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Ausgebrannt und abgemeldet: Der Diesel fährt aufs Abstellgleis – oder?

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Ausgebrannt und abgemeldet  

Der Diesel fährt aufs Abstellgleis – oder?

07.11.2017, 05:41 Uhr | dpa-tmn, pdi

Die Unsicherheit der Autokäufer zum Thema Diesel ist groß, wie sinkende Zulassungszahlen beweisen. (Screenshot: Reuters)
Fährt der Diesel aufs Abstellgleis?

Die Unsicherheit der Autokäufer zum Thema Diesel ist groß, wie sinkende Zulassungszahlen beweisen.

Die Unsicherheit der Autokäufer zum Thema Diesel ist groß, wie sinkende Zulassungszahlen beweisen. (Quelle: t-online.de)


Immer weniger Neuwagenkäufer lassen sich vom Verbrauchsvorteil des Dieselmotors überzeugen. Zu groß sind die Unwägbarkeiten, die mit dem Selbstzünder nach dem Abgasskandal verbunden sind. Und nur die wenigsten Motoren sind wirklich zukunftsfest - was tun?

21,3 Prozent Minus allein im September und einen Marktanteil von nur noch 36,3 Prozent - die Dieselzulassungen in Deutschland sind nach Angaben des Kraftfahrtbundesamts in Flensburg im freien Fall. Der einstige Liebling von Sparern und Vielfahrern verliert zusehends seinen Glanz: Gute zwei Jahre, nachdem der Abgasskandal von VW ruchbar wurde, haben die Diskussionen um Schadstoffgrenzwerte, Nachrüstungen und Fahrverbote die Verbraucher offenbar so sehr verunsichert, dass der Selbstzünder ausgebrannt und abgemeldet ist. Kein Wunder, wenn durch die Diskussion um Einfahrtsbeschränkungen und Blaue Plaketten nach Angaben des ADAC rund 13 Millionen deutschen Autofahrern zumindest lokale und temporäre Fahrverbote drohen.

Soll ich mir jetzt überhaupt noch einen Diesel kaufen? Wer diese Frage stellt, der wird aktuell nur wenig Ermunterung ernten: Beim ADAC lobt man zwar auch weiterhin den geringeren Spritverbrauch und niedrigeren CO2-Ausstoß. Und dank des günstigeren Steuersatzes auf Diesel hat man auch die Mehrkosten für die Fahrzeuganschaffung noch immer schnell wieder hereingefahren.

"Nicht empfehlenswert"

"Doch wer weiterhin in städtische Umweltzonen fahren möchte, in denen neue Fahrverbote drohen, sollte sich für eine Alternative zum Diesel entscheiden", tritt der Automobilclub auf die Bremse, "oder aber mit dem Kauf noch warten, bis Fahrzeuge mit dem Abgasstandard Euro 6d-TEMP oder Euro 6d in ausreichender Modellvielfalt verfügbar sind." Diese neue Norm, bei der unter anderem die Emissionen nicht nur auf dem Prüfstand, sondern auch real auf der Straße gemessen werden, kann bei der Typgenehmigung neuer Autos seit September 2017 als 6d-TEMP zur Anwendung kommen, verbindlich vorgeschrieben ist sie als 6d aber erst ab 2020.

Zahlreiche neue Porsche Cayenne stehen auf dem Gelände des Porsche Werks in Leipzig. Der Autobauer Porsche ruft die rund 21.500 vom Diesel-Skandal betroffenen Geländewagen vom Typ Cayenne von übernächster Woche an zurück in die Werkstätten. (Quelle: dpa)Zahlreiche neue Porsche Cayenne stehen auf dem Gelände des Porsche Werks in Leipzig. Der Autobauer Porsche ruft die rund 21.500 vom Diesel-Skandal betroffenen Geländewagen vom Typ Cayenne von übernächster Woche an zurück in die Werkstätten. (Quelle: dpa)

Der Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin sieht allerdings mehr Fragen als Antworten und kann den Diesel "derzeit nicht mit ruhigem Gewissen empfehlen". Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen rät sogar dazu, seinen Diesel lieber heute als morgen zu verkaufen - zumindest bei entsprechendem Bewegungsprofil: "Es kommt darauf an, wo man wohnt und für was man das Auto nutzt. Wenn jemand auf dem Land wohnt, ist es unerheblich - außer er fährt in Großstädte." Wenn man in einer Großstadt oder einem Ballungsgebiet wohnt und täglich sein Auto braucht, sei es ein deutliches Handicap.

Erdgas als Alternative

Die einzigen, die dem Diesel fest die Treue halten, sind die Autohersteller selbst. Sogar Marken wie Volvo, die bislang am lautesten in den Abgesang auf den Verbrenner eingestimmt und zumindest künftige Neuentwicklungen ausgeschlossen haben, kommen um die Technik bislang noch nicht herum, räumt Lutz Stiegler aus der Motorenentwicklung in Göteborg ein. "Ohne den Diesel sind unsere CO2-Vorgaben nicht zu schaffen."

Bei Audi, Mercedes oder VW hört man nichts anderes. Das will Dudenhöffer nicht gelten lassen: "Es gibt Erdgas, es gibt die neuen 48 Volt-Hybride für Benziner mit CO2-Ausstoß auf Dieselhöhe und es gibt natürlich immer mehr Elektroautos", sagt er. "Die Autobauer müssen umsteuern oder flächendeckend Euro-6d-Diesel anbieten."

Rund 70 Nebenkläger bringen zusammen mit der US-Kanzlei Hausfeld und Internetplattform myright die Klagen im VW-Abgasskandal von mehr als 15.000 Betroffenen zum Landgericht in Braunschweig. (Quelle: dpa)Rund 70 Nebenkläger bringen zusammen mit der US-Kanzlei Hausfeld und Internetplattform myright die Klagen im VW-Abgasskandal von mehr als 15.000 Betroffenen zum Landgericht in Braunschweig. (Quelle: dpa)

Um dem Stimmungswandel im Land zu begegnen und ihre CO2-Werte halbwegs im Zaum zu halten, propagieren die Autohersteller allerdings gerade mal wieder Erdgas als Alternative. "Erdgas ist das neue Diesel", sagt Tobias Block aus der Audi-Abteilung für "Nachhaltige Produktentwicklung". Er rühmt die bei Audi G-Tron genannten Modelle als gleichermaßen gut für die Umwelt und für den Geldbeutel. Denn der CO2-Ausstoß sei 25 Prozent geringer als bei einem Benziner, und dank eines bis 2026 verlängerten Steuerbonus kostet Compressed Natural Gas (CNG) als Kraftstoff mit seinem höheren Energiegehalt nur etwa halb so viel.

Auf Katalysator achten

Trotzdem muss man genau rechnen, mahnt der ADAC und sieht in CNG-Modellen nur eine Alternative für absolute Vielfahrer. Bei einer Mercedes E-Klasse und 30.000 Kilometern Fahrleistung zum Beispiel liege der Kostenvorteil unter dem Strich gegenüber dem Diesel nur bei 0,9 und gegenüber dem Benziner bei 2,5 Cent pro Kilometer.

Wer sich allen Unkenrufen zum Trotz für einen Diesel entscheidet, der sollte nach Einschätzung von Hans-Georg Marmit von der Sachverständigenorganisation KÜS auf jeden Fall ein Fahrzeug mit einem so genannten SCR-Katalysator kaufen. Dort wird eine Harnstofflösung namens AdBlue ins Abgas gespritzt, die Stickoxide durch eine chemische Reaktion in ungefährlichen Stickstoff und Wasserstoff umwandelt.

Ohne dieses weitere Abgasreinigungssystem dürfte es bei möglichen Fahrverboten schwer werden, gibt der Experte zu bedenken. "Nicht umsonst sind auch diese Katalysatoren seit Wochen Gegenstand der Nachrüstdiskussionen, wenn es um mehr als nur um Software-Lösungen geht." Allerdings gibt es dazu bislang noch keine Entscheidung - nicht zuletzt, weil der Einbau wohl kaum für unter 1000 Euro pro Fahrzeug zu schaffen ist.

Sauberer Diesel möglich

Angesichts der aktuellen Diskussion haben die Hersteller die Einbauraten für die SCR-Katalysatoren deutlich angehoben. Größere und schwerere Fahrzeuge von der Kompaktklasse aufwärts, die erst in den letzten zwölf Monaten neu vorgestellt worden sind, haben deshalb mittlerweile fast alle ein entsprechendes System mit AdBlue-Tank an Bord. Der Verbrauch dieser Lösung liegt bei etwa einem Prozent und erhöht die Betriebskosten bei einem Preis von weniger als einem Euro pro Liter zwar nur marginal, sagt KÜS-Experte Marmit. "Aber man muss eben noch einen Betriebsstoff im Blick behalten und regelmäßig nachfüllen." Denn wenn der AdBlue-Tank leer ist, kann man das Auto nach mehrmaliger Warnung irgendwann nicht mehr anlassen.

Ein Auto des Herstellers Volkswagen steht auf einem Rollenprüfstand und ist an ein Mess-System für eine Abgasmessung nach NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus) vorbereitet. (Quelle: dpa)Ein Auto des Herstellers Volkswagen steht auf einem Rollenprüfstand und ist an ein Mess-System für eine Abgasmessung nach NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus) vorbereitet. (Quelle: dpa)

Zwar kann man mit einem Euro-6-Auto samt SCR-Kat das Gewissen beruhigen und die Diskussion um Fahrverbote etwas gelassener sehen. Immerhin hat der ADAC in seinen Abgastests herausgefunden: Dieselfahrzeuge könnten so ausgelegt werden, dass sie die gesetzlichen Grenzwerte auch im realem Fahrbetrieb einhalten - und nicht nur im Messlabor. "Die Technologien hierfür sind verfügbar, entsprechend saubere Diesel-Neufahrzeuge sind auf dem Markt."

Doch zugleich haben die Tester ermittelt, dass selbst bei aktuellen Euro-6-Dieseln der Stickoxid-Wert zum Teil 16-mal über dem Grenzwert gelegen hat. Für Automobilwirtschaftler Dudenhöffer ist damit klar: "Wer wirklich einen Diesel will, sollte sich schriftlich bestätigten lassen, dass das Fahrzeug die neue Euro-6d-Kriterien erfüllt."

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