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Phosphat in Lebensmitteln: Ärzte warnen vor künstlichem Phosphat

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Phosphat: Ärzte warnen vor künstlichem Phosphat  

Ärzte warnen vor künstlichem Phosphat

10.07.2012, 11:46 Uhr | Christian Gruber für Spiegel-Online, Spiegel Online

Phosphat in Lebensmitteln: Ärzte warnen vor künstlichem Phosphat. Phosphat: Auch für Gesunde ist zu viel Phosphat schädlich (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Auch für Gesunde ist zu viel Phosphat schädlich (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Es steckt im Käse, der den Burger so lecker macht, in der Cola und im Puddingpulver: Mit künstlichem Phosphat macht die Lebensmittelindustrie ihre Produkte konservierungsfähig. Mediziner jedoch warnen - der Zusatzstoff kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.

Phosphat: für Nierenkranke besonders kritisch

Kauderwelsch auf der Verpackung: E339, E340, E341, E450, E451, E452. Das steht für Lebensmittelzusätze, genauer für künstliches Phosphat, das die EU-Gesetzgebung erlaubt. Doch harmlos sind die Phosphatzusätze keineswegs, Ärzte warnen: Menschen mit chronischen Nierenproblemen sollten bei Phosphat vorsichtig sein.
Funktioniert die Niere nur eingeschränkt, wird das Phosphat nicht mehr richtig herausgefiltert. Als Folge steigt die Konzentration im Blut stark an, wodurch das Herz-Kreislauf-System über Gebühr belastet wird. Den Studien zufolge ist damit das Risiko zu sterben bei Nierenkranken deutlich erhöht.

Zu viel Phosphat schadet auch Gesunden

Inzwischen warnen Mediziner auch bei gesunden Menschen vor zu hohem Phosphatspiegel im Blut. Auch Gesunde sollten mit den künstlichen Zusätzen aufpassen, schreiben die Ärzte um Eberhard Ritz vom Nierenzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg in einer Übersichtsarbeit, die kürzlich im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlicht wurde. Ritz und seine Ärztekollegen Kai Hahn, Markus Ketteler, Martin Kuhlmann und Johannes Mann, allesamt Nierenspezialisten, werteten bisherige Studien zum Thema Phosphatzusätze und Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus.

Molekül des Alterns

Bereits 1997 entdeckte der Japaner Makoto Kuro-o am Nationalen Institut für Neurowissenschaften in Tokio ein neues Gen, das den Bauplan für ein Eiweiß namens Klotho enthält. In Tierversuchen stellte er fest: Legt man das Klotho-Gen in Mäusen lahm, steigt deren Phosphatspiegel stark an. Sie entwickeln dann Gefäßverkalkungen, Osteoporose, Haut- und Lungenschäden, sie werden unfruchtbar und haben ein erhöhtes Risiko zu sterben. Kuro-o nennt Phosphat daher ein "Signalmolekül des Alterns".

Zu viel Phosphat lässt Gefäße verkalken

Auch wenn der Stoffwechsel von Nagern nicht eins zu eins auf unseren Organismus übertragbar ist: Gefäßverkalkungen durch zu viel Phosphat im Körper konnte man inzwischen auch beim Menschen nachweisen. Zudem steht ein permanent hoher Phosphatspiegel seit einer US-Studie von Ende 2011 im Verdacht, über bestimmte Signale zu Veränderungen am Herzen zu führen: Dabei werden Herzmuskelzellen zu krankhaftem Wachstum angeregt. Eine sogenannte Linksherzhypertrophie entsteht, die die linke Herzkammer teilweise lahmlegt.

Zwar sei für solche phosphatbedingte, vorzeitigen Alterungsprozesse "eine unmittelbare Ursache-Wirkungsbeziehung für die Normalbevölkerung noch nicht zweifelsfrei belegt", betont der Medizinprofessor Eberhard Ritz. Dennoch fordert er aufgrund der Studienlage "eine allumfassende Kennzeichnung der Phosphatzusätze".

Phosphatmengen in Lebensmitteln haben sich verdoppelt

Laut Ritz geht die Gefahr von unserer modernen Ernährungsweise aus: Sie habe dazu geführt, dass sich die Menge der phosphathaltigen Zusatzstoffe, die wir täglich aufnehmen, "seit den neunziger Jahren von knapp 500 Milligramm auf 1000 Milligramm verdoppelt hat". Nicht einmal, wer auf Bio-Lebensmittel setzt, ist ganz davor gefeit. Zwar sei in Lebensmitteln mit dem Ökosiegel nur Calciumphosphat zugelassen, erklärt Ritz. Aber die Verpackung müsse nicht vermerken, wie viel von dem Zusatzstoff in dem Produkt steckt.

"Der Konsument oder Patient kann daher nicht sehen, wie viel Phosphat in Lebensmitteln enthalten ist", sagt Ritz. Eine aufgedruckte Ampel etwa könnte in den Farben Rot, Gelb und Grün signalisieren, ob man viel, mäßig oder kaum Phosphat zu sich nimmt.

Konservierungsmittel in Fleisch und Wurst

Phosphat spielt besonders in der Fleischindustrie als Konservierungsstoff und in der Käseherstellung als Schmelzsalz eine bedeutende Rolle. Es findet sich in sterilisierter, ultrahocherhitzter und eingedickter Milch und im Milchpulver. Es hält Kaffee- oder Puddingpulver rieselfähig. Als Säuerungsmittel senkt es den pH-Wert und hemmt dadurch das Wachstum von Hefen, Pilzen und Bakterien im Essen. Und es lockert die Struktur von Eiweißen und sorgt dafür, dass die mehr Wasser binden können.

Hohe Phosphatmengen in Schmelzkäse und Softdrinks

Besonders hohe Phosphatmengen finden sich beispielsweise in Schmelzkäse oder Softdrinks. "Ein Liter Cola entspricht bereits 50 bis 75 Prozent der empfohlenen Tageszufuhr an Phosphat für Erwachsene", warnt Ritz. Doch Phosphat ist nicht gleich Phosphat. Natürliche Phosphatverbindungen stecken etwa in Getreide, Nüssen oder Hülsenfrüchten. Diese aber scheidet der Körper weitgehend wieder aus.

Besonders von zu hohen Phosphatmengen in Lebensmitteln betroffen sind offenbar die Ärmeren: Eine 2010 veröffentlichte US-Studie von Orlando Gutiérrez und Kollegen von der University of Alabama in Birmingham zeigt, dass der Phosphatspiegel von Menschen aus sozial schwächeren Schichten doppelt so häufig erhöht ist wie bei Gutverdienern. Insbesondere billigem Fast Food sind große Mengen Phosphat beispielsweise als Konservierungsmittel zugesetzt.

Trotz Warnungen als unbedenklich eingestuft

Während Ärzte und Forscher noch streiten, ob zu hohe Phosphatmengen im Blut tatsächlich zu einer Erhöhung des Risikos für Herz-Kreislauf-Krankheiten führt, sieht man bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn noch keinen Handlungsbedarf. Eine Mengenangabe für künstliche Phosphatzusätze sei nicht angebracht, heißt es. Bisher seien "der DGE keine wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, die auf negative gesundheitliche Folgen einer überhöhten Zufuhr durch die Ernährung bei Gesunden hinweisen", sagt die Pressesprecherin Antje Gahl.

Solange die erlaubten Mengen in den Lebensmitteln eingehalten würden, müsse man sie nach derzeitigem Wissensstand als unbedenklich einstufen. Die Arbeit von Ritz und seinen Kollegen sei "lediglich eine Darstellung auf Basis selektiv recherchierter und ausgewählter Literatur", sagt Gahl. Und die Aufmerksamkeit, die die Veröffentlichung derzeit errege, führe "letztlich nur zur ungerechtfertigten Verunsicherung der Verbraucher".

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