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Autoimmun-Erkrankungen  

Autoimmun-Erkrankungen: Wenn der Körper sich selbst zerstört

22.12.2013, 13:23 Uhr | Judith Féaux de Lacroix

Autoimmun-Erkrankungen: Wenn der Körper sich selbst zerstört. Magen-Darm-Probleme sind eines von vielen Symptomen bei Autoimmun-Erkrankungen.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Magen-Darm-Probleme sind eines von vielen Symptomen bei Autoimmun-Erkrankungen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eigentlich fühlt sich Martin K. (Name geändert) kerngesund. Doch von einem Tag auf den anderen ist es damit vorbei. Der 31-Jährige schleppt sich von Arzt zu Arzt, bis die Diagnose kommt: Martin K. leidet an einer Autoimmun-Erkrankung. Sein Körper zerstört sich selbst.

Frühzeitige Erkennung der Autoimmun-Erkrankung ist wichtig

Das Immunsystem soll unseren Körper eigentlich vor Krankheiten schützen. Doch manchmal geschieht genau das Gegenteil: Das Immunsystem greift plötzlich gesunde Körperzellen an, anstatt Viren und Bakterien zu bekämpfen. Das fehlgesteuerte Immunsystem kann den Körper zerstören. "Eine frühzeitige Erkennung der Autoimmun-Erkrankung ist wichtig", sagt Professor Dietrich Kabelitz vom Institut für Immunologie am Universitätsklinikum in Kiel. Denn je eher mit der Behandlung begonnen wird, desto besser sind die Überlebenschancen. Doch genau diese frühe Diagnose erweist sich oft als schwierig.

Mindestens fünf Prozent der Deutschen sind betroffen

Wie viele Autoimmun-Erkrankungen es gibt, ist unklar. Auf der Liste der Deutschen Gesellschaft für Autoimmun-Erkrankungen stehen derzeit mehr als 60 Krankheiten. Besonders häufig sind zum Beispiel Diabetes Typ 1, Multiple Sklerose oder Rheuma. "Bei diesen Erkrankungen sind die Symptome sehr charakteristisch, sie sind also leicht zu diagnostizieren", erklärt Kabelitz. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an diesen häufigen Autoimmun-Erkrankungen. "Es gibt aber andere Formen, die komplexer sind", sagt der Mediziner. Betroffene müssen meist lange suchen, bis sie einen Arzt finden, der die Ursache ihrer Beschwerden findet.

Plötzlich ist der Zeh gelähmt

So erging es auch Martin K.: Der junge Mann kann sich noch gut an jenen Januarmorgen erinnern, an dem sich sein Leben veränderte. "Ich bin aufgewacht und habe gedacht: Irgendetwas stimmt nicht", sagt er. Sein Zeh ist plötzlich gelähmt, hängt schlaff herunter. Der 31-Jährige geht zum Arzt, der schickt ihn ins Krankenhaus. Dort aber wird Martin K. abgewiesen: Wahrscheinlich sei alles ganz harmlos, die Beschwerden würden sicher bald von selbst verschwinden. Martin K. gibt sich damit nicht zufrieden. Er suchte eine zweite Klinik auf. Dort wird er gründlich untersucht. Doch die Ärzte finden die Ursache der Lähmung nicht. Zumindest der Verdacht auf einen Tumor im Knie kann aber ausgeschlossen werden.

"Ich hatte zum ersten Mal Todesangst"

Einige Wochen später hat Martin K. jedoch erneut ein böses Erwachen. Beim morgendlichen Blick in den Spiegel sieht er, dass seine Wangen angeschwollen sind. Sein Gesicht wird immer dicker: "Ich sah aus wie ein Hamster", erzählt er. Außerdem schmerzen die Wangen höllisch. Martin K. geht zum Arzt, der verweist ihn wieder an das Krankenhaus, in dem man ihm schon beim letzten Mal nicht helfen konnte. Erneut schickt man ihn dort nach Hause. Also versucht es Martin K. wieder in der anderen Klinik. Die Ärzte behalten ihn gleich da. Er hat 40 Grad Fieber, ist völlig geschwächt. Diesmal finden die Mediziner die Ursache: Martin K. hat eine Kopfspeicheldrüsenentzündung. Dadurch hat er auch fast keinen Speichelfluss mehr, kann außer Suppe nichts mehr essen. Zum ersten Mal kommt der Verdacht auf, dass er an einer unbekannten Autoimmun-Erkrankung leidet. "Das war eine schreckliche Zeit", erinnert sich Martin K. "Ich hatte zum ersten Mal Todesangst." Langsam verschwinden die Symptome jedoch wieder. Nach insgesamt vier Wochen kann Martin K. das Krankenhaus wieder verlassen.

Unzählige Untersuchungen

Doch bald ist die Schwellung im Gesicht wieder da. Da Martin K. diesmal keine Schmerzen hat, fährt er nicht gleich in die Klinik. Er will den ohnehin vereinbarten Kontrolltermin abwarten. Dann aber bekommt er heftige Bauchkrämpfe. "Das waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je hatte", schildert er. Kein Wunder, wie der Arzt feststellt: Martin K.s Entzündungswert ist um ein Vielfaches höher als normal. Er bekommt Antibiotika, Morphin, wird künstlich ernährt. Zwar gehen die Ärzte nach wie vor von einer Autoimmun-Erkrankung aus. Doch um andere Krankheiten, etwa Krebs, auszuschließen, muss sich der Patient diversen Untersuchungen unterziehen: Lungen- Magen- und Darmspiegelung sowie Leberpunktion. Und immer wieder das quälende Warten auf das Ergebnis. Sechs Wochen bleibt Martin K. in der Klinik.

Täglich Medikamente

Nicht einmal zwei Monate später folgt der nächste Klinikaufenthalt: Diesmal leidet Martin K. an einer Zungenlähmung. Schon nach einer Woche wird er aber wieder entlassen. Das ist jetzt vier Jahre her. Seitdem geht Martin K. nur noch zu den Kontrolluntersuchungen ins Krankenhaus. Seinen Zeh kann er bis heute nicht mehr richtig bewegen. Sonst aber lebt er beschwerdefrei - dank der Medikamente, die er jeden Tag nimmt. Es sind Immunsuppressiva, die das Immunsystem unterdrücken. Die Folge ist aber, dass das Immunsystem nun auch nicht mehr so gut gegen Eindringlinge vorgehen kann. Damit steigt das Risiko einer Infektion, auch die Krebsgefahr ist erhöht. Für eine lebenslange Einnahme, sagt der Immunologe Dietrich Kabelitz, sind Immunsuppressiva deshalb nicht geeignet. Martin K. will die Medikamente bald absetzen. In den vergangenen Jahren wurde die Dosierung immer weiter reduziert. Martin K. hofft, in Zukunft ganz ohne Immunsuppressiva auszukommen - auch wenn er Angst hat, dass die Symptome wieder kommen könnten. "Ich habe es wirklich zu schätzen gelernt, wenn es mir gut geht", sagt er.

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