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Prostata: Neue Therapie gegen Prostatavergrößerung

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Neue Therapie gegen Prostatavergrößerung entwickelt

03.04.2012, 10:33 Uhr | Gil Yaron für Spiegel-Online, Spiegel Online

Prostata: Neue Therapie gegen Prostatavergrößerung. Die Gesundheit der Prostata ist für Männer wichtig. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Probleme beim Wasserlassen können auf eine kranke Prostata hinweisen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Millionen Männer kennen das Problem: Mit den Jahren macht eine vergrößerte Prostata Probleme, der Gang zur Toilette wird schmerzhaft. Israelische Ärzte liefern nun eine arzneimittelfreie Therapie. Die Idee brachte ihnen ein früheres Studium - der Strömungsmechanik.

Jeder zweite Mann über 50 ist betroffen

Wenn die Prostata wächst, wird der Alltag zur Hölle. Je umfangreicher die etwa kastaniengroße Drüse im Becken wird, desto mehr schnürt sie die Harnröhre ab. Jeder Gang zur Toilette wird zur Qual. Im fortgeschrittenen Stadium drückt die gutartige Prostata-Vergrößerung, "benigne Prostatahyperplasie" (BPH) genannt, den Harnleiter fast vollends zu. Die Blase kann sich nicht mehr entleeren. Nierenschäden und Infektionen sind mögliche Folgen. Rund die Hälfte der Männer über 50 Jahren leiden unter BPH, im neunten Jahrzehnt steigt die Rate auf über 75 Prozent.

Neue Therapie funktioniert ohne Medikamente

Die Ärzte Yigal Gat und Menahem Goren vom Klinikum Ramat Gan in Tel Aviv wollen dem bekannten Männerleiden nun mit einem neuen, mechanisch orientierten Lösungsansatz begegnen. Weniger ein gestiegener Testosteronspiegel sei Schuld an der Entstehung einer vergrößerten Prostata, behaupteten die Mediziner, eigentlich läge es am aufrechten Gang des Menschen. Statt auf Medikamente zur Steuerung des Stoffwechsels setzten sie daher auf eine Lösung, die sich am Aufbau des Blutkreislaufs orientiert. Bei dem Eingriff wird ein Katheter in bestimmte Blutgefäße eingeführt und lässt diese veröden: Der Eingriff dauere etwa zwei Stunden, erfolge mit lokaler Betäubung, die Patienten könnten sofort wieder nach Hause gehen, erklärt Gat. Die Erfolgsquote läge bei über 85 Prozent.

Mehr Lebens- und Liebeslust

"Die Symptome verschwinden innerhalb weniger Wochen", sagt Gat. Nicht nur das Problem mit der ewig überfüllten Blase werde so gelöst: "Die Männer fühlen sich nach kurzer Zeit insgesamt besser: Ihr Testosteronspiegel steigt zurück auf ein normales Niveau. Sie berichteten, wieder mehr Kraft, Lebens- und Liebeslust zu haben." Dabei sei seine Methode risikoarm. Kein Patient habe beim Eingriff Schaden erlitten, so die israelischen Ärzte. In ihrer ersten Studie, publiziert im Fachmagazin "European Urological Review", beschreiben die Mediziner die Behandlung von 28 Männern. Nach sechs Monaten seien deren Prostatadrüsen um 55 Prozent geschrumpft. Inzwischen hat Gat nach eigenen Angaben mehr als 120 Patienten mit seiner neuen Methode behandelt, die Ergebnisse sind allerdings noch nicht veröffentlicht.

Größer Studien müssen folgen

Jürgen Gschwend, Direktor der Urologischen Klinik im Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München, ist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bedingt optimistisch: "Wenn diese Zahlen tatsächlich stimmen, wäre das ein Durchbruch." Bisherige Behandlungen erzielten weitaus geringere Erfolgsraten, und hätten teils schwere Nebenwirkungen. "Die Frage ist nur: Ist das Ergebnis reproduzierbar? Bevor große Studien das gleiche Ergebnis in mehreren Zentren erzielen, bleibt Gschwend skeptisch. "Revolutionäre Entdeckungen verlieren bei intensiver Untersuchung oft viel von ihrem Glanz."

Studium der Physik brachte Idee

Bisherige Therapien der BPH agieren auf zwei Ebenen. Chirurgen entfernen die Prostata mit einem chirurgischen Eingriff. Doch egal ob man schneidet, schabt, die Prostata einfriert, bestrahlt oder mit Mikrowellen verdampft: Das Risiko für ungewollte Schäden blieb groß. Statt nicht mehr urinieren zu können, läuft bei so manchem Patienten nun die Blase einfach über und aus. Vielen war dieses Risiko zu groß. "Der andere Lösungsansatz vermutete eine altersbedingte Störung des Hormonstoffwechsels als Ursache von BPH", sagt Gschwend. Zellen in der Prostata wachsen wegen zu hoher Konzentrationen des männlichen Hormons Testosteron. Folglich verschreiben Ärzte Medikamente, die die Verwandlung von Testosteron in den potenteren Wirkstoff Dihydrotestosteron verhindern.

Frühere Behandlungsmethoden gingen oft auf Kosten des Sexlebens

Trotz dieses scheinbar einfachen Zusammenhangs zwischen Ursache - also zu viel Testosteron - und Wirkung - dem Wachstum der Prostata - bleibt BPH ein Rätsel: Bisher fanden Wissenschaftler im Blut von BPH-Patienten nämlich viel niedrigere Konzentrationen von Testosteron als bei jungen Männern. Erhielten die Notleidenden nun auch noch Stoffe, die die Umwandlung von Testosteron verhindern, war es bei vielen mit der vom Botenstoff angefeuerten Liebeslust vorbei. Zwar konnten sie sich Dank des verbesserten Urinstrahls endlich wieder entleeren, der nächtliche Gang zur Toilette blieb aus. Doch die süßen Träume gingen auf Kosten des nun nicht mehr stattfindenden Beischlafs.

Ursache liegt im aufrechten Gang

Alles überholt, meint Androloge Gat. Bevor er Arzt wurde, studierte er an der technischen Hochschule in Haifa Physik, mit dem Schwerpunkt Strömungsmechanik. Gat sieht in BPH eine Folge des aufrechten Ganges des Homo sapiens. Da der Mensch auf zwei Beinen gehe, müsse das Blut vom Hoden auf einzigartige Weise abgeführt werden: "Bei Tieren fließt das Blut in den Venen horizontal. Aber bei Menschen muss es nach oben, zurück zum Herz, ohne dass es dafür eine Pumpe gibt." Deswegen entwickelten sich in der so genannten Vena Spermatica besondere Klappen, die das Blut nur in eine Richtung, gen Herz, durchlassen: "Mit zunehmenden Alter funktionieren diese Klappen aber nicht mehr, ein Rückstau ist die Folge", sagt Gat. Der Stau erzeuge im Hoden einen bis zu achtfach höheren Druck als normal.

Blutstau lässt Prostata anschwellen

Statt an der Niere vorbei fließt das Blut nun durch Kollateralgefäße, also natürliche Umleitungen, auf anderen Wegen zurück zum Herz. Dieser Umweg führt über die Prostata: Der Blutstau lasse die Prostata nicht nur anschwellen, sondern überschwemme sie auch mit Testosteron direkt aus dem Hoden nebenan: "Statt wie der gesamte Körper stark verdünnte Portionen zu erhalten, bekommen die Zellen der Prostata eine geballte Ladung Testosteron ab." So entstehe BPH. Es sei kein hormonelle Störung, sondern eine Frage der Installation.

Kein Druck mehr im Hoden

Folglich behandeln Gat und Goren BPH, indem sie die problematischen Blutgefäße mit Kathetern verschließen: "Wenn die Vena Spermatica zu ist, gibt es keinen Druck mehr im Hoden. Das Blut drängt jetzt nicht mehr in die Prostata, sondern fließt normal ab. Problem gelöst", sagt Gat. Gschwend bestätigt, dass der Ansatz "sehr originell" ist. Niemand kam bisher auf die Idee, BPH von dieser Seite anzugehen." Doch der Experte warnt vor vorzeitiger Euphorie über die noch ungeprüfte Heilungsmethode - und es wird wohl noch Jahre dauern, bis die israelische Studie weltweit in anderen Zentren wiederholt wird.

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