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"Dr. House" sei Dank: Professor rettet Herz-Patienten das Leben

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Ein rätselhafter Patient  

Loch in der Kugel

07.02.2014, 17:06 Uhr | Heike Le Ker für Spiegel online

"Dr. House" sei Dank: Professor rettet Herz-Patienten das Leben. Herzprobleme beim Haarekämmen: Den Auslöser der Beschwerden findet ein Kardiologe mit Hilfe von "Dr. House". (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Herzprobleme beim Haarekämmen: Den Auslöser der Beschwerden findet ein Kardiologe mit Hilfe von "Dr. House". (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein gesunder 55-Jähriger verliert langsam sein Augenlicht und hört immer schlechter. Dann wird sein Herz schwächer. Nach mehreren Monaten in verschiedenen Kliniken hat endlich ein Marburger Kardiologe die richtige Idee - dank der TV-Serie "Dr. House".

Selbst wenn sich der Mann nur die Haare kämmt oder ruhig am Tisch sitzt, bekommt er kaum Luft. Sein Herz schlägt unregelmäßig, jede Bewegung bringt ihn zur Erschöpfung. Der 55-Jährige hat nach vier Monaten im Krankenhaus und zahlreichen Gesprächen mit ratlosen Ärzten nur noch wenig Hoffnung.

Eigentlich ging es dem Bauunternehmer immer gut, Herz- oder Kreislaufprobleme hatte er nie, und auch die Reparatur eines Hüftgelenksersatzes eineinhalb Jahre zuvor hatte er problemlos überstanden. Aber seit einigen Monaten wird er nicht nur jeden Tag schwächer und hat oft Fieber, er kann auch immer weniger hören und ist schon fast blind. Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt verordnete ihm Hörgeräte, ein Augenarzt operierte den Grauen Star an einem Auge. Geholfen hat ihm beides nicht.

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Bei der Suche nach der Ursache stoßen unterschiedliche Ärzte auf weitere Auffälligkeiten. Eine Computertomographie zeigt, dass die Lymphknoten im Bereich der Lunge und an der linken Hüfte des Mannes vergrößert sind. Chirurgen öffnen seine Brust und entnehmen Gewebeproben - eine Erklärung finden sie nicht. Blutanalysen offenbaren eine Unterfunktion der Schilddrüse und eine Infektion mit Zytomegalieviren. Außerdem klagt der Mann über Sodbrennen.

Wegen der schlechten Herzfunktion spritzen Mediziner Kontrastmittel über einen Katheter, um die Herzkranzgefäße zu beurteilen. Doch die Arterien sind offen, Verkalkungen können die Beschwerden also nicht verursachen. Ein Therapieversuch mit Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, bringt keine Verbesserung, sie verschlechtern das Befinden des Mannes sogar noch. Als sich der Patient im Mai 2012 in der Kardiologie der Universitätsklinik Marburg vorstellt, pumpt sein Herz nur noch ein Viertel der normalen Menge Blut. Die Frage nach einer Transplantation steht im Raum, weil das Herz unaufhaltsam schwächer wird.

Der Dr. House von Marburg

Doch in Marburg trifft der Mann endlich auf den richtigen Arzt mit der richtigen Idee: Jürgen Schäfer ist nicht nur Herzspezialist mit Vorliebe für komplizierte Fälle. Der Kardiologe leitet auch das 2013 gegründete Zentrum für unerkannte Krankheiten und hält für die Medizinstudenten der Marburger Uniklinik Vorlesungen über spannende Fälle aus der TV-Serie "Dr. House". Schäfer erinnert sich an eine Folge, in der es um eine Patientin mit ähnlichen Beschwerden geht - und hat eine Verdachtsdiagnose: Kobaltvergiftung.

Das Metall ist für den Menschen in äußerst geringen Mengen lebenswichtig, weil es Bestandteil von Vitamin B12 ist, das Nerven- und Blutzellen benötigen. In hohen Dosierungen wird es allerdings schnell gefährlich: Dann löst es eine bestimmte Herzmuskelerkrankung, eine sogenannte Kardiomyopathie aus, beschädigt Augen, Ohren, Nieren, Lungen und die Haut und hemmt die Funktion der Schilddrüse.

Gift im Bier

Betroffen von einer Vergiftung waren lange Zeit hauptsächlich Industriearbeiter, die mit Kobaltprodukten gearbeitet hatten. In den sechziger Jahren entwickelten zudem einige Männer im kanadischen Quebec eine Kardiomyopathie und starben daran. Alle hatten viel Schankbier getrunken, in das lokale Bierbrauereien mehr Kobalt hinzugefügt hatten als in anderes, um den Bierschaum in den Gläsern zu stabilisieren. Nachdem die kanadischen Brauereien das Kobalt reduziert hatten, traten keine Todesfälle mehr auf.

In den vergangenen Jahren häufen sich in Deutschland aber andere Fälle von Kobaltvergiftungen: Sie entstehen durch defekte Hüftprothesen. So auch bei dem Marburger Patienten, wie Schäfer und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "The Lancet" berichten. Er hatte im Jahr 2001 eine Hüftprothese aus Keramik bekommen und war 2010 gestürzt, wodurch die Prothese zerbrach. Bei der folgenden Operation versuchten Chirurgen mit einer Spülung, alle Splitter aus dem Gelenk zu entfernen. "Dann haben sie fatalerweise aber keine Keramikprothese eingesetzt, sondern eine aus den Metallen Kobalt, Chrom und Molybdän", sagt Schäfer zu SPIEGEL ONLINE.

Das Problem: Trotz gründlicher Spülung bleiben meist kleine Keramiksplitter übrig. Sie zerreiben das Metall, Kobalt tritt aus, geht ins Blut und greift die Organe an. Für die Reparatur einer Keramikprothese sind nach Herstellerangaben Prothesenköpfe aus Metall nicht zugelassen.

"Das Schockierende ist: Das passiert immer wieder"

Tatsächlich sind die Kobaltwerte des Patienten extrem hoch. 15 Nanomol pro Liter Blut sind normal, bei ihm liegen sie bei 15.000. Die Ärzte geben ihm ein Gegenmittel, das mit dem Metall Komplexe bildet, die der Körper über die Niere ausscheiden kann. Zudem veranlassen sie, dass die defekte Metallprothese sofort ausgebaut und durch eine Keramikprothese ersetzt wird. Außerdem braucht der Mann für sein schwaches Herz einen Schrittmacher mit integriertem Defibrillator.

Auch das "New England Journal of Medicine" berichtet aktuell über eine Frau, die aufgrund einer Kobaltvergiftung durch eine kaputte Prothese sogar ein neues Herz brauchte. "Solche Fehler richten unermesslichen Schaden an", sagt Schäfer. Allein an der Uni-Klinik in Marburg habe es in den vergangenen Jahren fünf Fälle einer Kobaltvergiftung durch Hüftprothesen gegeben. "Das Schockierende ist: Das passiert immer wieder", klagt Schäfer. "Jeder Motorroller wird in Deutschland besser überprüft als Prothesen." Über schärfere Kontrollen für Medizinprodukte wird insbesondere nach dem Skandal über schadhafte Brustimplantate immer wieder heftig gestritten.

Der Patient kann glücklicherweise wieder besser am Alltag teilnehmen. Sein Herz schafft immerhin wieder 40 Prozent der normalen Leistung. "Vergangene Woche war er hier in der Klinik", erzählt Schäfer. "Es geht ihm zwar etwas besser, er ist aber weiterhin sehr schwer krank und nach wie vor ist sein Seh- und Hörvermögen stark beeinträchtigt. Die Langzeitschäden sind nicht absehbar."

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