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"Helikoptergeld": So gut fühlt es sich an

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Konjunkturprogramm  

So gut fühlt sich "Helikoptergeld" an

30.03.2016, 11:39 Uhr | Von Martin Dowideit, Handelsblatt

"Helikoptergeld": So gut fühlt es sich an. Mit dem "Helikoptergeld" könnte die EZB vielen Bürgern Freude machen.  (Quelle: imago/Symbolbild/Xinhua)

Mit dem "Helikoptergeld" könnte die EZB vielen Bürgern Freude machen. (Quelle: Symbolbild/Xinhua/imago)

Geld drucken und es wie aus einem Hubschrauber abgeworfen an jedermann verteilen – das Gedankenspiel hat Einzug erhalten in die Diskussion über die Geldpolitik. Unser Autor hat etwas Ähnliches schon mal erlebt.

Am 21. Juni 2008 – damals noch als Korrespondent in New York – ging ich zum Briefkasten und entdeckte Post vom amerikanischen Finanzamt. Hatte ich etwas falsch gemacht mit der Steuererklärung? Mein erster Gedanke sollte sich als falsch erweisen.

Mein Deutschsein hatte mir einen Streich gespielt: Ein Brief vom Finanzamt muss nicht immer Ungemach bedeuten, lernte ich. Denn in dem Umschlag steckte die Ankündigung eines weiteren Briefes, der in den kommenden Tagen eintreffen solle. Im zweiten Schreiben werde ein Scheck über 600 Dollar stecken. Zur freien Verfügung und zum sofortigen Einsatz.

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So funktionierte vor acht Jahren in den USA ein Konjunkturprogramm: 130 Millionen Briefe mit Barschecks werden im ganzen Land verteilt. Die Finanzkrise rüttelte 2008 heftig an der Stabilität des Wirtschaftssystems, eine Rezession hatte begonnen. Das Parlament beschloss daher den Geldsegen, um die Konjunktur in Fahrt zu bringen.

In Europa wird jetzt über eine ähnliche weitreichende Finanzspritze diskutiert. Grund: Die Europäische Zentralbank (EZB) kämpft damit, die Inflation auf das mittelfristige Ziel von knapp unter zwei Prozent hoch zu treiben. Zuletzt allerdings waren die Preise um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. Für die Notenbanker um den Präsidenten der EZB, Mario Draghi, ist das ein Problem. Denn sie verstehen es als ihre vordringliche Aufgabe, die leichte Preissteigerung von knapp unter zwei Prozent zu erreichen.

Fallende Preise können eine gefährliche Abwärtsspirale auslösen, vor der sich Währungshüter fürchten. Wer beispielsweise davon ausgehen kann, dass ein Neuwagen im kommenden Monat 500 Euro weniger kostet, verschiebt wahrscheinlich die Anschaffung. Die Wirtschaft gerät ins Stocken, Arbeitsplätze sind gefährdet.

Um dieses Szenario zu vermeiden, hat die EZB bereits tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat den Leitzins auf null Prozent gesenkt, kauft für 80 Milliarden Euro im Monat Staats- und Unternehmensanleihen und belegt Einlagen von Banken mit einer Gebühr von 0,4 Prozent. Das alles soll die Kreditvergabe der Banken ankurbeln, was wiederum die Wirtschaft in Fahrt bringen und die Preise antreiben soll. Das sind viele Wenns und Abers auf dem Weg bis zum Geldausgaben. EZB-Ratsmitglieder sagen zwar, eine deutliche Deflation sei so verhindert worden. Doch das eigene Inflationsziel ist eben immer noch in weiter Ferne.

Wie ich die Konjunktur ankurbelte

Daher kommt jetzt der Hubschrauber ins Spiel, aus dem Geld für jedermann abgeworfen werden könnte. Dieses Bild des „Helikoptergeld“ verwenden Ökonomen, wenn sie darüber reden, ob eine Notenbank einfach frische Scheine drucken und an die Haushalte verteilen könnte. Die Empfänger dürften das Bare schnell ausgeben, keine Banken als Mittler wären dazwischen und die Wirtschaft so direkt befeuert. Und wenn viele Milliarden Euro auf einmal ausgegeben werden, steigen auch die Preise. Wenn sich auf einmal viele Leute etwa einen (zusätzlichen) Urlaub leisten könnten, würden Hotelbetten begehrt und die Zimmermieten steigen.

Mein Scheck in den USA kam nicht von der Notenbank, sondern vom Finanzamt. Das ist ein entscheidender Unterschied: Das Geld zum Scheck kam nicht aus der Notenpresse der US-Zentralbank Fed, sondern aus dem Staatshaushalt. Deshalb bezeichnet EZB-Chef Mario Draghi „Helikoptergeld“ auch nur als „ein sehr interessantes Konzept, das jetzt von Wirtschaftswissenschaftlern diskutiert wird“. Doch er weiß: Für die Notenbank wäre es mit vielen äußerst komplexen rechtlichen und buchhalterischen Herausforderungen verbunden.

Draghi würde es bevorzugen, die EZB bekäme Unterstützung von den Finanzministern der Euro-Zone - sicherlich gerne in Form von Barschecks. Die EZB wird nicht müde zu fordern, dass die Staaten in der Pflicht stünden. Die Notenbank hat mit niedrigen Zinsen den Ländern den Rücken freigehalten, indem sie dafür sorgte, dass diese deutlich weniger Zinsen auf ihre Staatsschulden zahlen müssen. Doch wirkliche Reformen zum Ankurbeln des Wirtschaftswachstum haben die Mitglieder der Euro-Zone trotz der geschrumpften Zahlungsverpflichtungen nicht in Gang gesetzt. Und sie haben auch kein Bargeld verschickt, obwohl vor allem Deutschland für eine solche Aktion durchaus Spielraum gehabt hätte.

Einen Scheck per Post zu erhalten, wie damals in den USA geschehen, das erschien mir zwar altertümlich. Doch die Wirkung war beträchtlich - etwas Handfestes vom Finanzamt zu erhalten, das hatte was. Es half nicht nur beim Abbau von Vorurteilen gegenüber Steuerbehörden. Meine Frau und ich investierten das Geld in neuen Hausrat. Und ich nahm die Erfahrung mit: Geschenktes Geld, gibt man sehr gerne aus.

Die Preisentwicklung in den USA bröckelte zwar in den Monaten nach dem Bargeldsegen, und 2009 fielen die Preise zeitweise sogar um mehr als zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Aber vielleicht hatten wir ja immerhin geholfen, eine noch schlimmere Deflation zu verhindern. Und das ganz ohne Hubschrauber.

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