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Blutvergiftung: Eine Sepsis endet häufig tödlich

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Blutvergiftung  

Bei Blutvergiftung läuft das Immunsystem Amok

15.10.2010, 08:40 Uhr | dapd/ cme

Blutvergiftung: Eine Sepsis endet häufig tödlich. Blutvergiftung: Die Ursachen lassen sich nicht immer klären. (Foto: imago)

Blutvergiftung: Die Ursachen lassen sich nicht immer klären. (Foto: imago)

Am Anfang schien alles ganz harmlos: An jenem Sommertag gönnte sich Linda Haltman nach einer Partie Tennis und einer Runde Schwimmen ein kurzes Nickerchen. Beim Aufwachen fühlte sich die 49-jährige Frau aus New York auffällig schlapp. Dass sie da schon auf eine Blutvergiftung zusteuerte, ahnte zunächst niemand. Aber ihr Mann erschrak beim Blick auf das Messgerät: Ihr Blutdruck war auf 70 zu 50 abgesackt. Schleunigst brachte er sie ins nächste Krankenhaus. "Ich sagte noch zu meiner Tochter: 'Wir fahren nur kurz in die Ambulanz, ich bin gleich wieder zurück'", erzählt die Frau später. "Das ist das Letzte, woran ich mich für die nächsten 13 Tage erinnere."

Jeder dritte Patient stirbt

Eine Blutvergiftung - medizinisch Sepsis genannt - ist ebenso gefürchtet wie rätselhaft: Theoretisch kann jede Infektion mit Bakterien oder Pilzen zu einer Sepsis führen. Häufig sind jedoch eine Lungenentzündung oder eine Entzündung im Bauchraum die Ursache. Aus bislang unbekannten Gründen entfesselt die Infektion eine lebensgefährliche Reaktion des Immunsystems. Nach und nach werden alle Organe beeinträchtigt - der Körper kann lebenswichtige Funktionen nicht mehr aufrecht erhalten. In Deutschland erleiden jährlich rund 150.000 Menschen eine solche "Blutvergiftung", jeder dritte Patient stirbt.

"Jede Minute zählt"

Ein weltweites Aktionsbündnis will nun die Bekämpfung der mysteriösen Immunreaktion fördern. Gerade die ersten Warnsignale müssten möglichst früh erkannt werden, fordert James O'Brien von der Ohio State Universität. "Jede Minute zählt", sagt der Intensivmediziner. Viel zu oft würden Ärzte Hinweise nicht ernst nehmen. Denn wenn die Körperabwehr erst einmal Amok läuft, kann sie nicht nur Gewebe schädigen, sondern einen Schock auslösen und binnen Stunden lebenswichtige Organe lähmen. Dafür muss sich die Infektion nicht einmal im Körper ausbreiten, wie Sepsis-Experte Kevin Tracey vom Feinstein Institut für medizinische Forschung in New York betont. "Selbst wenn man dann die Erreger eliminieren kann, eskaliert die Krise weiter", sagt der Mitinitiator der gerade gegründeten Globalen Sepsis Allianz.

Betroffene sind wirr und atmen schnell

Die ersten Hinweise auf die gefährliche Entwicklung sind eher diffus: Der Patient ist wirr, er atmet schnellt, der Puls rast, der Blutdruck sinkt. Schon beim leisesten Verdacht sollten Ärzte Antibiotika geben und Infusionen anlegen, um den drohenden Schock abzuwenden. Zeit ist kostbar: Mit jeder Stunde sinkt die Überlebenschance um rund acht Prozent. Dennoch verstreichen in vielen Krankenhäusern vier bis sechs Stunden, ehe Ärzte den Ernst der Lage erkennen und reagieren. Angesichts Millionen von Todesopfern weltweit und einer Sterblichkeit von etwa 30 Prozent bräuchten Intensivmediziner dringend neue Therapien.

Forscher entdecken neuen Therapieansatz

Nun haben portugiesische Forscher eine neue Spur entdeckt: Sie könnte nicht nur neue Medikamente erschließen, sondern auch wertvolle Hinweise darauf geben, welche Patienten am stärksten gefährdet sind. Eine Sepsis schädigt rote Blutkörperchen so stark, dass sie die Eisenverbindung Häm verlieren - ein Bestandteil des Sauerstoff transportierenden Hämoglobins. Gerät der Stoff während einer starken Entzündungsreaktion aus den Blutkörperchen in den Blutkreislauf, schädigt er die Organe, wie Miguel Soares vom portugiesischen Instituto Gulbenkian de Ciencia an Mäusen zeigte. Je mehr freies Häm im Blut der Tiere vorhanden war, desto eher starben sie. Um die Eisenverbindung abzubauen, bildet der Körper gewöhnlich das Molekül Hämopexin. Aber in der Studie gingen hohe Häm-Werte mit besonders niedrigen Konzentrationen des wichtigen Moleküls einher. Wurde den Mäusen dann Hämopexin injiziert, so stieg ihre Überlebenschance deutlich, wie die Forscher im Fachblatt "Science Translational Medicine" schreiben. Dass der Stoff auch Menschen vor dem Tod bewahren kann, zeigte Soares an 56 brasilianischen Sepsis-Patienten: Je höher deren Hämopexin-Werte im Blut waren, desto eher überlebten sie die Blutvergiftung.

Antibiotika auf Verdacht

Warum aber eine gewöhnliche Infektion in eine Sepsis mündet, weiß weiterhin niemand. Besonders gefährdet sind Senioren, sehr junge Menschen sowie Patienten nach einer Operation. Linda Haltman hatte Glück: Zwar vermuteten ihre Ärzte zunächst eine andere Erkrankung. Aber weil die hohen Werte weißer Blutkörperchen im Blut auf eine Infektion hindeuteten, bekam die Patientin auf Verdacht Antibiotika. Dennoch fiel sie binnen Stunden ins Koma. Am nächsten Morgen hatte sie Wasser in den Lungen und musste beatmet werden. In ihrem Körper wiesen die Ärzte zwar Streptokokken nach. Aber die eigentliche Ursache der Sepsis konnten sie letztlich nicht klären.

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