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Schweiz: Wie der Super-Franken ein deutsches Dorf ruiniert

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Wie der Super-Franken ein deutsches Dorf ruiniert

29.08.2011, 11:54 Uhr | Spiegel Online, Christian Teevs, Spiegel Online

Schweiz: Wie der Super-Franken ein deutsches Dorf ruiniert. Die Idylle trügt: Den Bewohnern von Büsingen setzt der starke Franken zu  (Foto: Spiegel Online)

Die Idylle trügt: Den Bewohnern von Büsingen setzt der starke Franken zu (Foto: Spiegel Online)

Eine deutsche Exklave in der Schweiz kriegt derzeit die Nachteile beider Länder ab: Die Bürger in Büsingen zahlen die höheren deutschen Steuern, die Alltagswährung ist aber der Schweizer Franken. Dessen Höhenflug bedroht ihren Wohlstand.

Starker Franken lässt Löhne schrumpfen

Die Mitarbeiterin der kleinen Poststelle bemüht sich, tapfer zu wirken. "Ich kann die Situation nicht ändern", sagt sie. Und dass andere noch mehr unter dem starken Franken leiden würden als sie, die ja recht gut verdiene. Aber bei der Frage, wie stark ihr Lohn geschrumpft ist, bricht die Fassade zusammen.

Deutsche Exklave in der Schweiz

"Schiet, schiet, schiet" sei das, sagt Zdenka von Ow. "Ich habe 30 Prozent weniger zur Verfügung." Allein für die Miete muss sie inzwischen mehr als 1000 Euro aufbringen - obwohl sie allein wohnt. Der Grund: Zdenka von Ow bekommt ihr Gehalt von der Post in Euro, muss ihren Lebensunterhalt aber in Franken bezahlen. Sie arbeitet in Büsingen, einer deutschen Exklave in der Schweiz. Die 1400-Einwohner-Gemeinde ist vollständig von Schweizer Hoheitsgebiet umgeben und gehört zum eidgenössischen Zollgebiet.

Hohe Steuern, hohe Lebenshaltungskosten

In der Praxis bedeutet das für die Büsinger: Sie bekommen die Nachteile beider Länder zu spüren. Bei den Steuern greift das härtere deutsche System, beim täglichen Leben das teurere Schweizer Modell. Und nun hat der Franken in der vergangenen Woche fast die Parität zum Euro erreicht - statt 1,65 Franken wie vor wenigen Jahren gab es für einen Euro zeitweise nur noch 1,03 Franken. Der Hintergrund: Anleger weltweit haben die Schweizer Währung als sichere Anlage auserkoren und decken sich entsprechend mit ihr ein.

Rentner können Mieten nicht zahlen

Büsingen, die kleine Gemeinde am Hochrhein, spürt die Folgen der Finanzkrise hautnah. Mit einem Durchschnittsalter der Einwohner von knapp 50 Jahren ohnehin an zweiter Stelle der Kommunen Baden-Württembergs, verliert das Dorf weiter an Attraktivität: Junge Arbeitnehmer wandern ab, Büsinger mit deutschen Renten haben Probleme, ihre Mieten zu zahlen.

Für Bürgermeister Gunnar Lang sind Gespräche darüber recht heikel: Statt zu jammern möchte er eigentlich viel lieber über die Standortvorteile seiner Exklave sprechen. So gilt in Büsingen die Schweizer Mehrwertsteuer, mit acht Prozent ist sie deutlich geringer als die deutsche mit 19 Prozent. Zudem ist laut Lang die Gewerbesteuer so niedrig wie nirgendwo sonst im Süden Baden-Württembergs. Und: "Büsingen erhebt als einzige deutsche Gemeinde keine Grundsteuer."

Bewohner geraten in Steuerprogression

Doch trotz dieser Vorteile muss auch Lang zugeben, dass sich die Situation seiner Gemeinde verschlechtert hat - durch den starken Franken. Wenn einer seiner Bürger vor ein paar Jahren in der Schweiz 100.000 Franken verdient hat, musste er in Büsingen 60.000 Euro versteuern. Mittlerweile sind es knapp 100.000 Euro. "Zu Unrecht geraten unsere Leute massiv in die Steuerprogression", sagt Lang.

Im deutschen Steuersystem steigen die Sätze mit zunehmendem Einkommen an. Wer mehr verdient, muss auch einen höheren Steuersatz zahlen. Das führt dazu, dass viele Büsinger nun mehr Steuern zahlen müssen - obwohl sie gar nicht mehr verdienen. Weniger netto vom Brutto.

Leere Häuser, verwaiste Straßen

Zwar gibt es einen besonderen Freibetrag für die Enklave, doch laut Lang reicht der längst nicht aus, um die Währungsnachteile aufzuwiegen. Und so stehen in Büsingen Häuser leer - überall hängen Schilder mit der Aufschrift "Wohnung zu vermieten". Die Hauptstraße ist verwaist, nur einige Touren-Radler rollen gelegentlich durch die Gemeinde.

Es ist bitter: Das Örtchen am Hochrhein liegt recht idyllisch und hat als Exklave auch einige Alleinstellungsmerkmale zu bieten. So gibt es zwei Telefon-Vorwahlen - eine deutsche und eine schweizerische. Ebenso zwei Postleitzahlen. Und die Büsinger dürften die kleinste Gemeinde sein, die ein eigenes Nummernschild hat.

Schwere Zeiten für selbstständige Handwerker

Doch was nutzt das, wenn in diesem Örtchen niemand mehr wohnen, geschweige denn ein Geschäft aufbauen will? Dass die jungen Leute wegziehen, kann Alice Güntert gut nachvollziehen. Sie hat bis vor wenigen Jahren mit ihrem Mann einen Handwerksbetrieb in Büsingen geführt.

"Drei bis vier Mitarbeiter, nichts großes", sagt sie. "Aber wir hatten immer ein gutes Einkommen." Nun ist Güntert Rentnerin. Inzwischen sei es für Handwerker kaum noch möglich, in Büsingen Gewinn zu machen. "Früher gab es noch einige Betriebe", erinnert sie sich. Aber heute? "Das lohnt sich nicht mehr. Wir sitzen einfach zwischen den Stühlen."

Situation ist "ewiges Ärgernis"

Und dann benutzt Güntert eine Formulierung, die noch häufiger fällt an diesem Tag: "Es ist zu unserem ewigen Ärgernis!". Der Ausspruch stammt aus der Geschichte der Büsinger: Im Jahr 1693 entführte die Schaffhausener Adelsfamilie den Büsinger Feudalherrscher, Vogt Eberhard im Thurn, und sperrte ihn in einen Kerker. Der Vogt hatte aber mächtige Freunde in Österreich. Diese nahmen den Schaffhausener Adligen die Herrschaft über die umliegenden Dörfer weg und pressten so Eberhard frei.

Zu hohen Preisen konnte die Schaffhausener die Dörfer zurückkaufen - allerdings wurde Büsingen bei dem Abkommen explizit ausgeschlossen, Der Grund: Die Ratsherren hatten sich an den Intrigen gegen Eberhard beteiligt. Außerdem solle das Abkommen "zum ewigen Ärgernis" der Schaffhausener werden. In Büsingen sagen die Leute aber mit ein wenig Galgenhumor: "Das ewige Ärgernis hat leider die Falschen getroffen."

Vom Einkaufstourismus verschont

Immerhin: Der Einkaufstourismus, den viele Schweizer derzeit pflegen, macht Büsingen noch nicht so zu schaffen. Das könnte aber in erster Linie an der Inhaberin des "Dorf-Lädeli" liegen. Margarethe Keser - von allen Mandy genannt - betreibt einen traditionellen Tante-Emma-Laden. Ihr Geschäft mitten im Dorf hat nur eine Ladenfläche von 25 Quadratmetern, dennoch gibt es fast alles: Brot, Käse, Wurst, Obst, sogar Drogerieartikel. Keser nimmt sich für jeden Gast Zeit, erzählt, lacht und versprüht gute Laune: "Bisher kommen die Leute doch meist noch zu mir. Sie sagen, weil sie mich mögen."

Doch auch Keser spürt die Folgen der Franken-Stärke. "Die Leute fahren öfter zum Aldi nach Gailingen als früher, und das gefällt mir gar nicht." Kesers Miene verdüstert sich, wenn sie über den Discounter im deutschen Nachbarort spricht. Sie ist ein Büsinger Original, ihr Geschäft ist seit Generationen im Familienbesitz: "Ich führe den Laden jetzt seit 1998. Gegründet hat ihn meine Urgroßmutter vor 134 Jahren." Und dann sagt sie trotzig: "Dieses Geschäft darf einfach nicht sterben."

Aufgeben ist keine Option

Auch die Post-Mitarbeiterin Zdenka von Ow will nicht aufgeben - noch nicht. "Vor 40 Jahren bin ich aus Kroatien hierher gezogen. Ich will nirgendwo anders hin." Aber wenn der Franken nicht wieder wieder schwächer wird, muss sie den Ort vielleicht doch bald verlassen. Für Büsingen wäre es der nächste schwere Verlust.

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