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Mythen über den Geldadel: Wie die deutschen Millionäre wirklich ticken

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Wie die deutschen Millionäre wirklich ticken

30.03.2011, 10:48 Uhr | Christian Rickens, Spiegel Online, Spiegel Online

Mythen über den Geldadel: Wie die deutschen Millionäre wirklich ticken. Die Welt der Superreichen: Wie die deutschen Millionäre wirklich ticken (Foto: Imago)

Die Welt der Superreichen: Wie die deutschen Millionäre wirklich ticken (Foto: Imago)

800.000 Deutsche haben ein Vermögen von mehr als einer Million Euro. Über die Lebenswelt der Reichen ist jenseits der Klischees fast nichts bekannt. Was treibt die Oberschicht wirklich um?

Angst, ausgenutzt zu werden

"Die reichen Deutschen bilden eine ähnlich bunte Truppe wie der Rest der Gesellschaft", sagt der Sozialforscher Thomas Perry, "aber es gibt auch Dinge, die nahezu alle deutschen Millionäre gemeinsam haben." Da ist zum Beispiel die Angst, ausgenutzt zu werden. Nahezu alle Reichen plagt, ob bewusst oder unterschwellig, die Sorge, andere Menschen könnten nur um des Geldes willen ihre Nähe suchen.

Aus dieser Furcht resultiert die auffällige Neigung von Reichen, sich vor allem in Netzwerken mit ihresgleichen zusammenzutun. Sei es die Behausung im Villenviertel, die Freizeit auf dem Golfplatz oder der eigenen Yacht, der Urlaub in Kampen auf Sylt, die Geldanlage bei der inhabergeführten Privatbank und das Ehrenamt im Freundeskreis der Staatsoper: So klischeeträchtig es klingt, ihr ganzes Leben organisieren Reiche am liebsten in Netzwerken, in denen sie unter sich sind. Neben dem Schutz vor Schnorrern lassen sich in solch informellen Zirkeln des Vertrauens vortrefflich Geschäfte anbahnen.

Gute Freunde bleiben Freunde

Zutritt zum Netzwerk hat, wer ebenfalls reich ist oder aus einem anderen Grund als unverdächtig gilt. Das trifft zum Beispiel auf den Schulfreund zu, der einen noch aus der Zeit kennt, als man kein Geld hatte.

So wie in der Freundschaft zwischen Andreas von Bechtolsheim, Mitgründer des US-Computerkonzerns Sun Microsystems, und Herman Kreitmeir, Surflehrer am Bodensee.

Vor 40 Jahren am Gymnasium Lindau war Kreitmeir der umschwärmte Surfer, der auf den Schulfesten die Mädels klarmachte - während Elektroniktüftler Bechtolsheim endlos an der Lichtorgel herumfummelte. Dennoch, oder vielleicht genau deshalb, hat die Freundschaft all die Jahre überstanden. Bechtolsheims 50. Geburtstag haben die beiden zusammen mit 150 Gästen in Kreitmeirs Haus am Bodensee gefeiert. Im Gegenzug besucht Kreitmeir Bechtolsheim regelmäßig in seiner Wahlheimat Palo Alto, einige Kilometer südlich von San Francisco.

Wohlstand als völlig legitim betrachtet

"Andreas ist auf dem Teppich geblieben, er gibt kaum Geld aus, im Kühlschrank sind meist nur Milch und Müsli", erzählt Kreitmeir, "aber im Supermarkt in Palo Alto stellt er mich dann Sergey und Larry vor." Sergey Brin und Larry Page - das sind die beiden Erfinder der Suchmaschine Google. Bechtolsheim war 1998 der Erste, der Geld in das neu gegründete Internetunternehmen investierte.

Eng mit der Angst vor Ausnutzung hängt der Unwille zusammen, sich für seinen Reichtum zu rechtfertigen. Selbst wer sein gesamtes Vermögen nur ererbt hat, sieht seinen Wohlstand zumeist als völlig legitim an. Das gilt sogar für erklärtermaßen linke Unternehmer wie den Hamburger Reeder Peter Krämer, der für eine Vermögensteuer plädiert, die ihn selbst treffen würde.

Die häufig gehörte Begründung: Man habe sich das Erbe quasi nachträglich verdient, weil man es bewahrt habe, und zwar mit mehr persönlichem Einsatz und Erfolg, als es andere vollbracht hätten. Mutmaßlich ein psychologischer Selbstschutzmechanismus: Ererbter Reichtum prägt den Menschen so sehr, dass es geradezu selbstzerstörerisch wäre, diese Wurzel der eigenen Identität abzulehnen.

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Millionäre ziehen keine Privatschulen vor

Woher das ganze Geld stammt, lässt sich ebenfalls klar beantworten: Rund die Hälfte der deutschen Millionäre haben den Großteil ihres Reichtums als Unternehmer oder Freiberufler verdient, rund ein Drittel hat vor allem reich geerbt.

Der typische deutsche Millionär ist also ein Unternehmer. Und zwar sehr häufig einer, der seine von den (Schwieger-)Eltern übernommene Firma weiterführt. Dieser biografische Hintergrund dürfte mitverantwortlich sein für eine weitere Gemeinsamkeit nahezu aller Reichen: die ausgeprägte Familienorientierung.

Den selbst erworbenen oder zumindest gemehrten Reichtum eines Tages an die nächste Generation weiterzugeben, gehört zu ihren größten Wünschen. Dementsprechend bilden möglichst viele wohlgeratene Kinder das wahre Statussymbol der Oberschicht.

Das dynastische Denken bewirkt wiederum den hohen Stellenwert, den Bildung für nahezu alle reichen Menschen genießt - und zwar eine ganz bestimmte Art von Bildung.

Es gehört zu den zählebigsten Mythen der deutschen Debatte um Chancengerechtigkeit im Bildungssystem, dass Millionäre ihre Kinder am liebsten auf teure Privatschulen schicken, mit Englischunterricht ab Klasse eins, Mandarin ab Klasse drei und einer Zulassung für Oxford oder Harvard als großem Ziel nach dem Abitur.

Doch bei diesem Streben um akademische Meriten handelt es sich in Wahrheit um den Herzenswunsch jener gehobenen Angestelltenkreise, in denen man sich sorgt, dass das eigene Kind das richtige Rüstzeug für den harten Daseinskampf erhält - weil für dieses Dasein eben noch nicht von Geburt an gesorgt ist.

Abiturschnitt pendelt um die 2,5

Das Bildungsideal der Oberschicht hingegen lässt sich eher an einem Internat wie Louisenlund bei Schleswig besichtigen. Der Kaffeeröster Albert Darboven drückte hier die Schulbank, ebenso der Bankier Max Warburg.

Auch der erfolgreiche Werber Jean Remy von Matt (Agentur Jung von Matt) schickte seine Söhne Newton und Edison nach Louisenlund - doch die Vornamen der beiden Sprösslinge darf man nicht allzu wörtlich nehmen. Niemand geht nach Louisenlund, um sein wissenschaftliches Genie zu wecken. Der Abiturschnitt pendelt hier um die 2,5 und entspricht damit ziemlich genau dem schleswig-holsteinischen Landesschnitt.

Kein Ruhmesblatt für die Oberschichtpenne, wenn man bedenkt, dass die Klassen in Louisenlund deutlich kleiner sind als an den staatlichen Schulen und die pädagogische Betreuung deutlich intensiver ausfällt.

Doch der Schwerpunkt liegt in Louisenlund eben nicht auf akademischen Leistungen, sondern in der Charakterbildung: Die Schüler lernen ihre Meinung zu sagen im Debattierklub, Kommandos zu geben beim Kuttersegeln auf der Ostsee, Mut zu zeigen in der freiwilligen Feuerwehr, Verantwortung zu übernehmen als Mentor für jüngere Schüler.

Ganz im Sinne der Oberschichteltern, die wissen: Fürs Führen einer Kaffeerösterei, einer Privatbank oder einer Werbeagentur zählt die richtige Persönlichkeit weit mehr als die Durchschnittsnote im zweiten juristischen Staatsexamen.

Sicher, das Abitur und irgendein akademischer Abschluss sollten im Zuge der Oberschicht-Bildungskarriere schon abfallen - der Junge muss ja später verstehen, was Prokurist und Justitiar ihm sagen wollen. Aber er soll bitte nicht so ein Zahlen- beziehungsweise Paragrafenhuber werden wie die beiden!

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