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Raesfeld ist einzige NRW-Kommune ohne Schulden

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Unser Dorf soll reicher werden

14.10.2012, 09:52 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Raesfeld ist einzige NRW-Kommune ohne Schulden. Schloss Raesfeld: schuldenfreie Idylle im Münsterland (Quelle: dpa)

Schloss Raesfeld: schuldenfreie Idylle im Münsterland (Quelle: dpa)

Ganz Nordrhein-Westfalen ist pleite, nur Raesfeld nicht. Die 11.000-Einwohner-Gemeinde im Münsterland ist die einzige Kommune des Landes, die seit fast 20 Jahren keine Schulden macht. Wie konnte das gelingen? Eine Wanderung zwischen Solidarität und Solidität.

Wenn man über nagelneue Straßen hineingleitet in das satte Backsteinrot von Raesfeld, die blank polierten Familienkutschen sieht und auf einem kostenfreien Parkplatz sein Auto abstellt, dann vergisst man, dass Deutschlands Pleitehauptstadt ganz nah ist: Oberhausen.

Oberhausen ist das Anti-Raesfeld

Dort sieht es an vielen Stellen aus wie in der DDR kurz nach der Wende: graue Häuser, bröckelnde Fassaden, Unkraut, Trostlosigkeit. Überhaupt ist das Ruhrgebiet zum Symbol geworden für die chronische Klammheit der nordrhein-westfälischen Kommunen und den Niedergang der alten BRD.

Immer tiefer rutschen die Städte und Gemeinden im Westen Deutschlands in die Schuldenfalle, zuletzt hatten sie fast 60 Milliarden Euro Miese. Zudem versechsfachten sich in den vergangenen zehn Jahren die besonders verheerenden Kassenkredite der Kommunen. Die sind eigentlich nur für kurzfristige Refinanzierungen gedacht, ähnlich wie der Dispo für Normalverbraucher.

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"Am besten Sie geben wenig aus"

Um so dringender die Frage: Wie kommt man in Raesfeld mit dem Geld aus, das man hat? "Am besten", sagt Bürgermeister Andreas Grotendorst, "Sie geben möglichst wenig aus."

Raesfelds Finanzstatus ist vor allem das Verdienst seines Amtsvorgängers Udo Rößing (CDU), der in seiner 34-jährigen Amtszeit einen Schuldenberg von vier Millionen Mark abtragen und am 5. Juli 1993 vermelden konnte: Raesfeld hat keine Verbindlichkeiten mehr. Seither gilt das defizitlose Dasein als Markenzeichen der Kommune im Kreis Borken. Sparsamkeit ist zum gemeinsamen Nenner ihrer Bewohner geworden. Die Folge: Jedes teure Großprojekt wird von der Bürgerschaft kritisch beäugt, Protzerei ist verpönt.

Wie ein kleines Paradies

Raesfeld ist ein Stück heile Welt, die Menschen auf der Straße grüßen sich und in der Bäckerei wird geschwatzt, ehe das Sechskornbrot über die Theke wandert. Arbeitslosigkeit gibt es kaum.

Während in den Großstädten des Landes der Staat immer mehr soziale Aufgaben für immer mehr Menschen übernehmen muss, steht in Raesfeld noch die Gemeinschaft füreinander ein. Die Kirchen, Vereine und Verbände haben noch immer großen Zulauf und bestimmen das Leben in der Gemeinde. Neue Sportstätten und Spielplätze bauen die Menschen hier gemeinsam, in der Bücherei arbeiten vor allem ehrenamtliche Helfer. Das spart nicht nur Kosten, sondern verlängert auch die Lebensdauer der Infrastruktur. "Die Menschen identifizieren sich damit und pflegen ihre Umgebung", sagt Grotendorst, 42.

Auf Prestigebauten konsequent verzichtet

Anders als viele andere Kommunen, die heute eine enorme Schuldenlast plagt, hat Raesfeld sich Prestigebauten stets verkniffen. Als in den Siebzigern ein Schwimmbad entstehen sollte und als seinerzeit über eine Veranstaltungshalle diskutiert wurde, zeigte sich die Gemeinde erstaunlich weitsichtig. Die hohen Folgekosten, die viele profilierungsbedürfte Kommunalpolitiker bei ihren Entscheidungen gerne ausblenden, bedeuteten in Raesfeld das Ende des architektonischen Wunschkonzerts. Stattdessen richtete die Gemeinde einen Badebus ein, der seither alle Schwimmer in die Badeanstalt Borken bringt. Das kostet gerade mal 11.000 Euro im Jahr.

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Für Bürgermeister Grotendorst ist das eine typische Raesfeld-Lösung: intelligent, pragmatisch und bescheiden. "Wir fragen uns bei jedem Projekt, ob es so sein muss oder ob wir nicht noch einen besseren und billigeren Weg finden." Dabei gilt nicht grundsätzlich, dass Geiz geil ist. Im Gegenteil: Übertriebener Spareifer könne später teurer werden, als einmal ordentlich zu investieren, so der Diplom-Verwaltungswirt Grotendorst, der übrigens keiner Partei angehört und vor drei Jahren mit 91 Prozent der Stimmen gewählt wurde.

Niedrige Kosten in der Verwaltung

So seien in der Gemeindeverwaltung vergleichsweise wenige Mitarbeiter tätig, die dafür jedoch übertariflich bezahlt und genauestens ausgesucht würden, so Andreas Grotendorst: "Fehlgriffe können wir uns im öffentlichen Dienst nicht mehr leisten." Seine Kollegen seien daher hoch motiviert und sehr leistungsfähig. Mit 169 Euro pro Einwohner fallen die Personalkosten in Raesfeld auch besonders niedrig aus. Und im Rathaus teilt sich der Bürgermeister einen Drucker mit mehreren Kollegen: "Wir verwalten das Geld, als ob es unser eigenes wäre."

Auch Raesfeld plagen finanzielle Sorgen

Doch auch den Raesfelder Sparmeister plagt inzwischen finanzieller Unbill. Weil das Land Nordrhein-Westfalen die solvente Gemeinde immer weniger bezuschusst, fehlen Grotendorst im nächsten Haushalt wohl voraussichtlich 1,1 Millionen Euro. Er wird das Defizit also aus den Rücklagen decken müssen und auch können - immerhin verfügt die Kommune über liquide Mittel in einer Höhe von etwa neun Millionen Euro.

"Ich finde das trotzdem nicht richtig", sagt der Bürgermeister. "Hier werden diejenigen bestraft, die anständig gewirtschaftet haben." In seinen Augen benachteiligt die rot-grüne Landesregierung gerade den ländlichen Raum zu Gunsten des Ruhrgebietes und der Großstädte. "Es geht mir auch um den erzieherischen Effekt", sagt Grotendorst. "Wenn die Fehler der Politik keine Konsequenzen haben, werden es die anderen nie lernen."

Ein bisschen kann sich Raesfeld wie Deutschland in der Euro-Zone fühlen, einen ständigen Balanceakt zwischen Solidität und Solidarität vollführend. Bis nach Oberhausen sind es von hier aus übrigens noch 25 Kilometer.

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