Sie sind hier: Home > Gesundheit >

Gefährliche Geheimzutat

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Ein rätselhafter Patient  

Gefährliche Geheimzutat

07.09.2014, 11:24 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Gefährliche Geheimzutat. Nach dem Genuss von Blaubeerkuchen bekam ein Mädchen i Kanada einen allergischen Schock. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nach dem Genuss von Blaubeerkuchen bekam ein Mädchen i Kanada einen allergischen Schock. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein kanadisches Mädchen isst ein Stück Blaubeerkuchen - und bekommt einen allergischen Schock. Auf keinen der Inhaltsstoffe hatte sie bis dahin allergisch reagiert. Erst bei einer aufwendigen Analyse des Kuchens finden Forscher die Ursache.

Als das Mädchen das erste Stück Blaubeerkuchen isst, macht es sich keine Sorgen. Seine Mutter hat den Kuchen gebacken, also weiß die Zehnjährige, dass keine Milch drin ist, auf die sie mit einer heftigen Allergie reagiert. Sie kostet den weichen Boden, schmeckt die frischen Beeren und genießt es, den süßen Brei hinunterzuschlucken.

Zehn Minuten später fängt ihr Körper an zu jucken. Ihr Gesicht wird heiß und rot und ihre Kehle fühlt sich eng an, als schnürte etwas die Atemwege zu. Das Mädchen bekommt Angst. Es kennt diese lebensbedrohliche Situation, es hatte bereits einen allergischen Schock, nachdem es Penicillin genommen hatte.

Das Kind wird sofort in die Notfallaufnahme eines Krankenhauses im kanadischen Montreal gebracht und dort mit Adrenalin, einem Antihistaminikum und Glukokortikoiden gegen die schwere allergische Reaktion behandelt. Eine Nacht bleibt das Mädchen zur Beobachtung in der Klinik, dann ist sein Zustand stabil und es darf wieder nach Hause gehen. Warum es einen anaphylaktischen Schock bekommen hat, wissen die Ärzte nicht.

Keine Spur von Allergenen

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, überweisen sie das Kind zu ihren Kollegen ins Universitätskrankenhaus von Montreal. Die Allergiespezialisten um Louis Paradis und Anne des Roches beginnen mit einer akribischen Suche, die Schockreaktion liegt mittlerweile fünf Wochen zurück. Sie testen die Haut ihrer Patientin auf alle Inhaltsstoffe des Kuchens: frische Blaubeeren und deren Schale, Eier, Soja, Erdnüsse, Nüsse, Getreide und Milch. Jedes Testergebnis ist negativ, auf keinen der Inhaltsstoffe reagiert das Mädchen mit allergischen Symptomen.

Die Ärzte stehen nun vor einem Rätsel: Wogegen - wenn nicht gegen die Inhaltsstoffe des Kuchens - hat das Mädchen so heftig reagiert? Für das Mädchen ist es lebenswichtig zu wissen, welche Stoffe ihr Immunsystemderart in Aufruhr bringen.

Welche Bakterien wachsen auf dem Kuchen?

Für weitere Analysen schicken die Mediziner daher ein kleines, aufbewahrtes Stück von dem Kuchen, den das Mädchen gegessen hat, an das Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung in Quebec. Mit unterschiedlichen Labortests versuchen die Forscher dort unter anderem, Bakterien auf dem Kuchen wachsen zu lassen. Das gelingt aber nicht in dem Ausmaß, in dem sich Bakterien normalerweise ungehindert vermehren. Die Mediziner gehen daher davon aus, dass sichAntibiotika auf den Blaubeeren befinden müssen, die das Wachstum von Mikroorganismen hemmen.

In der Tat werden sie durch weitere Tests fündig: Indirekt lässt sich ein Antibiotikum nachweisen. Welches es genau ist, können die Ärzte nicht bestimmen, dafür reiche die Menge nicht aus, schreiben sie in ihrem Fallbericht in den "Annals of Allergy, Asthma and Immunology". Aber es handele sich um ein Antibiotikum, das keinen sogenannten ß-Lactamring hat, eine bestimmte Molekülstruktur innerhalb der Arznei.

Ein bekanntes Antibiotikum ohne einen solchen ß-Lactamring ist Streptomycin. Es wird in den USA und Kanada häufig eingesetzt, um bestimmte Pflanzenkrankheiten wie den sogenannten Feuerbrand zu behandeln, eine für Pflanzen sehr bedrohliche, für Menschen aber ungefährliche Infektion mit Bakterien namens Erwinia amylovora. Auch in Deutschland darf Streptomycin bei Feuerbrand eingesetzt werden. Dabei müssen allerdings strenge Richtlinien eingehalten werden, und es gibt regelmäßige Kontrollen.

Allergietest mit winzigen Mengen Antibiotika

Unter der Annahme, dass auch auf den Blaubeeren, die das Mädchen mit dem Kuchen verzehrt hat, Streptomycin-Rückstände gewesen sein könnten, testen die Mediziner nun, wie das Kind auf das Antibiotikum reagiert. Sie spritzen winzige Mengen des Antibiotikums in die Haut. Sofort bilden sich Quaddeln, und die Haut wird rot und juckt. Schon nach zehn Minuten weitet sich die Reaktion aus, auch im Nacken bilden sich rote, großflächige, juckende Quaddeln. Ein Antihistaminikum schwächt die Reaktion schnell ab. Das Mädchen wird nach dem Test zwar nach Hause entlassen, kommt aber nach drei Stunden schon wieder zurück in die Klinik. Am ganzen Körper hat sie mittlerweile einen juckenden Ausschlag, und auch das Atmen fällt ihr schwer.

Diese heftige Reaktion des kindlichen Immunsystems auf geringste Mengen von Streptomycin bestärkt die Ärzte in der Annahme, dass das Antibiotikum den anaphylaktischen Schock ausgelöst hat. Damit erweitert sich das Spektrum der Substanzen, gegen die das Mädchen allergisch ist. Penicillin, auf das die Zehnjährige ebenfalls allergisch reagiert, ist ein typischer Vertreter von Antibiotika mit ß-Lactamring. Hat das Mädchen eine bakterielle Infektion, müssen die Ärzte stets darauf hingewiesen werden, dass bestimmte Antibiotika bei ihm eine lebensbedrohliche allergische Reaktion auslösen können.

Für den Notfall trägt die Zehnjährige außerdem immer ein Antihistaminikum und Adrenalin bei sich. Anne des Roches rät ihr und der Mutter außerdem, vor allem Bioprodukte zu verzehren, bei deren Herstellung keine Antibiotika verwendet werden.

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Video des Tages

Shopping
Shopping
Frische Must-Haves für die aktuelle Herbst-Saison
Trends entdecken bei BAUR
Klingelbonprix.detchibo.deCECILStreet OneLIDLBabistadouglas.deBAUR
Meistgesuchte Themen A bis Z

shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Entertain
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Prepaid-Aufladung
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • MagentaCLOUD
  • Homepages & Shops
  • De-Mail
  • Freemail
  • Mail & Cloud M
  • Sicherheitspaket
  • Hotspot
  • Hilfe
© Ströer Digital Publishing GmbH 2017