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Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung vor dem Durchbruch

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Überwachung im Auto  

Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung vor dem Durchbruch

01.10.2015, 08:55 Uhr | dpa, dpa-AFX

. App von Telefonica, die Details zum Fahrstil aufzeichnet. Telematik-Tarife in der Autoversicherung dürften künftig verstärkt angeboten werden. (Quelle: dpa)

App von Telefonica, die Details zum Fahrstil aufzeichnet. Telematik-Tarife in der Autoversicherung dürften künftig verstärkt angeboten werden. (Quelle: dpa)

Sage mir, wie gut Du fährst und ich sage Dir, was Du bezahlen musst: Nach diesem Prinzip sollen die neuen Telematik-Tarife der Autoversicherer funktionieren und umsichtige Fahrer durch Preisnachlässe belohnen. Die Autofahrer scheinen interessiert zu sein. Verbraucherschützer winken jedoch eher ab. Und Datenschützer mahnen zur Vorsicht.

Viele Autofahrer in Deutschland können ihren Fahrstil bald freiwillig von ihrer Versicherung überwachen lassen. Allianz, Huk-Coburg und andere Versicherer arbeiten an der Einführung sogenannter Telematik-Tarife, bei denen das Verhalten des Fahrers technisch erfasst und in die Prämienberechnung einbezogen wird.

In einigen anderen Ländern sind diese Tarife unter dem Namen "Pay as you drive" (Zahle wie Du fährst) schon etabliert - in Deutschland stehen sie nach ersten kleineren Versuchen mit Überwachungsboxen im Auto jetzt vor dem Durchbruch. Wenn die beiden Riesen Huk-Coburg und Allianz mit ihren zusammen 18 Millionen Autoversicherungskunden damit starten, werden auch die anderen nach Einschätzung von Experten bald folgen.

Smartphone beobachtet Fahrstil

Künftig könnte sogar das Smartphone wichtige Daten wie Bremswege und Beschleunigung erfassen und an den Versicherer übermitteln. Im Visier für die neuen Tarife haben die Versicherer besonders Fahranfänger: Denn sie sind im Gegensatz zu langjährigen Autofahrern für die Unternehmen ein unbeschriebenes Blatt und somit ein hohes Risiko. "Mit dem Telematik-Tarif leisten wir einen Beitrag zur Verkehrssicherheit, gerade für junge Autofahrer", sagt Allianz-Vorstand Alexander Vollert.

Im hart umkämpften Markt für Kfz-Versicherungen versprechen sich die Anbieter aber auch Wettbewerbsvorteile, weil sie den überwachten Fahrern günstigere Tarife anbieten können. Aus Sicht der Versicherer seien möglichst passgenaue Tarife, die das spezifische Schadensrisiko des Kunden abbilden, die ideale Welt, sagt der Versicherungsexperte der Unternehmensberatung Accenture, Werner Rapberger. "Was sie aber sicher nicht wollen, ist die Prämien insgesamt zu senken."

Bei vielen Autofahrern scheinen die Versicherer mit der Telematik offene Türen einzurennen. 43 Prozent der Deutschen würden sich eine Überwachungsbox in ihr Auto einbauen lassen, ergab eine Umfrage der Verbraucherkreditbank CreditPlus im Frühjahr 2015. Die Befürworter lockt vor allem die Aussicht auf niedrigere Versicherungsprämien.

Sparkassen-Versicherung kürt "Fahrer des Monats"

Als einer der ersten Anbieter hat die Sparkassen-Direkt-Versicherung Telematik-Boxen in die Wagen ihrer Kunden einbauen lassen: Die ersten 1000 Boxen waren trotz des Aufwands mit Werkstatttermin schnell vergriffen, inzwischen gibt es eine Warteliste. Dafür winken den Kunden Ersparnisse: "Uns als Versicherer interessiert natürlich, wie Sie fahren", wirbt die Versicherung. "Erreichen Sie einen guten Jahres-Gesamtpunktewert (Score) erhalten Sie daher als Belohnung einen Rabatt von fünf Prozent auf Ihre nächste Jahres-Beitragsrechnung."

Jeden Monat wird der "Fahrer des Monats" im Internet gekürt: Im August gewann Georgios P. aus Bochum mit einem Score von 99 den Pokal und bekommt damit die Versicherungsprämie für ein ganzes Quartal zurück. Bei ihm stolze 552,91 Euro. Frühere Gewinner bekamen zwischen 90 und 350 Euro erstattet.

Prinzip auch auf andere Versicherungen übertragbar

Einen ähnlichen Weg planen auch Versicherer auch in der Kranken-, Lebens-, oder Berufsunfähigkeitsversicherung: Die Generali-Versicherung beispielsweise will im kommenden Jahr ihren Tarif "Vitality" auf den Markt bringen, der gesundheitsbewusstes Verhalten fördern soll. Gesunde Ernährung, Bewegung, Vorsorgeuntersuchungen oder der Verzicht auf das Rauchen sollen mit Boni oder Vergünstigungen belohnt werden.

Politiker, Verbraucher- und Datenschützer betrachten die Entwicklung mit Argwohn. "Weil Menschen die Freiheit behalten müssen, über ihr Verhalten selbst zu entscheiden, müssen sie über die Verwendung ihrer Daten autonom entscheiden", schrieb Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) im "Handelsblatt". Es müsse immer einen "Aus-Knopf" geben.

Und die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff mahnt die Bürger, in der Krankenversicherung nicht "unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen". Sie sollten kurzfristige finanzielle Vorteile gegen langfristige Gefahren abwägen.

Schon ohne Dauerüberwachung kann die Preisgabe von Gesundheits- und Verhaltensdaten Versicherungskunden auf die Füße fallen. Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen will und von einem Anbieter wegen gesundheitlicher Probleme eine Absage erhält, hat danach möglicherweise auch bei weiteren Versicherern schlechtere Karten. Denn die Ablehnung des Antrags wird in einer gemeinsamen Datenbank der Branche festgehalten.

Auch Preisvergleich spart viel Geld

Dabei stellt sich die Frage, wie viel Geld die Kunden durch den Daten-Striptease überhaupt sparen. Das gemeinnützige Verbraucherportal "Finanztip.de" hat die Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung untersucht - mit ernüchterndem Ergebnis. Die Versicherer versprächen 20 bis 40 Prozent Ersparnis, doch schon durch einen normalen Versichererwechsel könnten Kunden der untersuchten Anbieter ihre Beiträge um 25 Prozent senken. Die Überwachung lohne sich daher meist gar nicht, schlussfolgert Finanztip-Versicherungsexperte Saidi Sulilatu.

Sollten sich die Telematik-Tarife in der Breite durchsetzen, dürften klassische Tarife jedoch teurer werden, fürchtet er. Der Versicherer könne dann vermuten, dass überwachungsresistente Fahrer riskanter fahren.

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