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NDR-Reportage: Schwulenheilung als Kassenleistung?

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NDR-Reportage  

Schwulenheilung als Kassenleistung?

08.05.2014, 20:29 Uhr | Nina Bürger

NDR-Reportage: Schwulenheilung als Kassenleistung?. Der NDR-Reporter Christian Deker befragte Passanten auf einer Anti-Homosexuellen-Demo. (Quelle: Screenshot ADR/NDR)

Der NDR-Reporter Christian Deker befragte Passanten auf einer Anti-Homosexuellen-Demo. (Quelle: Screenshot ADR/NDR)

Homosexualität ist in unserer Gesellschaft akzeptiert - sollte man eigentlich meinen. Dass dies aber nicht überall der Fall ist, zeigt die Panorama-Reportage "Die Schwulenheiler", die der NDR produziert hat. Der homosexuelle Reporter Christian Deker begab sich in Winkel der Republik, in denen Schwule als abartig und krank bezeichnet werden. Ärzte wollen ihm seine Orientierung sogar mit Gebeten, Psychotherapien und Homöopathie austreiben. Kaum fassbar: Für manche dieser Behandlungen würden laut dem Bericht, sogar gesetzliche Krankenkassen die Kosten tragen.

Seine Recherchen haben Deker vor allem in strenggläubige Kreise geführt. Zunächst war er in Stuttgart auf einer Demo unterwegs. Dort demonstrierten Tausende gegen eine Reform des Bildungsplans nach dem in den Schulen auch Homosexualität vermehrt im Unterricht thematisiert würde. Mit einer zweiköpfigen Kuh verglich eine Demonstrantin dort die ihrer Ansicht nach widernatürliche Homosexualität. Von einer Krankheit, einer verletzten Seele und jede Menge Ekel ist die Rede.

Um zu sehen, wie manchen Menschen zufolge eine Heilung aussehen soll, besuchte der Reporter einen Heilungsgottesdienst an einer Freikirche in Tübingen. Dort trat ein Hamburger Arzt als Gastredner auf. Deker fragte ihn, ob seine Homosexualität heilbar sei. "Keine Frage! Logisch!", antwortete der Arzt. Er solle ab sofort alle zehn Minuten zu Gott beten. Wenn auch das nicht hilft, könne er sich behandeln lassen.

"Wolken" und "Geister" die entweichen

Der Reporter wollte wissen, was es mit dieser Therapie auf sich hat. In der Praxis bekam er Öl auf die Stirn und der approbierte Mediziner begann zu beten. Was folgte war, so Deker, eine Art Exorzismus. Der Patient wurde auf dem Stuhl nach hinten gedrückt. "Hast du das eben gemerkt? Dass da so eine Wolke rausgekommen ist?", fragte der Arzt. Mindestens ein Geist sei Dekers Körper entwichen, so der Mediziner.

Bundesärztekammer warnt vor Umpolungsversuchen

Ganz anders sieht das Thema Lieselotte Mahler, Psychiaterin an der Berliner Charité und Leiterin des Referats für sexuelle Orientierung bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie betont im Beitrag, bei Homosexualität handele es sich in keiner Weise um eine Krankheit. Solche Umpolungsversuche sieht sie als unwirksam und riskant an. "Das Gefühl, in der Therapie versagt zu haben, kann zu tiefen Depressionen und Angststörungen bis hin zu Selbstmorden führen", sagt sie. Auch die Bundesärztekammer warnt vor den Folgen solcher Veränderungsversuche.

Kassen verweisen auf Therapiehoheit der Ärzte

Doch manche Ärzte sehen das anders. In Dresden sagte ein Hausarzt zu Deker, dass für ihn eine Narbe an dessen Kinn schuld an seiner Neigung sei. In bibeltreuen Kreisen soll der Arzt als "Geheimtipp" gelten. Auch die Eltern-Kind-Beziehung zog er als Ursache in Betracht. Homosexualität an sich titulierte er als neurotische Fehlentwicklung und bot Deker eine Psychotherapie an. Die Kosten hierfür würde dann die Krankenkasse des Patienten übernehmen. Der Reporter fragte daraufhin bei den Krankenkassen nach. Dort hieß es, der Inhalt von Therapiegesprächen sei dem Versicherer nicht bekannt. Bei der Frage, ob die Abrechnung solcher Umpolungsversuche generell zulässig sei, wichen sie aus. Techniker, AOK und Barmer verweisen auf die Therapiehoheit der Ärzte. Keine Kasse antwortete mit einem kategorischen Nein.

Homöopathie soll helfen

Auch Dr. Gero Winkelmann, Vorsitzender des Bundes katholischer Ärzte sieht in der Homosexualität eine "schwere Last" und "ein Zeichen von Hilflosigkeit". Er empfahl eine homöopathische Behandlung in Form einer Entgiftung und sagte, wenn man richtig damit umgeht, könnte diese "psychische Störung" behandelt werden.

Zum Ende seiner Recherchen war Deker sehr überrascht. Darüber, dass es Ärzte gibt, die denken, Homosexualität sei krankhaft. Darüber, dass Gebete und Homöopathie helfen sollen. Vor allem aber darüber, wie sehr alte Vorurteile in einem Land weiter leben, das eigentlich liberal ist.

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