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Arzneimittel-Sparpläne: Warum Medikamente in Deutschland so teuer sind

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Arzneimittel-Schlacht  

Warum Pillen in Deutschland so teuer sind

| von Marion Schalk

Arzneimittel-Sparpläne: Warum Medikamente in Deutschland so teuer sind. Tabletten sind in Deutschland teurer als in anderen EU-Ländern (Foto: imago)

Tabletten sind in Deutschland teurer als in anderen EU-Ländern (Foto: imago)

Pharmaindustrie und Politik streiten sich über die Arzneimittel-Sparpläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) – während sich Versicherte fragen, wieso sie für Medikamente in Deutschland so viel mehr zahlen müssen als in anderen Ländern. t-online.de erklärt, warum das so ist.

Teure Medikamente

Arzneimittel in Deutschland kosten weit mehr als im Ausland. Vor allem bei Medikamenten im sogenannten "innovativen Segment" langen die Pharmafirmen zu. Das sind meist Spezialpräparate, zu denen es keine therapeutischen Alternativen gibt. Impfstoffe gegen Gebärmutterhalskrebs zum Beispiel: Die Grundimmunisierung mit Mitteln wie Gardasil oder Cervarix kostet laut aktuellem Arzneiverordnungsreport in Deutschland 477 Euro ab Hersteller, in den USA 247 Euro und in der Schweiz 314 Euro.

900 Euro mehr für das gleiche Krebsmittel

Ein weiteres Beispiel: Das Krebsmittel Glivec kostet in Deutschland 2700 Euro, sagt Pharmaexperte Gerd Glaeske, unter anderem Mitglied des Sachverständigenrates zu Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. In Großbritannien zahle man lediglich 1800 Euro ab Hersteller. "Neue Arzneimittel imponieren hier mit einem besonders hohen Preis", wird Glaeske in der "Frankfurter Rundschau" zitiert.

Keine gesetzliche Beschränkung der Preise

Bislang können die Pharmariesen in Deutschland die Preise für patentgeschützte Arzneimittel im Alleingang festlegen. Wird ein Medikament zugelassen, müssen die Krankenkassen zahlen – es gibt keine gesetzlichen Höchstgrenzen.

Pharmaindustrie: Staat und Apotheken schöpfen auch Gewinn ab

Die Pharmaindustrie rechtfertigt die hohen Preise in Deutschland unter anderem mit der hohen Mehrwertsteuer und den Handelsspannen der Apotheken. Nur 60 Prozent der jährlichen Kosten für die Versorgung mit Arzneimitteln entfielen auf die Hersteller, sagte der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Bernd Wegener, der Zeitung "Rheinlandpfalz am Sonntag". "Die restlichen 40 Prozent gehen an die Apotheken und an den Großhandel sowie in die Taschen des Staates". Tatsächlich unterliegen verschreibungspflichtige Arzneimittel in fast allen EU-Ländern nicht dem vollen Mehrwertsteuer-Satz, während in Deutschland 19 Prozent Mehrwertsteuer anfallen. In Litauen, Malta und Schweden sind diese Präparate sogar steuerfrei.

Mehrwertsteuer nur geringfügig preisrelevant

Im Streit um die Arzneimittel-Kosten gehe es aber um teure Medikamente - und genau bei diesen spiele die Steuer keine große Rolle, sagt der Herausgeber des industrieunabhängigen
"arznei-telegramms", Wolfgang Becker-Brüser, im Gespräch mit t-online.de. Die Diskussion um die Mehrwertsteuer sei lediglich ein Ablenkungsmanöver der Pharmaindustrie. "Auch die Handelsspanne der Apotheken ist bei den teuren Medikamenten im internationalen Vergleich relativ gering", so der Arzt weiter.

Hohe Entwicklungskosten und Ausfallrisiko

Die Industrie argumentiert außerdem mit hohen Entwicklungs- und Forschungskosten: Nach Angaben des Verbandes der forschenden Pharmahersteller dauert es durchschnittlich zwölf Jahre von der Idee bis zur Zulassung eines Arzneimittels. Die Kosten beliefen sich auf bis zu 800 Millionen Euro – ohne Erfolgsgarantie. "Bevor man mit Medikamenten Geld verdient, muss man sehr viel Geld investieren und von 10.000 Projekten kommt nur eines als Medikament zum Patienten", sagt Verbandssprecher Jochen Stemmler zu "tagesschau.de".

Der Markt bestimmt den Preis

Dem widerspricht Becker-Brüser. "Auch die Produktions- oder Forschungskosten haben mit der Festlegung des Preises nichts zu tun", so der Arzt und Apotheker. "Die Hersteller nehmen, was der Markt hergibt". Zum Beispiel Viagra: Eigentlich forschte der Pharmakonzern Pfizer nach einem Herz-Kreislaufmittel. Durch Zufall fiel die standkräftige Nebenwirkung auf, das Medikament wurde ein Verkaufsschlager. Die Kostenerwartung des Präparats lag laut Becker-Brüser bei ein bis zwei Euro pro Tag. Der Patient zahle 11 bis 15 Euro pro Dosis. Darüber hinaus führte die Industrie denselben Wirkstoff nochmals ein, dieses Mal gegen pulmonale Hypertonie - und erhöhte erneut das Preisniveau. Becker-Brüser stellt klar: "Je schwerer und bedrohlicher die Erkrankung, desto höher setzt die Industrie die Preise an."

Vorschlag der Preisverhandlungen nicht neu

Helfen könnten hier zentrale Preisverhandlungen, empfahlen die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports bereits im vergangenen September. In der Schweiz zum Beispiel seien diese gang und gebe, schreibt Professor Ulrich Schwabe, Mitherausgeber des Reports. Der Marktpreis der Impfstoffe gegen Gebärmutterhalskrebs betrug dort ursprünglich 546 Euro – nach zentralen Verhandlungen der Kantone mit dem Hersteller wurde er um 43 Prozent auf 314 Euro gesenkt. Und sogar im deutschen Gesetz stehe bereits seit drei Jahren, dass es solche Verhandlungen geben könne, sagte Schwabe zu "tagesschau.de". "Voraussetzung ist nach dem Gesetzestext allerdings eine Kosten-Nutzen-Bewertung – und die hängt seit drei Jahren."

Teurere Preise erst bei Nachweis der besseren Wirkung

Die Bewertung, um wie viel besser ein neues Medikament zum Beispiel zur Blutdrucksenkung im Vergleich zu einem älteren gegen Schlaganfälle vorbeugt, findet in der Regel Jahre nach der Zulassung statt. "Für die Zulassung untersucht die Pharmafirma den Wirkstoff meist aber nur im Vergleich mit einem Placebo, es wird also lediglich untersucht, ob der Wirkstoff überhaupt funktioniert und ob das Medikament verträglich ist", erläutert Klaus Koch, ein Sprecher des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Das Institut erstellt unter anderem Gutachten zu Arzneimitteln im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Bundesgesundheitsministeriums. Erst bei der Kosten-Nutzen-Bewertung wird das Medikament direkt mit dem bislang am Markt gebräuchlichen Arzneimittel verglichen und so der tatsächliche Zusatznutzen ermittelt. Der kann dann den Kosten gegenübergestellt werden. Trotzdem verlangt die Pharmafirma schon ab Zulassung einen höheren Preis, obwohl der Mehrwert des neuen Medikaments meist noch gar nicht belegt ist. "Solange ein Medikament nicht nachgewiesenermaßen besser ist, sollte eine Firma nicht frei über den Preis bestimmen können", sagt Koch zu t-online.de.

Untersuchungen basieren auf Studien der Pharmaindustrie

Seit Anfang 2011 sind nun direkte Verhandlungen zwischen Kassen und Industrie per Gesetz vorgeschrieben. Auch die Nutzenbewertung findet früher statt. "Das ist erst einmal ein Fortschritt", sagt Koch: „Jetzt gilt es aber, die Auswirkungen des Gesetzes zu beobachten“. Interessantes Detail: Auch für die Kosten-Nutzen-Bewertung greifen Institute wie das IQWiG auf Daten der Pharmafirmen zu. "Die Finanzmittel fehlen, um unabhängige Studien zu machen", so Koch. Grundsätzliche Bedenken aufgrund fehlender Neutralität wiegelt er ab: "Die Studien der Pharmafirmen sind nicht von vorneherein unglaubwürdig". Die klinischen Untersuchungen würden nach standardisierten Methoden durchgeführt, "die regelmäßig durch neutrale wissenschaftliche Aufsichtsgremien geprüft werden". Ein wesentlich schwerwiegenderes Problem sei, dass nach Abschluss der Studie nicht alle Ergebnisse veröffentlicht würden. "Es muss sichergestellt sein, dass bei den Preisverhandlungen alle Studienergebnisse vorliegen", sagt Koch.

Deutsche Preise sind Benchmark für andere EU-Länder

Ein weiterer Aspekt spielt in dem Kampf um billigere Arzneimittel in Deutschland ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Medikamentenpreise in Deutschland gelten als Referenzpreise für die Verhandlungen in den meisten anderen EU-Ländern. Es geht also für die Pharma-Industrie nicht nur um etwaige Einbußen in Deutschland, sollten die Preise sinken.

Undurchsichtige Rabattverträge

Der Herausgeber des "arznei-telegramms", Becker-Brüser, ist sich jedoch sicher: Kommt es tatsächlich zu Verhandlungen zwischen den Kassen und den Firmen, werden die offiziellen Preislisten nicht angerührt. "Bereits jetzt gibt es Rabattverträge bei patentfreien Arzneimitteln, die nicht öffentlich sind und bei denen der Listenpreis gleich bleibt". Die Kassen zahlen de facto also weniger, als offiziell festgelegt wurde. Die Referenzpreise fürs Ausland bleiben jedoch gleich.

Pharmaindustrie gibt sich verhandlungsbereit

Für die Pharmaindustrie wäre das sicherlich eine akzeptable Lösung, sie sperrt sich nicht grundsätzlich gegen den Vorschlag von Rösler: Der Verband der Pharmazeutischen Industrie ist "prinzipiell für die Einführung von Preisverhandlungen für patentgeschützte Arzneimittel". Die Äußerungen des Ministers seien jedoch unausgereift, sagt Verbandschef Wegener. Der Minister lasse sich vom Druck der Krankenkassen und hauptamtlicher Pharmakritiker treiben.

Rund 30 Milliarden Euro für Arzneimittel

Es bleibt abzuwarten, wie die Verhandlungen im Detail weitergehen werden. Beim Kampf gegen die Pharmalobby sind bereits andere Gesundheitsminister vor Philipp Rösler gescheitert. Fakt ist: Die gesetzlichen Krankenkassen gaben laut aktuellem Arzneiverordnungs-Report im Jahr 2008 für Arzneimittel 29,2 Milliarden Euro aus. Das entsprach einem Plus von 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und war damit der Ausgabenblock mit der höchsten Steigerungsrate bei den Kassen. Werden die Regularien nicht geändert, müssen sich die Versicherten darauf einstellen, dass die Gesundheitskosten weiter steigen und innovative, gefragte Medikamente teurer als in anderen Ländern bleiben.

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