Folgen für Verbraucher?

Was das Ende der Zuckerquote bedeutet

29.09.2017, 13:19 Uhr | asa, DP, zb, dpa

Bislang bestimmte eine Quote, wie viel Zucker hergestellt werden durfte. Die EU-weit erlaubte Produktion von 13,5 Millionen Tonnen Zucker wurde auf 20 Staaten aufgeteilt.

Lange musste sich die deutsche Zuckerindustrie nicht so sehr mit dem rauen Weltmarkt auseinandersetzen, denn für die Produktion galten in der EU feste Regeln. Bis jetzt – denn nun heißt es: fit machen für den Wettbewerb. Was bedeutet das für die Zuckerpreise?

Wenn Hubertus Velder auf dem Acker steht, schaut er weit in die Vergangenheit. Seit sieben Generationen bewirtschaftet seine Familie schon das Land in Rommerskirchen bei Köln. Auf rund 200 Hektar baut der 56-Jährige hier Gemüse an – auf 50 davon wachsen Zuckerrüben. "Mein Beruf ist mein Hobby – seit über 30 Jahren", sagt der Landwirt. 2017 könnte ein gutes Jahr werden. Wie viele andere Rübenbauern hat auch er seine Produktion gesteigert. Wachstum ist das Gebot der Stunde.

Früher war Produktion und Verkauf von Zucker streng reglementiert

Die Expansionslust der Landwirte hat einen guten Grund: Bislang waren Produktion und Verkauf von Zucker in der EU streng reglementiert. Für die Zuckerrübe, aus der etwa 80 Prozent des Zuckers hierzulande stammen, galt ein fester Mindestpreis. Eine Quote bestimmte außerdem, wie viel Zucker insgesamt in Deutschland produziert werden durfte. Es war ein Markt ohne viel Bewegung.

Neue Regelungen – mit Folgen für die Zuckerindustrie

Zum 1. Oktober fallen diese Regelungen allerdings weg – mit weitreichenden Folgen zumindest für die Zuckerindustrie. "Aussaat und Anbau 2017 erfolgten bereits unter den neuen Marktordnungsvorgaben, die ab 1. Oktober 2017 gelten", sagt Peter Kasten vom Rheinischen Rübenbauer-Verband. "In der EU wuchs die Anbaufläche 2017 gegenüber 2016 um rund 17 Prozent, in NRW sogar um etwas mehr als 20 Prozent."

Preise von Zucker könnten in Zukunft stärker schwanken

In Zukunft dürften die Preise von Zuckerrüben und fertigem Zucker zwar stärker schwanken. Nach Einschätzung der Industrie wird sich für die Endverbraucher jedoch kaum etwas ändern. "Bei den meisten Lebensmitteln ist der Anteil des Zuckers an den gesamten Rohstoffkosten gering", erklärt eine Sprecherin der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. "Von daher erwarten wir keine spürbaren Effekte für die Verbraucherpreise dieser Lebensmittel." Nur etwa zehn Prozent der Produktion gehen demnach als Haushaltszucker in den Markt.

Wachsende Zucker-Konkurrenz aus Europa

Die Zuckerfabriken, die die Rüben verarbeiten, versuchen ihrerseits, wettbewerbsfähiger zu werden, indem sie ihre Effizienz steigern. Nach dem Wegfall der Quoten wollen sie die bisherigen Importe durch eigene Produktion ersetzen. Dafür müssen sie sich gegen die wachsende Konkurrenz aus Europa rüsten.

Effizienz ist oft gleichbedeutend mit Einsparungen

Effizienz ist dabei oft gleichbedeutend mit Einsparungen. Im Oktober vergangenen Jahres hat etwa die Firma Pfeifer & Langen, die Produkte der Marke "Diamant Zucker" herstellt, bereits angekündigt, ab dem Frühjahr 2018 eines ihrer Werke in Nordrhein-Westfalen schrittweise herunterzufahren und die Produktion auf andere Standorte zu verlegen.

Velder: "Die Zucker-Quote war im Grunde Planwirtschaft"

"Ausruhen dürfen wir uns nicht", mahnt auch Velder. "Die Quote hat fantasielos gemacht. Das war im Grunde Planwirtschaft." Sorgen mache er sich aber nicht. "Wir im Rheinland haben eine Traumlage. Der Zucker ist ein regionales Produkt, und wir haben mehrere Millionen Verbraucher vor der Haustür", sagt der Landwirt. Das sei ein großer Vorteil.

Foodwatch warnt vor einer Zuckerschwemme in der EU

Tendenziell könnten die Produktionsmengen in Deutschland künftig steigen – darin sind sich alle Beteiligten einig. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch warnt angesichts des Endes der Zuckerquote sogar vor einer Zuckerschwemme in der EU. In einem Statement der EU-Kommission heißt es: "Ohne gesetzliche Beschränkungen hinsichtlich der Menge können Zuckererzeuger ihre Produktionskapazitäten optimieren und Produktionskosten für Zucker reduzieren." Auch auf dem Weltmarkt könne nun Zucker aus der EU verkauft werden.

Die Preise für Zucker dürften fallen

"Es ist zu erwarten, dass die Produktion von Zucker ansteigen wird", sagte Foodwatch-Experte Oliver Huizinga der Deutschen Presseagentur. Die Preise dürften fallen.

Die Lebensmittelwirtschaft habe wenig Anreize, gesunde Produkte auf den Markt zu bringen, meinte Huizinga weiter. Dem müsse die Politik gegensteuern. Eine Möglichkeit dafür seien Sondersteuern auf Zuckergetränke. "Großbritannien, Irland und Spanien etwa planen diese einzuführen." Eine Folge sei, dass die Hersteller in Großbritannien jetzt schon ihre Rezepturen überarbeiteten. "Die Bundesregierung stellt sich bislang quer und spielt der Lebensmittelindustrie in die Hände."

Die Werbung preist Zucker an – mit Folgen für die Gesundheit

Eine weitere Möglichkeit, den Zuckerkonsum künftig einzudämmen, seien Werbebeschränkungen. "Momentan wird auch viel Zuckriges für Kinder beworben, mit Spielzeugbeigaben oder Ähnlichem. Kinder und Jugendliche essen und trinken doppelt so viel Süßigkeiten und Limonade wie empfohlen." Die Folgen für die Gesundheit sind demnach verheerend: "Wir sprechen bei der Adipositas-Epidemie von einer der größten Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit."

Velder: "Der Weltmarkt ist die Mülldeponie des Zuckers"

Zwar gibt sich auch Rübenbauer Velder optimistisch – auf dem Weltmarkt sieht er seine Rüben jedoch nicht. "Der Weltmarkt ist die Mülldeponie des Zuckers", meint er. Gegen die "Global Player" beispielsweise aus Südamerika komme man nicht an.

Hierzulande allerdings sieht Velder gute Chancen für sich und seinen Betrieb. Bliebe nur noch zu klären, wer die nächste Generation der Rübenbauern in Rommerskirchen einläuten wird. Bislang habe keines seiner Kinder Interesse daran bekundet, das Erbe anzutreten. Doch irgendwie, da ist sich Velder sicher, wird es weiter gehen.

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