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Schuldenkrise: Euro-Exodus lässt Griechenland ausbluten

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Euro-Exodus lässt Griechenland ausbluten

25.10.2011, 15:30 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Schuldenkrise: Euro-Exodus lässt Griechenland ausbluten. Parlament in Athen: Demonstrationen gegen die Finanzreformen der Regierung (Quelle: Reuters)

Parlament in Athen: Demonstrationen gegen die Finanzreformen der Regierung (Quelle: Reuters)

Unternehmer tun es, Rentner auch und sogar Nonnen: Viele Griechen schaffen ihr Vermögen ins Ausland, Dutzende Milliarden Euro sind bereits weg. In dem Staat, der am Boden liegt, ist sich jeder selbst der Nächste - selbst Steuerfahnder flüchten sich in blanken Zynismus.

Als die Sprache auf die Nonne kommt, verdreht Panagiotis Nikoloudis die Augen. "Bitte, nicht schon wieder diese Geschichte", seufzt er und hebt abwehrend die Hände. Doch dann beginnt Griechenlands oberster Finanzfahnder widerstrebend zu erzählen, langsam erst und ausschweifend, aber bald kommt er zur Sache.

"Auch wir haben Angst um unser Geld"

"Es ist also noch nicht sehr lange her", sagt der Präsident der Behörde zur Bekämpfung der Geldwäsche, "dass eine griechische Nonne zu ihrer Bank ging und das Konto des Klosters auflöste". 700.000 Euro hob sie ab, und auf die Frage des Angestellten, was sie mit so viel Bargeld denn wolle, antwortete sie: "Renovieren." Doch der Mann am Schalter setzte nach und da wurde die Frau Gottes ganz rot und bekannte: "Auch wir haben Angst um unser Geld."

Das also sei die Geschichte der griechischen Nonne, sagt Nikoloudis, die das Vermögen ihres Ordens wohl ins Ausland gebracht habe. Die Anekdote ging inzwischen um die Welt, und manche Zeitung schmückte sie noch weidlich aus: Die Geistliche sei am Flughafen mit einem Koffer voller Geld erwischt worden, schrieb ein Blatt. "Das allerdings ist völliger Unsinn", so der Beamte. "Und, bitte, es geht doch eigentlich um weitaus mehr."

Etliche Milliarden Euro haben die Griechen in den vergangenen Monaten ins Ausland geschafft. Niemand weiß, wie hoch die Summe genau ist, aber Finanzfahnder Nikoloudis kann zumindest eine deutliche Entwicklung ausmachen: Waren es anfangs noch wenige Menschen, die hohe Summen fortschafften, sind es heute viele, die kleinere Beträge transferieren.

49 Milliarden Euro weniger

Ein Anhaltspunkt für das Ausmaß der Kapitalflucht ist der Rückgang des in Griechenland gebunkerten Vermögens: Betrugen Anfang 2010 die Spar- und Termineinlagen der privaten Haushalte und Unternehmen noch 237,7 Milliarden, gingen sie bis Ende August 2011 um 49 Milliarden Euro zurück. Inzwischen hat sich der fatale Abwärtstrend noch weiter verstärkt. In den vergangenen 45 Tagen hoben die Griechen weitere 9,5 Milliarden Euro ab.

Nicht alle Menschen haben ihre Rücklagen ins Ausland geschafft, viele sind wegen der Krise auch einfach gezwungen, auf das Ersparte zurückzugreifen. Dennoch: "Die Verunsicherung ist groß", weiß Ermittler Nikoloudis. Und die Banken machten sich das zunutze. "Die fragen ihre Kunden ganz direkt, ob sie ihr Geld nicht lieber in Liechtenstein, der Schweiz oder Deutschland anlegen wollten." Das sei natürlich nicht verboten, aber es mache ihn tieftraurig, weil die griechischen Geldhäuser doch dringend Liquidität bräuchten und das Land die Binnennachfrage.

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30 Prozent der Griechen hinterziehen Steuern

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Steuerbetrug ist weit verbreitet in der Wiege der Demokratie. Europaweit werden zehn Prozent der Mehrwertsteuer hinterzogen, in Griechenland etwa 30 Prozent. Ein Drittel der gesamten Wirtschaft läuft am Finanzamt vorbei. Die Verwaltung arbeitet langsam, ineffektiv und ist korrupt. Deshalb kann es viele Jahre dauern, bis ein Steuerstrafverfahren abgeschlossen wird - das Geld aber ist dann oftmals längst außer Landes.

Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos hat daher einen Plan ersonnen, der so verzweifelt erscheint, wie die Lage wohl ist. Künftig will er Steuersünder und Kapitalflüchtlinge öffentlich an den Pranger stellen. Den Abgeordneten des Parlaments legte er bereits 2495 Namen vor. "Liste der Schande" nannten griechische Zeitungen diese Aufstellung.

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Es fehlen Geld und Zeit

Was die Volksvertreter zu sehen bekamen, machte einige fassungslos. Man schlage die Hände über dem Kopf zusammen, so ein Politiker. Dort seien 40 Menschen aufgeführt, die dem Staat jeweils mehr als hundert Millionen Euro schuldeten. Einer habe sogar ein Jahreseinkommen von 42.000 Euro angegeben, im Ausland aber 104 Millionen Euro gebunkert. Ein anderer Geschäftsmann schuldete dem Fiskus 636 Millionen Euro. Und 18 Personen hätten Arbeitslosengeld bezogen, obwohl sie im Ausland jeweils zwischen einer und anderthalb Millionen Euro versteckten.

Der Finanzminister gab zu: "Wir konnten die Steuerhinterziehung bislang nicht erfassen." Die Zeche zahlt nun die griechische Mittelschicht, die immer neue Sonderabgaben aufbringen und Gehaltskürzungen hinnehmen muss. Zehntausenden Beamten droht sogar die Entlassung.

"Vielen Menschen denken nur an sich"

Denn schon im September war der Auftakt im viel beschworenen Kampf gegen die Steuerhinterziehung in ein ziemliches Desaster gemündet. Es stellte sich heraus, dass die meisten Betriebe, die der öffentlichen Hand Geld schulden, staatliche oder bereits insolvente Firmen sind. Inzwischen sind die Hoffnungen der Regierung, auf diese Weise etwa 30 Milliarden Euro einzutreiben, deutlich zurückgegangen.

Der Finanzfahnder Nikoloudis, ein großer, eleganter Mann mit buschigen Augenbrauen, sagt, seine Arbeit habe ihn mit den Jahren zynisch werden lassen. "Wir sind in diese Lage geraten, weil in meinem Land zu viele Menschen nur an sich selbst denken."

Griechenland fehlt nicht nur Geld

Zwar hätten seine Leute in diesem Jahr bereits fast 151 Millionen Euro beschlagnahmt, die aus kriminellen Handlungen stammten und zum Teil nicht versteuert worden seien. Doch die Fälle müssten noch verhandelt werden - und erst die Gerichte entschieden schließlich, was mit dem Vermögen passieren werde. "Und auch das kann dauern", sagt Nikoloudis.

Dabei fehlt Griechenland nicht nur viel Geld, sondern auch jede Zeit.

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