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Bürgerprotest gegen Stromleitungen: Die Trassen-Brecher

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Bürgerprotest gegen Stromleitungen: Die Trassen-Brecher

19.08.2011, 15:06 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Bürgerprotest gegen Stromleitungen: Die Trassen-Brecher. Bürgerprotest gegen neue Hochspannungsmasten (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Bürgerprotest gegen neue Hochspannungsmasten (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Neue Leitungen braucht das Land, daran gibt es seit der Energiewende keinen Zweifel. Doch gegen Tausende Kilometer Stromtrassen bildet sich Widerstand. Nirgendwo fällt der Protest so heftig aus wie im niedersächsischen Bad Gandersheim. Ein Besuch bei den Blockierern.

Erdkabel statt Hochspannungsmasten

Weil er ein Mann der Tat ist, knallt Peter Gosslar zur Begrüßung einen Stoß Papier auf den Tisch. "Ist ein bisschen kompliziert", sagt er, "aber lesen Sie sich das mal durch." Der Titel der 16-seitigen Ausarbeitung lautet: "Datenblatt ROV 380-kv-Höchstpannungs-Drehstrom-Freileitung Wahle-Mecklar". Wer Wutbürger ist, muss ein bisschen auch Masochist sein.

Gosslar, 63, groß, schwer, Gemütsmensch, ist "Pressebeauftragter" der Bürgerinitiative gegen die neue 380.000-Volt-Stromtrasse, die zwischen dem niedersächsischen Wahle und dem 190 Kilometer entfernten Mecklar in Nordhessen gebaut werden soll.

"Pro Erdkabel" nennt sich dieses Bündnis der Besorgten, weil man sich nicht als Verhinderer versteht, sondern als Vordenker neuer Technologien. Ginge es nach Gosslars Truppe, müsste die Leitung auf der gesamten Strecke unterhalb der Grasnarbe verlegt werden. Slogan: "Unter der Erde muss die Freiheit wohl grenzenlos sein."

Beide Parteien wollen die Umwelt schützen

Nicht nur in Bad Gandersheim, überall in Deutschland tobt ein heftiger Streit über Stromleitungen. Zwei Gruppen prallen aufeinander, die im Prinzip dasselbe Ziel haben: den Umweltschutz. Auf der einen Seite stehen Politik und Industrie, auf der anderen Rentner, Lehrer, Einzelhändler, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die verhindern wollen, dass in ihrer Heimat bis zu 80 Meter hohe Masten aufgestellt werden.

Dabei braucht das Land neue Leitungen, nach dem Atomausstieg dringender denn je. Soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis zum Jahr 2025 auf rund 40 Prozent verdoppelt werden, müssten in Deutschland nach einer Berechnung der Deutschen Energie-Agentur weitere 3600 Kilometer Trassen gebaut werden.

Bislang durchziehen über 1,7 Millionen Kilometer Stromleitungen die Republik, was etwa viermal der Strecke von der Erde bis zum Mond entspricht. Doch reicht das nicht, um immer mehr Energie von Windparks und Solaranlagen in die Ballungszentren zu verteilen. Zudem liegt das Durchschnittsalter der Höchstspannungsmasten inzwischen bei 32 Jahren. Mancher Stahlträger wurde bereits zu Zeiten der Weimarer Republik aufgestellt. Eine Erneuerung des Netzes ist dringend nötig.

"Die Politiker lügen doch, wenn sie das Maul aufmachen"

Die Bürgerinitiativen in Süd-Niedersachsen und anderswo wollen deshalb auch keine Totalblockade nach dem Motto "Alles Neue verhindern". Die meisten Aktivisten wissen, dass Deutschland neue Leitungen braucht und dass diese am Ende auch gebaut werden. Die Fragen, über die sich streiten lässt und an deren Antworten sie mitwirken wollen, lauten: Wo werden die neuen Leitungen gebaut - und wie?

An einem Mittwochabend, es geht gegen halb neun, kochen in einem Vereinsheim der Freiwilligen Feuerwehr in der Nähe von Bad Gandersheim die Emotionen hoch. Ein Dutzend Herren sitzt an einem großen Holztisch, die Männer tragen karierte Hemden und haben bunte Mappen mitgebracht, aus denen sie immer wieder Papiere hervorziehen. "Die Politiker lügen doch, wenn sie das Maul aufmachen", empört sich einer. Ein anderer schwärmt von der ersten gemeinsamen Demonstration in Hannover: "Hut ab, Kameraden, das war eine tolle Sache!"

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Keine andere Bürgerinitiative hat es bislang geschafft, derart viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie "Pro Erdkabel". Im bundesweiten Ringen um umweltfreundliche Technologien, unangetastete Landschaften und anhaltenden Komfort sind sie zur politischen Größe avanciert - was vor allem daran liegt, dass sie sich reinhängen: "Wir reißen uns den Arsch auf", sagt Sprecher Gosslar, der einmal Unternehmer war und noch immer nichts von seiner Schaffenskraft verloren hat. Seine Devise: "Nicht reden, machen!" Und so gibt es im äußersten Südosten Niedersachsens seit Monaten Kundgebungen, Infotische, Anstecknadeln und Flugblätter.

Kein elektromagnetisches Feld, kaum Elektrosmog

Spricht man mit Peter Gosslar über den Trassenausbau, fällt immer wieder das befremdliche Kürzel "HGÜ", Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung. Es ist das Zauberwort der Bad Gandersheimer Bürgerinitiative. HGÜ bedeutet, dass die Energie nicht wie sonst üblich als Wechselstrom übertragen wird. Die Leitung erwärmt sich daher weniger, hat geringere Verluste, und es entsteht kein elektromagnetisches Feld, also kaum Elektrosmog. Gosslar und seine Mitstreiter wollen HGÜ-Kabel als unterirdische Stromleitungen einsetzen und damit Masten überflüssig machen.

Das Problem: Gleichstrom lässt sich nicht einfach in das Wechselstromnetz integrieren. "Zurzeit eignen sich die Kabel nur für Hunderte Kilometer lange Strecken ohne Abzweig, keinesfalls um konventionelle Höchstspannungsleitungen zu ersetzen", sagt Heinrich Brakelmann von der Universität Duisburg-Essen im Spiegel. Um den Strom ins Netz einspeisen zu können, seien riesige Konverterstationen notwendig, 25 Meter hohe Betonklötze mit Elektroinstallationen auf Flächen von bis zu 70 Fußballfeldern.

Erdkabel siebenmal so teuer

Außerdem gilt die HGÜ-Technik als sehr teuer. Nach Angaben des Netzbetreibers Tennet Deutschland kosten die unterirdischen Leitungen etwa vier- bis siebenmal so viel wie die Variante über der Erde. Gosslar hält diese Zahlen für übertrieben und rechnet mit einer zusätzlichen Belastung für einen Vier-Personen-Haushalt von nur einem Euro im Monat.

Neben dem Widerstand der Bürger verzögern aber auch die komplizierten Genehmigungsverfahren den Ausbau. Für die Strecke zwischen Wahle und Mecklar hat Tennet gleich sieben verschiedene Varianten vorgeschlagen. Allein die Behörden in Niedersachsen mussten deshalb die Auswirkungen der Leitungen auf fünf verschiedene Flugplätze und mehrere Landschaftsschutzgebiete prüfen. In den kommenden Wochen könnte es zum Showdown kommen, wenn die tatsächliche Streckenführung bekannt wird.

Mitreden und mitgestalten

Fragt man Protestführer Gosslar, warum er denn so vehement gegen die Stromtrasse kämpfe, zögert er einen Augenblick. Es scheint, als habe er über diese Frage, die doch der Anfang war, schon lange nicht mehr nachgedacht. Die Antwort hat sich zwischenzeitlich verselbständigt.

Doch dann beginnt Gosslar zu erzählen - vom Wirtschaftsfaktor Tourismus, der Abwanderung vieler junger Leute, der Angst einer ganzen Region, noch mehr zu verlieren, und sei es nur ihre landschaftliche Idylle. Fürchtet er selbst auch Nachteile? Er schüttelt den Kopf. Dafür wohne er zu weit weg von der Trasse.

Am Ende sagt Peter Gosslar dann den Satz, der so etwas wie das Geleitwort der neuen Bürgerwut sein könnte, in Stuttgart, in Athen oder eben in Bad Gandersheim: "Wir wollen mit unserem Engagement zeigen, dass wir nicht alles hinnehmen, sondern mitreden wollen und auch mitgestalten."

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