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Kassen prangern Ärzte mit wenigen Kassenpatienten an

19.04.2012, 10:22 Uhr | dpa, t-online.de

Kassen prangern Ärzte mit wenigen Kassenpatienten an. Kassenpatienten sind nicht jedem Arzt willkommen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Kassenpatienten sind nicht jedem Arzt willkommen (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Tausende Kassenärzte in Deutschland behandeln Kassenpatienten nur zögerlich. Sie haben deutlich weniger Kassenpatienten als der Durchschnitt ihrer Zunft und behandeln stattdessen lieber Privatpatienten, mit denen sie mehr verdienen. Das trifft vor allem auf Internisten, Nervenärzte, Radiologen und Chirurgen zu, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht. Laut Bundesgesundheitsministerium sind Wartezeiten für gesetzlich Versicherte aus diesen Gründen nicht auszuschließen. Die Krankenkassen sind empört.

Der Sprecher des Kassen-Spitzenverbands, Florian Lanz, sagte: "Das ist ein wirklich starkes Stück, wenn sich Ärzte nicht im vorgesehenen Umfang um kranke Menschen kümmern und dadurch Wartezeiten entstehen." Die Grünen-Gesundheitsexpertin Birgitt Bender warf der Bundesregierung und den Kassenärztlichen Vereinigungen vor, die Einhaltung der Vorgaben für die Kassenärzte nicht genügend zu überprüfen.

Arztpraxen mit wenig Kassenpatienten

Aus der Übersicht geht hervor, dass in Westfalen 32 Prozent und in Schleswig-Holstein und Niedersachsen 29 Prozent der Internisten weniger als ein Viertel der Behandlungen als im Schnitt üblich haben. Auf so wenige Behandlungen kommen auch über 30 Prozent der Nervenärzte in Berlin, Bremen, Hamburg und Niedersachsen sowie fast so viele Radiologen in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern.

Bei den Hausärzten gibt es in Bayern, Berlin und Hamburg mit jeweils mehr als neun Prozent am meisten Fachvertreter mit so einer geringen Zahl an Behandlungen von Kassenpatienten. In den meisten Fachgruppen und Regionen pendeln die Anteile der Doktoren mit äußerst geringen Fallzahlen zwischen fünf und mehr als 20 Prozent - und dabei handelt es sich um Ärzte mit voller Zulassung. Insgesamt gibt es mehr als 150.000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten.

KBV: Kein Recht auf Behandlung in festgesetzter Zeit

Allerdings: Um wen sich ein Arzt sofort kümmert und welchem Patienten er einen späteren Termin gibt, entscheidet der Mediziner nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) selbst. Ein Notfall hat demnach Vorrang vor einer Vorsorgeuntersuchung. Viele Patienten haben eine gegenteilige Erfahrung gemacht. Dem Arzt dann jedoch nachzuweisen, dass er tatsächlich noch einen Termin frei gehabt hätte, dürfte kaum möglich sein.

Grundsätzlich könnten sich Patienten, die das Gefühl haben, nicht schnell genug behandelt zu werden, an die Kassenärztlichen Vereinigungen oder an ihre Krankenkasse wenden, um sich zu beschweren, erklärte KBV-Sprecher Roland Stahl t-online.de. Es bestehe aber für niemanden ein Anrecht darauf, in einer festgesetzten Zeit behandelt zu werden. Entscheidend seien letztlich die medizinische Einschätzung des Arztes und die Dringlichkeit des Falles.

Die gleiche Regel gilt Stahl zufolge für den Fall, dass ein Mediziner einen zusätzlichen Geldbeitrag von Patienten fordert, die einen schnellen Termin erhalten wollen. Auch dann können betroffene Versicherte eine Beschwerde an die Kassenärztliche Vereinigung wenden.

Grüne sprechen von "Hobbyarztpraxen"

Zusammengestellt hat das brisante Material die KBV, erbeten wurde es von der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hin. Für deren Gesundheitsexpertin Birgitt Bender ist die Kehrseite vieler "Hobbyarztpraxen" die Überlastung der Mediziner, die ihren Auftrag ernster nehmen.

Warum gibt es überhaupt so große Ausschläge? Dass viele Praxen mit wenigen Patienten in wohlhabenderen Regionen liegen, legt den Schluss nahe, dass sie sich übermäßig stark auf lukrative Privatpatienten verlegt haben. Auch könnten nach Branchenschätzungen ältere Ärzte mit verminderter Leistungsfähigkeit ihre Praxis nicht in jüngere Hände legen wollen. Auch Ärzte mit jungen Kindern könnten weniger arbeiten wollen.

Pflichten der Kassenärzte werden nicht überprüft

Etwas genaues weiß man aber nicht. Dahinter steckt nach Benders Ansicht System - und ärztliche Klientelpolitik im Ressort von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Eigentlich müssen die Kassenärzte 20 Sprechstunden für Kassenpatienten pro Woche anbieten. "Weder der Bundesregierung noch den Kassenärztlichen Vereinigungen ist bekannt, ob diese Vorgabe von der Ärzteschaft eingehalten wird", sagt Bender. Die neuen Zahlen zeigten, dass die Lage genauer geprüft werden müsse. Schließlich könnte man Ärzten sogar ihren Sitz entziehen, wenn sie sich zu wenig um Kranke kümmern.

Was ist zu tun? Erst im vergangenen Herbst zeigte eine Umfrage im Auftrag der KBV, dass gut jeder fünfte gesetzlich Versicherte mehrere Wochen auf einen Arzttermin warten muss. Bei Privatversicherten müssen nur vier Prozent länger als drei Wochen warten. Bei einer jüngsten Stichprobe in Norddeutschland fiel ein Augenarzt aus Elmshorn auf: Hier konnte ein Testanrufer als Kassenpatient erst einen Termin im November bekommen - als Privatversicherter wäre er nach nur 23 Tagen drangekommen.

Neues Ärztegesetz soll helfen

Vor einem Jahr sorgte die SPD mit der Idee für Aufruhr in der Ärzteschaft, Mediziner bei zu langen Wartezeiten für einen Termin mit bis zu 25.000 Euro und zwei Jahren Entzug der Zulassung zu bestrafen. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums verweist nun auf das jüngst in Kraft getretene Ärztegesetz der Koalition. Demnach müssen Ärzte eine zeitnahe Versorgung bieten. Die Kassen können sonst Honorargeld teilweise zurückbehalten.

Außerdem gibt es immer mehr Kassen, die sich für ihre Versicherten um Termine beim Arzt kümmern. Experten fordern darüber hinaus ein neues Honorarsystem, das eine gleiche Honorierung für die Behandlung von Privatpatienten und gesetzlich Versicherten vorschreibt.

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