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Schmerzmittel-Wahn im Freizeitsport

13.06.2012, 12:32 Uhr | Christian Gruber für Spiegel-Online, Spiegel Online

Schmerzmittel-Wahn im Freizeitsport. Viele Freizeitsportler greifen vor dem Sport zu Schmerzmitteln. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Viele Freizeitsportler greifen vor dem Sport zu Schmerzmitteln. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Schmerzen in den Knien, Krämpfe in der Wade: Überraschend viele Ausdauersportler schlucken vor dem Wettkampf Schmerzmittel, oft sogar nur als Prophylaxe. Für Herz, Magen-Darm und Nieren kann das schwere Folgen haben - und sogar zum Tod führen.

Viele Freizeitsportler nehmen Schmerzmittel vor Wettkämpfen

Leistung, Leistung, Leistung. Kaum etwas wird zur Entspannung oder Erholung getan, schon gar nicht im Freizeitsport. Die einen wollen mit den Jungen mithalten, weil sie ihr Alter nicht akzeptieren können. Die anderen brauchen eine Herausforderung, weil sie das Bürodasein nicht auslastet. Und wo man im Job sowieso auf Turbo getrimmt ist, muss es im Sport auch gleich bis an die Grenzen gehen.

Und so ist es kein Wunder, was eine noch unveröffentlichte Online-Befragung der Universität Nürnberg-Erlangen unter den Teilnehmern des Bonn-Marathons 2011 zutage förderte: Von rund 4.000 Läufern hatte mehr als die Hälfte schon vor dem Wettkampf Schmerzmittel eingenommen.

Krämpfe, Kreislaufbeschwerden und Blut im Urin sind die Folgen

Knapp zehn Prozent der Pillenschlucker entwickelten Krämpfe vor allem im Magen-Darm-Bereich, hatten nach dem Lauf Blut im Urin oder im Stuhl, oder hatten Herz-Kreislauf-Beschwerden bis hin zu Herzarrhythmien. Zehn Teilnehmer mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die meisten hatten die Medikamente vorsorglich eingeworfen, aus Angst vor Schmerzen während des Laufs oder danach, gegen Muskelkater, Kreuz-, Hüft- oder Knieweh.

Grund genug für den Erlanger Pharmakologieprofessor Kay Brune, vor den massiven Nebenwirkungen von Schmerzmitteln im Sport zu warnen. Nach der systematischen Auswertung der Datenlage zu diesem Thema kam der Pharmakologe gemeinsam mit seinen Kollegen in einer Übersichtsarbeit bereits 2009 zu einem alarmierenden Fazit: Schmerzmittel einzunehmen, um eine körperliche Anstrengung überhaupt durchzustehen, sei "ein meist sinnloses, aber potentiell gefährliches Vorgehen."

Insbesondere jene Schmerzmittel, die länger im Körper wirken, sind gefährlich. Sie können die Nierenfunktion, die Blutgerinnung und die Darmtätigkeit noch für Tage nach der Einnahme beeinträchtigen.

Ausdauersport ist eine Belastung für den Körper

"Ausdauersport belastet den Organismus erheblich", sagt Ernst Jakob, Chefarzt für Innere Medizin an der Sportklinik Hellersen in Lüdenscheid. "Bekannt ist, dass jede intensive sportliche Betätigung zur Minderdurchblutung des Magen-Darm-Trakts und der Nieren führt, und sie so zumindest beeinträchtigt." Der Grund: Die Muskeln brauchen viel Sauerstoff und zweigen ihn aus den inneren Organen ab, wo er dann fehlt. "Bei allen Laufsportarten werden die inneren Organe zudem heftig gestoßen und geschüttelt, wodurch sie Schaden nehmen und es zu Blutungen kommen kann", erklärt Jakob. Deshalb führe ein Marathonlauf bei zahlreichen Sportlern zu Blut im Stuhl.

Zudem wird die Darmwand durchlässiger, wodurch giftige Substanzen, die von den Darmbakterien stammen, in den Blutkreislauf eindringen und dort unter Umständen lebensgefährliche Infektionen und Blutungen hervorrufen können. "Schmerzmittel", warnt Jakob, "verstärken diesen Effekt."

Wenn das Blut zu dünn wird

Auch Jakobs Studien mit leistungsorientierten Freizeittriathleten haben ergeben, dass rund 54 Prozent Schmerzmittel im Training und vor dem Wettkampf schlucken. Erhebungen zeigen aber, dass auch 60 Prozent der Normalbevölkerung gelegentlich auf Schmerzmittel zurückgreifen. "Aus vielen Anamnese-Gesprächen mit nicht professionellen Marathonläufern, Radsportlern und Triathleten habe ich den Eindruck gewonnen, dass grundsätzlich nicht leichtfertig mit Schmerzmitteln umgegangen wird."

Trotzdem gäbe es auch im Breitensport immer wieder Situationen, in denen man Schmerzmittel einsetzen müsse. Die unreflektierte Eigenmedikation oder die Gabe von Schmerzmitteln, noch bevor Probleme auftreten, lehnt Jakob jedoch grundsätzlich ab.

Finger weg von Acetylsalicylsäure (ASS)

Insbesondere von dem Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) sollten aktive Sportler die Finger lassen: "Der Darm verliert seine Barrierefunktion", sagt Brune. Neben möglichen Magen-Darm- und Nierenschäden wird die Blutungsneigung über Tage hinweg verstärkt. Das kann bei einer notwendigen OP nach einem Sturz zum Problem werden. Das gilt genauso für Kombinationsschmerzmittel, die neben ASS auch Paracetamol und Koffein enthalten, wie etwa Thomapyrin. Bei Sportlern mit vorgeschädigten Atemwegen kann ASS zudem asthmatische Anfälle provozieren.

Brune warnt zudem vor einem besonders unerwünschten Nebeneffekt: Wer Schmerzmittel vor dem Wettkampf schluckt, könne zusätzlich Elektrolytstörungen entwickeln. Gefährlich ist etwa die sogenannte Hyponatriämie. Durch das ständige Trinken fällt der Natriumspiegel im Blut gefährlich ab, dem Körper fehlt also Salz. Das kann zu neurologischen Störungen wie Desorientierung und epileptischen Anfällen führen, im schlimmsten Fall zu einem Hirnödem und zum Tod.

Leberversagen durch Paracetamol

Auch Paracetamol, ein Mittel, auf das viele Sportler schwören, weil es angeblich beim Muskelaufbau hilft, wirkt nach Ansicht der Pharmakologen bei Gelenk- und Muskelschmerzen nur schlecht. Oft werde von Ausdauersportlern die erlaubte Tagesmenge von vier Gramm überschritten. Dann nimmt die Leber Schaden, ab einer Dosis von mehr als sechs Gramm kann es zu einem tödlichen Leberversagen kommen.

Muskelschäden werden nicht verhindert

Ebenso helfen die schmerz- und entzündungshemmenden Medikamente Diclofenac und Ibuprofen während der Anstrengung nur mäßig und verhindern nach dem Wettkampf Muskel- und Gelenkschmerzen nicht zuverlässig. Zudem können sie während des Sports Niere sowie Magen-Darm-Trakt schädigen. Die Muskelschäden würden jedoch nicht verhindert.

Schmerzmittel nur nach dem Lauf

Was aber tun, wenn man auf Sport nicht verzichten möchte und trotzdem Schmerzen hat? "Regelmäßige körperliche Betätigung ist der beste Schutz vor Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Alzheimer", betonen die Erlanger Wissenschaftler. "Also, Sport ja." Für eine sinnvolle Schmerztherapie empfiehlt Brune jedoch höchstens 400 Milligramm Ibuprofen oder 50 Milligramm Diclofenac - aber erst nach dem Lauf. In jedem Fall sollten die Medikamente mit genügend Flüssigkeit und Ruhe geschluckt werden.

"Schmerzen weisen auf Überbelastung hin", sagt Brune. "Man sollte darauf hören, was einem der Körper sagt und nur so viel Sport treiben, wie man schmerzmittelfrei verkraftet."

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