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Zwänge  

Widerstand zwecklos: Wenn innere Zwänge das Leben bestimmen

15.09.2010, 13:59 Uhr | Linda Freutel

Wenn innere Zwänge das Leben bestimmen. Marotte oder Krankheit: Ist der Herd wirklich aus? (Foto: imago)

Marotte oder Krankheit: Ist der Herd wirklich aus? (Foto: imago)

Ist der Herd aus? Habe ich die Kaffeemaschine wirklich abgestellt? Jeder kennt die Situation: Kaum ist man ins Auto gestiegen und in Richtung Arbeitsplatz unterwegs, kommen diese Gedanken. Bei manchen Menschen nimmt das Extremformen an: Sie waschen sich über hundert Mal am Tag die Hände oder putzen ständig die Wohnung. Sie leiden an Zwangsstörungen, handeln wie fremdgesteuert. Wieder und wieder und wieder. So manch einer fragt sich, ist man noch normal, wenn man dreimal kontrolliert, ob das Auto wirklich abgeschlossen ist? Wir sagen, wo die Grenze zwischen einer harmlosen Marotte und einer echte Zwangserkrankung verläuft.

Von der Marotte zur Krankheit

Aber muss man sich wirklich stundenlang waschen, um als Zwangs-Patient zu gelten? Oder ist nicht schon das morgendliche Aufstehritual, bei dem unbedingt der rechte Fuß zuerst den Boden berühren muss, mehr als nur eine harmlose Marotte? „Die Übergänge von scheinbar harmlosen Ticks zu krankhaften Zwängen sind fließend“, bestätigt auch Thomas Hillebrand, Diplom-Psychologe und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen. Eine Zwangsstörung entwickele sich oft aus einer zunächst harmlosen Marotte, ohne, dass der Patient diese Steigerung bemerkt. Erst wenn das Verhalten den Alltag massiv beeinflusst, bemerken die Patienten, dass etwas nicht stimmt. „Ein Indiz dafür, dass es sich nicht mehr nur um eine Marotte handelt, ist der Umstand, dass der normale Tagesablauf durch die Zwangshandlung massiv gesteuert wird und der Patient dabei quasi machtlos ist. Er empfindet sein Verhalten selbst als unsinnig, kann aber nichts dagegen tun“, so der Experte. Holger Müller, Zwang-Betroffener und ebenfalls Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen, bestätigt diese Aussage: „Mein Kontrollzwang nahm in Hochphasen solche Ausmaße an, dass ich meinen Alltag nicht mehr regeln konnte. Ich brauchte mehr als eine Stunde, um das Haus zu verlassen, weil ich immer wieder kontrollieren musste, ob alle elektrischen Geräte abgestellt sind.“

Rund eine Million Deutsche leiden

Kleine Marotten hat jeder. Ernsthafte Zwangsstörungen sind aber auch keine Seltenheit. Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung werden von inneren Zwängen bestimmt. Das Verhältnis von betroffenen Frauen und Männern ist dabei etwa gleich. Einschränkungen kann man jedoch im Bereich der Altersstufen treffen: „Bei rund 85 Prozent der Betroffenen sind die Symptome vor dem 35. Lebensjahr vollständig ausgeprägt. Häufig treten erste Anzeichen dabei bereits in der Kindheit und Jugend auf“, erklärt Hillebrand. Nach Schätzungen sind nur zehn Prozent der Betroffenen in therapeutischer Behandlung. „Das liegt nicht nur daran, dass sich viele Menschen zunächst schämen, ihr Problem öffentlich zu machen. Sondern leider auch daran, dass die Wartezeiten auf einen Therapieplatz lang sind. Leider gibt es auch nicht all zu viele Psychologen die Zwänge behandeln“, erklärt Müller.

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Verhaltenstherapie hilft

„Wie bei allen psychischen Erkrankungen kann man auch bei Zwangsstörungen keine pauschale Aussage über die Ursächlichkeit tätigen“, erklärt der Psychologe. Es ist aber klinisch erwiesen, dass bei Zwangpatienten gewisse Gehirnareale in ständiger Überaktivität laufen. Die Krankheit kann also durchaus organische Ursachen haben. „Natürlich gibt es auch Patienten, die andere, emotional belastende Themen mit der Zwangshandlung versuchen zu überdecken. In einer Therapie gilt es diese Ursachen herauszufinden“, so der Experte. Mittel der Wahl ist bei Zwangsstörungen dabei oft die so genannte Verhaltenstherapie. Der Betroffene erlernt hierbei mit Hilfe des Therapeuten sein Verhalten konkret steuern und so vom Zwang umlenken zu können. „Im ersten Schritt geht es also wirklich um eine Symptombekämpfung. Der Patient soll lernen seine Zwänge zu besiegen. Natürlich kann man auch einen medikamentösen Ansatz wählen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Verhaltenstherapie oft sogar besser und nachhaltiger wirkt“. erklärt Hillebrand. Auch Zwangs-Patient Müller hat mit dieser Therapieform bereits Fortschritte erlebt. Er hat für andere Betroffene aber noch eine weitere Empfehlung: „Mir tat es immer gut in Selbsthilfegruppen zu gehen. Dort sieht man, dass man nicht allein mit seinem Problem ist und kann sich durch die Erfolge und Fortschritte anderer motivieren.“

Auch Angehörige leiden.

Aber nicht nur der vom Zwang beherrschte Mensch leidet unter der Krankheit, sondern auch dessen Umfeld. „Natürlich ist die Frustration bei den Angehörigen groß. Es ist daher sehr wichtig, dass sie ein Verständnis dafür entwickeln, dass der Betroffene nicht aus Unvernunft handelt, sondern, weil er einfach nicht anders kann“, rät Hillebrand. Angehörige sollten daher Vorwürfe meiden und stattdessen lieber Fortschritte loben. Außerdem sollte man unbedingt darauf achten, sich nicht in die Zwangshandlungen einbeziehen zu lassen. Zum Beispiel indem man einem Patienten mit Sauberkeitszwang das Putzen abnimmt. Dieses Verhalten entlastet den Patienten zwar kurzfristig, langfristig wird der Zwang aber sogar verstärkt. „Unterstützen sich die Betroffenen und die Angehörigen jedoch gegenseitig, schweißt das noch mehr zusammen und gibt Hoffnung den Zwang zu besiegen“, so Müller.

 

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