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ZDF-Reportage 37 Grad: 18 Jahre heimlich blind - "Gang auf dem Eis"

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ZDF 37 Grad  

18 Jahre heimlich blind: "Lebenslüge war Gang auf dem Eis"

22.01.2014, 15:14 Uhr | vdb

ZDF-Reportage 37 Grad: 18 Jahre heimlich blind - "Gang auf dem Eis". Saliya Kahawatte verlor mit 15 Jahren sein Sehvermögen - und hielt das 18 Jahre lang geheim.  (Quelle: ZDF/ Anabel Münstermann)

Saliya Kahawatte verlor mit 15 Jahren sein Sehvermögen - und hielt das 18 Jahre lang geheim. (Quelle: ZDF/ Anabel Münstermann)

Sehen zu können ist für die meisten von uns selbstverständlich. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie es ist, von heute auf morgen blind zu sein. Genau das passierte dem heute 43-jährigen Saliya Kahawatte, über den das ZDF gestern in der 37-Grad-Reportage "Augen zu und durch. Warum ich alles anders sehe" berichtete. Mit 15 verlor der Hamburger durch eine Augenkrankheit über Nacht sein Sehvermögen bis auf fünf Prozent. Die Reportage zeigt, wie er es schaffte, seine Behinderung 18 Jahre lang geheim zu halten und unbemerkt in einem Weinlokal und als Cocktailmixer zu arbeiten.

Ohne Sehkraft zum Chef im Weinlokal

"Es ist eher ein Farbbrei, den ich durch drei dicke Milchglasscheiben sehe", erklärt Kahawatte in dem ZDF-Bericht, wie er seine Umwelt wahrnimmt. Die Lehrer und Ärzte rieten ihm anfangs zu einer Blindenschule. Saliya aber wollte ein normales Leben führen, Abitur machen und dann im Hotelfach durchstarten. "Die wollten mich in eine Behindertenwerkstatt stecken. Ich wollte nicht ein Leben lang Topflappen häkeln, sondern selbst bestimmen, was ich aus meinem Leben mache."

Deshalb führte Saliya jahrelang ein kompliziertes Lügenspiel. Vom Azubi arbeitete er sich letztlich ohne Sehkraft zum Restaurantchef im Spitzenhotel hoch. Nachts lernte er die Speisekarten und das Weinsortiment auswendig oder studierte das Gewicht von Gläsern und Flüssigkeiten sowie deren Klang.

Vom Vater "emotional entsorgt"

Seine Schwester fragt sich bis heute, wie er es geschafft hat, in einem Weinlokal, in dem es über 200 Weine gibt, den richtigen Tropfen zu servieren. "Es ist einfach unfassbar. Als sehender Mensch kann man sich das nicht vorstellen", sagt sie. Die Frau ist auch die einzige Verwandte, die der 43-Jährige noch regelmäßig sieht. Saliyas Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus Sri Lanka. Als er von der Behinderung des Sohnes erfuhr, ließ er ihn fallen. Der Sohn fühlte sich "emotional entsorgt". Als er 16 ist, trennen sich die Eltern, danach sah er den Vater, dessen ganzer Stolz er einmal war, nie wieder.

"Lebenslüge war Gang auf dem Eis"

Doch wie konnte Saliya seine Behinderung so lange geheim halten? Vor der Arbeit riecht Saliya an den geöffneten Flaschen und ordnet sie so an, dass er den Abend über darauf zurückgreifen kann. Er hat auch das Hamburger Straßennetz abgespeichert, zählt seine Schritte und findet so überall hin. Sein Blindenabzeichen und den Blindenstock lässt er zu Hause. Saliya will nicht als Blinder erkannt werden. "Meine Lebenslüge war ein Gang auf dem Eis. Ich wusste, ich kann ständig ausrutschen oder einbrechen. Es war völlig klar, dass ich irgendwann einbreche, weil das Eis immer dünner wurde." Die Angst, entdeckt zu werden, wurde immer größer.

Erneuter Schlag: Hodenkrebs mit 24

Mit 24 folgt dann ein weiterer Schicksalsschlag: Saliya bekommt Hodenkrebs. Die Prognose der Ärzte ist damals schlecht. "Mir ging der Arsch auf Grundeis. Ich bin jeden Tag an die Elbe gegangen und habe die Wellen angeschrien" erinnert er sich. Neben der Chemo schüttet er sich mit Schnaps zu, weil er denkt, dass er ohnehin sterben wird.

Doch der junge Mann schafft es. Danach macht er weiter wie zuvor: Mit einem kleinen Netz aus Eingeweihten und einer großen Lüge. Er beginnt neben seinem Job auch noch ein BWL-Studium. Mit der Zeit wird der Druck dann einfach zu groß. Er greift zu Alkohol, Drogen und Medikamenten. Am Ende hat er massive Suchtprobleme, wie er berichtet. "Irgendwann macht der Körper nicht mehr mit, auch nicht die Psyche." Es folgen Monate in psychiatrischer Behandlung.

Outing als Blinder mit 33

Doch eines Tages erinnert er sich an seine Wurzeln und an die Großmutter aus Sri Lanka. Er wendet sich dem Buddhismus zu und ändert seine Lebenseinstellung. Mit 33 Jahren outet er sich als Blinder. "Dann hatte ich auch die geistige Reife zu erkennen, dass ich nicht gegen, sondern mit meiner Behinderung arbeiten muss", so Saliya.

Nur als Selbstständiger Chance auf dem Arbeitsmarkt

Doch die Rückkehr in die Arbeitswelt gestaltet sich mit einer offiziellen Behinderung sehr schwierig. Zwar schließt er sein BWL-Studium mit der Note 1,7 ab, auf seine 200 Bewerbungen bekommt er jedoch keine Zusage. Durch das Raster der Personalabteilungen fällt er ohne Augenlicht gnadenlos. Was folgt, ist ein Leben mit Hartz IV. Doch Saliya gibt nicht auf. Er macht sich als Unternehmensberater selbstständig. Seine Arbeiten am Schreibtisch erledigt er mit einem blindengerechten Sprachcomputer und der Hilfe von zwei Assistentinnen. Heute ist er Coach für Manager und gibt Ayurveda-Seminare. Seine Klienten sind dann erstaunt, wie er es schafft, sie vergessen zu lassen, dass er nicht sehen kann.

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