Aber das wäre keine "Gründerwelle", an deren Ende viele innovative Unternehmen und gut bezahlte Arbeitsplätze stehen würden.

Masse noch gar nicht angekommen

Gemessen an den nackten Zahlen spielen Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Vergleich zu den rund 43 Millionen Erwerbstätigen bislang noch keine große Rolle. Von den im November in Deutschland lebenden 786.000 Menschen aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern waren 90.300 arbeitslos gemeldet - im Dezember 2014 waren es 58.100. Zugleich hatten aber auch 117.800 einen Job, wie aus dem jüngsten Zuwanderungsmonitor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervorgeht.

Was sich aber inzwischen deutlich abzeichnet: Anerkannte Flüchtlinge werden, sofern sie nicht rasch einen Job finden, bald schon zur Belastung für die Jobcenter werden. Bereits im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Hartz-IV-Bezieher aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern spürbar an: Von September 2014 bis September 2015 um 75.600 auf 266.100. Damit waren zwei von fünf der in Deutschland lebenden Afghanen, Eritreer, Iraker, Nigerianer, Pakistaner, Somalier und Syrer Hartz-IV-Empfänger. Zum Vergleich: Bei den EU-Ausländern in Deutschland traf das nur auf jeden Zehnten zu.

Dabei ist die Masse der Asylbewerber in den Jobcentern noch gar nicht angekommen. Denn solange sie auf ihre Anerkennung als Flüchtlinge warten müssen, fallen sie unter das Asylbewerberleistungsgesetz. BA-Vorstandsmitglied Scheele geht davon aus, dass die Zahl der zu betreuenden Flüchtlinge in den Jobcentern erst im zweiten Quartal kräftiger steigen wird, wie er der "Süddeutschen Zeitung" sagte.

Die Finanzierungsfrage könnte schon bald zum Streitpunkt werden. Denn bereits jetzt fließen aus der beitragsfinanzierten Arbeitslosenversicherung mehr zusätzliche Mittel in die Betreuung der Jobsucher aus den Krisenländern als aus dem steuerfinanzierten Bundeshaushalt, wie BA-Verwaltungsratsmitglied Wilhelm Adamy kritisiert. So hat die Bundesagentur für dieses Jahr 350 Millionen Euro zusätzlich für die Förderungen von Flüchtlingen bereitgestellt, obwohl das überwiegend eine steuerfinanzierte Bundesaufgabe sei. Der Bund selbst habe dagegen seine Ausgaben für die Flüchtlingsförderung in den Jobcentern nur um 250 Millionen Euro aufgestockt, kritisiert der DGB-Vertreter im BA-Verwaltungsrat.

Professor Doktor Matthias Lücke ist Senior Researcher im Forschungsbereich Armutsminderung und Entwicklung am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Die Fragen stellte Andrea Goesch.

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