Sie sind hier: Home > Gesundheit >

Ein rätselhafter Patient: Blau ist eine kranke Farbe

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Ein rätselhafter Patient  

Blau ist eine kranke Farbe

14.12.2015, 09:28 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Blau ist eine kranke Farbe. Gefäße: Fingerkuppe verfärbt sich blau  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine 43-Jährige kommt mit einer verfärbten Fingerkuppe und starken Schmerzen in ein Krankenhaus. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Der Finger läuft blau an, die Schulter schmerzt - schnell haben die Ärzte der 43-jährigen Patientin eine Diagnose parat. Dass sie damit falschliegen, merken sie erst, als die Schmerzen der Frau trotz Therapie zunehmen.

Tagelang haben die Internisten, Radiologen, Chirurgen und Kardiologen über die Gelenkschmerzen und den blauen Finger einer 43-jährigen Patientin gerätselt. Die erste - und wie sich bald herausstellt falsche - Diagnose steht recht schnell: Es muss sich um Gelenkentzündungen mit untypischen Begleiterscheinungen handeln.

Kuppe des kleinen Fingers verfärbte sich blau

Die Frau wird als Notfallüberweisung von ihrem Hausarzt in das Diana Princess of Wales Hospital im britischen Grimsby geschickt, berichten die Ärzte im Fachblatt "BMJ Case Reports". Seit sechs Wochen sei sie müde und matt und leide unter Gelenkschmerzen in Schultern, Ellbogen und Knien. Vor einer Woche habe sich plötzlich die Kuppe ihres linken kleinen Fingers blau verfärbt.

Der blaue Finger muss möglicherweise sofort behandelt werden, denn er kann viele Ursachen haben: Am häufigsten ist das sogenannte Raynaud-Syndrom, bei dem sich die Gefäße in den Fingern plötzlich verengen und diese durch die Minderdurchblutung zunächst weiß, durch den Sauerstoffmangel dann blau und im Stadium der erneuten Durchblutung rot werden. Aber auch ein Trauma, Erfrierungen, Gefäßverschlüsse, Vergiftungen oder eine Entzündung der Herzinnenhaut können blaue Finger hervorrufen.

Spurensuche in den Gefäßen

Als die Ärzte die Raucherin untersuchen, überprüfen sie den Blutdruck, vergleichen die Werte vom linken mit denen des rechten Armes, weil unterschiedliche Ergebnisse hier auf einseitige Gefäßverengungen hinweisen könnten. Sie tasten die Pulse an den Armen und Händen und hören aufmerksam das Herz ab. Etwas Außergewöhnliches fällt ihnen nicht auf. Auch bei der Ultraschalluntersuchung der Gefäße in den Armen und Händen finden sie keinen Hinweis auf eine Verengung.

Im Blut allerdings schwimmen viele Entzündungsproteine. Die sogenannten Rheumafaktoren, die auf verschiedene Krankheiten hinweisen können, sind erhöht. Spezifische Antikörper kommen nicht vor. Die Diagnose der Ärzte lautet nach diesen ersten Untersuchungen: Arthritis (Gelenkentzündung) mit atypischem Raynaud-Syndrom. Die übliche Therapie besteht aus entzündungshemmenden Kortikosteroiden in hoher Dosis und sogenanntem Prostazyklin, das die Zusammenlagerung von Blutplättchen verhindert.

Drei Tage später sind alle zufrieden: Die Schmerzen in den Gelenken lassen nach, die Ärzte glauben, nicht nur die richtige Diagnose, sondern auch die passende Therapie gefunden zu haben.

Schmerzen im Finger nehmen zu

Doch dann beginnt die blaue Fingerkuppe zu schmerzen. Sie wird immer dunkler, und die Frau bekommt Fieber. Die Mediziner hören ihr Herz erneut ab und nehmen ein Strömungsgeräusch wahr, das über der Hauptschlagader am lautesten zu hören ist. Sie glauben nun, dass es sich um eine Entzündung des Herzens handelt. Doch bei der Ultraschalluntersuchung finden die Ärzte keinen Hinweis auf eine akute Entzündung, und auch Bakterienwachstum kann das Labor nicht ausmachen.

Als die Schmerzen im Finger in den folgenden Tagen noch weiter zunehmen, untersuchen Radiologen die Frau im Computertomografen. Die Schichtbilder des Brustkorbs liefern endlich den entscheidenden Hinweis: Die unterhalb des linken Schlüsselbeins liegende Arterie, die den linken Arm mit Blut versorgt, ist stark verengt. Das verursacht das mit dem Stethoskop hörbare Geräusch. Zwar ist nur noch weniger als ein Drittel des inneren Querschnitts durchgängig, doch darüber fließt immer noch genug Blut, um tastbare Pulse an den Handgelenken zu erzeugen. Das hat die Ärzte - zusammen mit den unauffälligen Befunden der Ultraschalluntersuchungen - in falscher Sicherheit gewogen. Selbstkritisch schreiben die Ärzte im "BMJ Case Reports": "Ein akuter blauer Finger ist immer ein Notfall. Eine frühe Bilddarstellung der Arterien ist unerlässlich, (…) auch bei tastbaren Pulsen."

Ganz andere Therapie

Weil die Frau raucht, könnte es sich bei der Verengung um Arteriosklerose handeln. Aufgrund der begleitenden Gelenkbeschwerden und des relativ jungen Alters der Patientin stellen die Ärzte aber eine andere, endgültige Diagnose: Die Frau leidet unter Gefäß- und Gelenkentzündungen, die möglicherweise autoimmun bedingt sind. Von der verengten Stelle in der Arterie hat sich ein Blutgerinnsel gelöst, ist mit dem Blutstrom in die Arterie des kleinen Fingers gerauscht und hat diese komplett verschlossen.

Die Therapie muss nun ganz anders aussehen: Zunächst bekommt die Frau Heparin zur Blutverdünnung. Fünf Tage später legen Gefäßchirurgen einen Stent in die verengte Arterie, um diese offen zu halten.

Für das Fingerendglied können die Ärzte allerdings nichts mehr tun. Trotzdem amputieren die Chirurgen es nicht, sondern lassen eine sogenannte Autoamputation zu, bei der das Gewebe schwarz wird und von allein abstirbt - ein extrem schmerzhafter Prozess. Warum die Patientin diesen Weg wünscht, schreiben die Mediziner nicht. Sie versorgen die Frau mit starken Schmerzmitteln und einem Schutzverband für den Finger, außerdem bekommt sie Blutverdünner und entzündungshemmende Steroide.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Video des Tages

Shopping
Shopping
Zwei bügelfreie Blusen im Black & White-Look für nur 59,90 €
zum Walbusch Test-Angebot
Klingelbonprix.detchibo.deCECILStreet OneLIDLBabistadouglas.deBAUR
Meistgesuchte Themen A bis Z

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Entertain
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Telekom Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe
© Ströer Digital Publishing GmbH 2017