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Gesichtsblindheit: Weiter verbreitet als bisher angenommen

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Prosopagnosie  

Gesichtsblindheit ist weiter verbreitet als angenommen

30.09.2011, 17:12 Uhr | dpad, dapd

Gesichtsblindheit: Weiter verbreitet als bisher angenommen. Prosopagnostiker können Gesichter nur mit Mühe wiedererkennen.  (Quelle: imago)

Prosopagnostiker können Gesichter nur mit Mühe wiedererkennen. (Quelle: imago)

Thomas Grüter hatte früher sicher den Ruf eines arroganten und unhöflichen Kindes. Nachbarn, Freunde und Lehrer wurden von ihm nicht gegrüßt. Er tat das nicht, weil er sie nicht mochte. Er konnte sie einfach nicht wiedererkennen. "Lehrer, die mich am Vormittag unterrichteten, waren am Nachmittag Fremde für mich", sagt der 54-jährige Arzt aus Münster. Er leidet seit seiner Geburt an Prosopagnosie, einer Störung der visuellen Gesichtserkennung.

Mehr Menschen betroffen als angenommen

Prosopagnostiker können Gesichter nur mit Mühe voneinander unterscheiden. Diese Wahrnehmungsstörung, vergleichbar mit der Lese-Rechtschreibschwäche, haben weit mehr Menschen als bislang angenommen. Bis zu 2,5 Prozent der Menschen sollen Schätzungen der Universität Münster zufolge betroffen sein.

Die meisten wissen nichts von ihrer Schwäche

Die meisten von ihnen wissen nichts von ihrer Schwäche, weil sie es von Geburt an nicht anders kennen. Auch Grüter, der als Arzt eher als jeder andere auf menschliche Störungen aufmerksam wird, weiß erst seit etwa zehn Jahren von seiner Prosopagnosie. "Es hat mich niemals sehr gestört", sagt er. "Viele können sich keine Namen merken, und ich konnte mir eben keine Gesichter merken." Die deutsche Bezeichnung Gesichtsblindheit hält Grüter für irreführend. Er sieht Augen, Nase und Mund. Er kann Alter, Geschlecht und Emotionen ohne Probleme vom Gesicht ablesen. Diese Informationen reichen ihm aber für ein Wiedererkennen nicht aus. Erst, wenn weitere Informationen wie die Stimme, der Gang oder die Frisur hinzukommen, ist für ihn eine sichere Identifikation möglich.

Gendefekt wird zu 50 Prozent vererbt

Die Störung, die sich auf eine beeinträchtigte Informationsverarbeitung im Gehirn zurückführen lässt, ist 1947 von einem deutschen Neurologen erstmals wissenschaftlich beschrieben worden. Damals stellte er bei Patienten nach schweren Kopfverletzungen fest, dass sie Bekannte oder sogar ihr eigenes Spiegelbild nicht erkannten. Beschreibungen der Prosopagnosie nach Schlaganfällen oder Hirnschädigungen gab es seitdem immer wieder. Erst seit etwa 40 Jahren ist bekannt, dass viele Menschen von Geburt an keine Gesichter erkennen können, so Professor Ingo Kennerknecht vom Institut für Humangenetik der Universität Münster. Zu 50 Prozent wird der Gendefekt an die Kinder weitergegeben. "Sucht man in einer betroffenen Familie, so findet man in direkter Linie immer einen Verwandten mit diesem Defekt", sagt Kennerknecht. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.

Gegenstände werden mühelos identifiziert

Die Teilleistungsschwäche des Gehirns beschränkt sich aber ausschließlich auf Gesichter. Gegenstände werden mühelos identifiziert, haben Experimente an der Bochumer Universität ergeben. Die Psychologin Irene Daum erklärt dies mit der Komplexität, die beim Gesichterkennen notwendig ist. Aus dem gesehenen Bild eines Menschen wird ein Muster geformt, das sich mit gespeicherten Informationen vergleichen lässt. Verläuft dieser Prozess erfolgreich, wird das Gesicht als bekannt identifiziert. Anschließend werden Informationen zu diesem Gesicht aus dem Gedächtnisspeicher hervorgeholt. Dabei geht es um Informationen wie: Ist sie mir sympathisch? Woher kenne ich die Person? Wann habe ich sie das letzte Mal gesehen?

Prosopagnostiker oft mit mit Autisten verwechselt

Beim Erkennen von Gegenständen spielen Details wie Ecken und Kanten eine Rolle. Dagegen geht es beim Gesicht um den ganzheitlichen Eindruck. So scheint es einleuchtend, dass laut Studien verschiedene Regionen des medialen Temporallappens für das Erkennen von Gesichtern und das Erkennen von Objekten verantwortlich sind. In einigen Fällen kommt es vor, dass Prosopagnostiker mit Autisten verwechselt werden, besonders bei Kindern. Das sei jedoch falsch, sagt Grüter. Autisten wollen Gesichter nicht erkennen, weil es ihnen unangenehm ist. Prosopagnostiker jedoch nehmen keinen Augenkontakt auf, weil er ihnen bei der Identifizierung nicht hilft.

Auf die Stimme achten

Hoffnung auf eine Heilung ist noch nicht in Sicht. Die Medizin hat weder das Gen identifiziert, das für die Störung verantwortlich ist, noch kann sie die betroffenen Hirnareale reparieren. "Man muss lernen, damit zu leben und Probleme zu umgehen", sagt Grüter. Wenn man das Gesicht nicht erkennt, sollte man sich an andere Erkennungsmerkmale halten. So achten Gesichtsblinde vor allem auf die Stimme und analysieren stärker die Bewegungen des Gegenübers. Anhaltspunkte sind auch die Frisur oder die Ohren. Während Erwachsene ihr Manko schnell kompensieren, ist es für betroffene Kinder schwierig, im alltäglichen Umgang nicht als desinteressiert und überheblich zu gelten und deshalb ausgegrenzt zu werden. Betreuer sollten unbedingt über die Störung Bescheid wissen, um dem entgegen zu wirken, rät Grüter.

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