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Medikamente wirken bei Senioren anders

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Medikamente wirken bei Senioren anders

09.05.2012, 08:53 Uhr | dpa, dpa

Medikamente wirken bei Senioren anders. Medikamente haben bei Senioren eine andere Wirkung. (Quelle: dpa)

Medikamente haben bei Senioren eine andere Wirkung. (Quelle: dpa)

Medikamente helfen - doch nur in der richtigen Dosis und Kombination. Vor allem ältere Menschen, die mehrere Arzneien gleichzeitig nehmen, sollten vorsichtig sein. Es drohen die Überdosierung sowie unvorhersehbare Neben- und Wechselwirkungen, die oft nicht erkannt werden.

Senioren gewöhnen sich an Nebenwirkungen

Mehr als die Hälfte aller Rezepte in Deutschland wird für über 60-Jährige ausgestellt. Weniger wäre dabei häufig mehr. Denn die Medikamente können zu stark wirken, sich untereinander nicht vertragen oder schon längst nicht mehr nötig sein. Auch die Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen. "Manche Senioren leiden dauerhaft unter Nebenwirkungen und merken es gar nicht, weil sie sich daran gewöhnt haben", sagt der Arzneimittel-Experte Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Nach Auskunft der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm wird außerdem die Gefahr einer Medikamentensucht unterschätzt.

Bei älteren Menschen bleiben Wirkstoffe länger im Körper

Das erste große Problem: Medikamente wirken bei älteren Menschen anders als bei jüngeren, bei den Senioren kann es schnell zu Überdosierungen kommen. Denn die Wirkstoffe werden langsamer als in jungen Jahren aufgenommen und bleiben länger im Körper. Dies liegt zum einen an den Organen, die nicht mehr so schnell arbeiten. Außerdem sorgt der geringere Wassergehalt für ein dichteres Gewebe, in das die Wirkstoffe nicht so leicht eindringen können. "Das ist vor allem bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln relevant, ihre dämpfende Wirkung hält länger an", erklärt Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin der LWL-Klinik in Warstein und Lippstadt.

Dosierungsangaben orientieren sich an Jüngeren

Die Medikamente werden an jüngeren Menschen getestet, nach diesen Erfahrungen richtet sich die empfohlene Dosis auf dem Beipackzettel. Diese Praxis bei den Zulassungsstudien für Medikamente hat ihren Grund: Die Probanden sind "gesunde Kranke", die nur an der Krankheit leiden, gegen die das Medikament helfen soll. Anderenfalls könnte das Testergebnis verzerrt werden. "Auch die Ärzte sind da manchmal etwas im Blindflug", gibt Glaeske zu. "Sie müssen sich bei Medikamenten auf ihre eigenen Erfahrungen verlassen." Die DHS empfiehlt, ab dem 65. Lebensjahr die Dosis um 10 Prozent und ab dem 75. Lebensjahr um 20 Prozent zu senken. Für jede weitere Dekade solle um weitere 10 Prozent reduziert werden. Dies ist allerdings nur eine Faustformel, die richtige Dosis hängt etwa auch vom Körpergewicht und dem Gesundheitszustand ab.

Wegen Wechselwirkungen in die Klinik

Etwa jeder zweite Senior im Alter über 65 Jahren leidet mindestens an einer Krankheit, auch das führt beim Thema Medikamente zu Problemen. "Es gibt Leitlinien für die Behandlung einer Krankheit. Aber was machen wir mit jemandem, der mehrere Krankheiten hat?" sagt Prof. Glaeske und fordert Studien über die Kombination von Medikamenten. Zudem gehen die Menschen wegen ihrer verschiedenen Krankheiten meist zu mehreren Ärzten. Jeder Arzt verschreibt die Arznei, die aus seiner Sicht die vernünftigste ist. Es gibt jedoch keinen Mediziner, der die verschiedenen Behandlungen koordiniert. Die Wechselwirkungen der einzelnen Präparate sind nicht zu unterschätzen, zudem steigt bei der Einnahme von mehreren Medikamenten das Risiko für Nebenwirkungen. Nikotin und Alkohol machen die Sache noch schlimmer. Laut Prof. Glaeske wird rund jeder zehnte Senior wegen Neben- oder Wechselwirkungen ins Krankenhaus gebracht.

Johanniskraut verlangsamt Medikamentenabbau

Relevant sind nicht nur die rezeptpflichtigen Medikamente, sondern auch Arzneien aus der Apotheke und der Drogerie. "Die muss man sich kritisch ansehen", erklärt Holzbach. So kann Aspirin etwa zu Magenblutungen führen. Pflanzliche Präparate aus der Drogerie können mit Medikamenten reagieren. So sorgt etwa Johanniskraut, das gegen depressive Stimmungen helfen soll, in höheren Dosen für einen schnelleren Abbau von Medikamenten.

Vorsicht bei der Dosierung von Schlafmitteln

In einen Teufelskreis können Schlafmittel führen. Sie helfen anfangs, dann gewöhnt sich der Körper daran und der Mensch schläft wieder schlechter. Er erhöht die Dosis, die Nebenwirkungen treten auf: Er wird immer apathischer, kann sich nicht mehr konzentrieren, ihm fehlt jegliche Energie. Der Betroffene sieht dies als Alterserscheinung oder schiebt es auf den fehlenden Schlaf, nicht jedoch auf das Medikament. Das nimmt er weiter und immer mehr davon. Auch bei anderen Medikamenten können die Nebenwirkungen gravierend sein. Im schlimmsten Fall können etwa Leber und Nieren für immer geschädigt sein.

Suchtgefahr bei Medikamenten unterschätzt

Auch eine weitere Gefahr wird unterschätzt: die Abhängigkeit von psychoaktiven Medikamenten. "Die Gefahr ist hoch", sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Die meisten Medikamente, die süchtig machen können, enthalten einen Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. Sie werden zum Beispiel bei Angst, Schlafproblemen und zur Muskelentspannung eingesetzt. Nicht immer ist aber die Einsicht in das Problem gegeben. Viele sehen das Suchtpotenzial von Medikamenten gar nicht. Wenn das Beruhigungsmittel nicht mehr wirkt wie am Anfang, nehmen sie einfach mehr davon."

Auch rezeptfreie Mittel überprüfen lassen

Fachleute raten Senioren, sich die Namen von allen Medikamenten zu notieren und damit zum Arzt zu gehen. "Manche wissen gar nicht mehr, wofür sie welche Tablette überhaupt nehmen", sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm. Der Arzt sollte überprüfen, ob die Medikamente überhaupt noch nötig sind, ob die Dosis in Ordnung ist und ob sich die Arzneien miteinander vertragen. Auf der Liste müssen auch die Arzneien notiert werden, die ohne Rezept in der Apotheke und in der Drogerie gekauft wurden. Ein weiterer guter Ansprechpartner ist der Apotheker. An ihn können sich auch Angehörige wenden, wenn sie sich zum Beispiel über den Medikamentenkonsum ihrer Eltern Sorgen machen.

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