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Burn-out-Gefahr: Firmen fürchten den Stressfaktor Chef

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Burn-out-Gefahr: Firmen fürchten den Stressfaktor Chef

31.07.2011, 14:45 Uhr | Spiegel Online, Markus Dettmer, Spiegel Online

Haben Vorgesetzte eine Mitschuld, wenn Mitarbeiter an Burn-out leiden? Studien belegen, dass Führungskräfte großen Einfluss auf den Krankenstand ihrer Abteilung haben. Unternehmen wie MAN wollen das nicht hinnehmen: Sie lassen die Angestellten ihre Chefs beurteilen.

Arbeitsabläufe werden immer anspruchsvoller

Wer wissen will, was "just-in-time" in der Arbeitswelt bedeutet, kann dies in Karlsfeld besichtigen. Hier, vor den Toren von München, produziert MAN täglich 176 Lastkraftwagen im Zwei-Schicht-Betrieb; in 63 verschiedenen Varianten. Der Bau von Lkw ist Handarbeit, die Massenproduktion von Kleinserien. Es ist eine Vielfalt, die jeden Industrieroboter und jede Software überfordert. Bereits 18 Tage im Voraus steht bis auf die Sekunde fest, welcher Lkw wann die Werkshalle verlassen soll. Exakt acht Stunden und 15 Minuten dauert der Bau einer Zugmaschine. Es ist ein Ablauf, der keine Störungen und Fehler verzeiht.

Jeder Arbeitsschritt wird dokumentiert

Sechs Minuten und zehn Sekunden sind für jeden Arbeitsschritt am Fahrwerk eingeplant, bei den Fahrerkabinen sind es drei Minuten und 45 Sekunden. Über jedem Arbeitsplatz hängt ein Monitor, der den Produktionsstand anzeigt und ob die Arbeit in Verzug ist. Schwere Werkzeuge wie Elektroschrauber schweben griffbereit an Drahtseilen in Brusthöhe über dem Band. Jeder Arbeitsschritt wird durch die Arbeiter in einem Qualitätsprotokoll dokumentiert. Seit das Rauchen am Band verboten ist, steht alle paar Meter am Rand ein Aschenbecher für die schnelle Zigarette zwischendurch.

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"Der Arbeitstakt wird noch kürzer werden", sagt Jörg Schwitalla, "das ist der Produktivitätsfortschritt, der unseren Wohlstand sichert." Der MAN-Personalvorstand weiß, dass der Druck nicht abnehmen wird. Nicht für die weltweit 23.000 MAN-Mitarbeiter in der Produktion, und auch nicht für die anderen der insgesamt knapp 48.000 Beschäftigten.

Stress der Mitarbeiter wird zum Problem für Unternehmen

Die Beschleunigung und Verdichtung der Arbeitswelt hat ihren Endpunkt noch nicht erreicht - weder bei MAN noch bei den anderen deutschen Unternehmen. Deshalb gewinnt das Gesundheitsmanagement in den Firmen an Bedeutung. Stress ist längst zum betriebswirtschaftlichen Problem geworden: Kranke und überforderte Mitarbeiter machen Fehler. Doch in einer modernen Wirtschaftswelt, in der die Fehlertoleranz gegen Null geht, kann selbst das kleinste Missgeschick große Kosten verursachen.

Programm soll Burn-out vorbeugen

Gerade startet Schwitalla für den Konzern weltweit ein neues Programm zur Burnout-Prävention. Doch er weiß auch, dass es damit alleine nicht getan ist. Denn die Veränderungen in der Arbeitswelt greifen tief in die Kultur der Unternehmen ein. Sie muten den Mitarbeitern mehr zu, aber sie bieten ihnen auch mehr Freiheiten. Sie stellen das Anweisungsregime der alten Industriegesellschaft in Frage.

Führungskräfte sollen Zeitmanagement lernen

"Bei der Fülle von Aufgaben, die täglich auf uns einprasseln, kommt es darauf an, dass jeder Mitarbeiter selber Prioritäten setzen und entscheiden kann, was sofort bearbeitet werden muss und was liegen bleiben kann", sagt Schwitalla. "Deshalb ist mir ein klares Nein lieber als ein gequetschtes Ja." Längst bieten Unternehmen wie MAN nicht nur ihren Führungskräften Seminare zur Stressvermeidung und für Zeitmanagement an.

Doch was passiert, wenn der Vorgesetzte mit der Eigeninitiative seiner Untergebenen oder einem begründeten Nein nicht umgehen kann? "Zu den größten Stressfaktoren im Beruf zählen die Unsicherheit über die eigene Position im Unternehmen, der Mangel an Vertrauen zwischen Chefs und Untergebenen, permanente Überforderung durch unrealistische Vorgaben oder sinnfreie Aufgaben", sagt Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg/Essen.

Führungskräfte sind schuld an hohen Krankheitsraten

Zunehmend gerät der Stressfaktor Chef in den Fokus. Studien belegen, dass Führungskräfte ihren Krankenstand mitnehmen. Bereits vor Jahren hat Volkswagen in seinen Werken probeweise Vorgesetzte aus Bereichen mit überdurchschnittlich hohen Krankheitsraten in solche mit besonders niedrigen Fehlzeiten versetzt. Das Ergebnis: Schon nach kurzer Zeit schossen die Fehlzeiten in den ehemals vorbildlichen Abteilungen nach oben. Bereits nach einem Jahr hatten die neuen Chefs wieder ihren alten Krankenstand erreicht.

Mitarbeiter sollen Vorgesetzte bewerten

Derzeit lässt MAN alle Mitarbeiter weltweit Fragebögen ausfüllen zu ihrer Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz - und ihren Chefs. Heute reicht es nicht mehr aus, dass sich Vorstände allein mit Unternehmensstrategien und Renditenziel auseinandersetzen, sie müssen sich auch um das Klima in ihren Firmen kümmern.

"Wir müssen offen darüber sprechen, ob die Vorgesetzten Teil der Lösung oder Teil des Problems sind", sagt Personalvorstand Schwitalla. Reichen sie einfach die Vorgaben nach unten durch und schauen zu, wie ihre Untergebenen damit fertig werden? Oder filtern sie den Druck und setzen selber Prioritäten? Akzeptieren sie, dass ihre Mitarbeiter neben dem Beruf auch noch ein Privatleben haben?

Keine Dienstmails am Wochenende

"Sie müssen als Vorstand die Regeln vorleben, die sie aufstellen, sonst setzen sie sich nicht im Unternehmen durch", sagt Schwitalla. So gilt für die Konzernspitze die ungeschriebene Regel, dass an Wochenenden keine dienstlichen Mails geschrieben werden und man auch nicht miteinander telefoniert.

"Ob wir beispielsweise den Blackberry als Fluch oder Segen empfinden, liegt auch an uns selber", sagt Schwitalla. Er nutzt ihn zwischendurch zur Entschleunigung. Gelegentlich fährt der Manager früher zu Terminen in die Stadt. Seine Sekretärin weiß dann, wie er für Dringliches über seinen Blackberry für sie zu erreichen ist, ansonsten herrscht Funkstille. "Ich setze mich dann eine halbe Stunde in Ruhe irgendwohin, um zu entspannen und kreativ zu bleiben", sagt Schwitalla. Der Personalvorstand empfiehlt solche kurzen Momente der Muße im alltäglichen Stress ausdrücklich auch seinen Mitarbeitern.

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