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Prothesen sind nicht immer von Vorteil

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Studie zu Implantaten  

Schrott im Körper

11.09.2014, 13:15 Uhr | Nicola Kuhrt, Spiegel Online

Prothesen sind nicht immer von Vorteil. Implantate richten oft mehr Schaden an, als dass sie von Nutzen sind. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Implantate richten oft mehr Schaden an, als dass sie von Nutzen sind. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nicht alles, was neu ist, glänzt: Innovative Implantate für Knie und Hüfte erwiesen sich in der Studie einer internationalen Forschergruppe als wenig nützlich. Dafür sei das Risiko für Brüche und neuerliche Operationen sogar höher.

Klingt erstaunlich? Viele neuartige Modelle von Hüft-und Knie-Implantaten bringen - im Vergleich zu älteren, etablierten Modellen - für ihren Träger keine nachweisbare Verbesserung. Im Gegenteil: Die Vorteile seien kaum spürbar, dafür das Risiko für Brüche oder erneute Operationen mit den neuen und zumeist deutlich teureren Modellen erhöht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie eines internationalen Forscherteams, die jetzt im British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht wurde.

Die Wissenschaftler um Art Sedrakyan von der Weill Cornell Medical School in New York fordern darin eine strengere Aufsicht und Kontrolle von Implantaten - nicht erst, wenn das Modell bereits auf dem Markt ist. Nur so könne vermieden werden, dass Patienten neuen künstlichen Gliedmaßen ausgesetzt werden, "ohne richtige Beweise für verbesserten klinischen Nutzen und die Sicherheit."

Die aktuelle Situation sei besorgniserregend, schreiben die US-Forscher. Zusammen mit der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA hatten die Wissenschaftler fünf neuere Prothesentypen ausgewählt und sie bewährten und vergleichbaren Implantaten gegenübergestellt. Analysiert wurden Daten aus klinischen Studien zu 15.384 Implantaten bei 13.164 Patienten, diese wurden mit den Daten von mehr als 1,2 Millionen Implantaten in den nationalen Registern verglichen.

BMJ-Studie zu Implantaten

Bei keinem der fünf Modelle fanden die Forscher Ergebnisse, die eine relevante Verbesserung für den Träger bedeutet hätten - im Gegenteil: Die Träger neuerer Implantate mussten sich deutlich öfter einer erneuten Operation (Revisionen) unterziehen. "Das zeigt, dass die neuen Technologien ohne ausreichende hochwertige Beweise für einen verbesserten Nutzen auf den Markt gebracht werden" schreiben die Autoren. Es sei unethisch, Patienten eine unkontrollierte Einführung neuer Implantate zuzumuten.

Rund 210.000 Deutsche erhalten jährlich eine Prothese. Mit dem Boom, der die Krankenkassen jedes Jahr rund zwei Milliarden Euro kostet, drängen ständig neue Produkte auf den Markt. So auch eine Prothese des Herstellers DePuy, die dank großen Gleitflächen aus Metall die Last auf das Hüftgelenk mindern sollte. Das Gegenteil war der Fall, nach einer ersten Warnung nahm der Konzern das Produkt vom Markt. Tausende Prothesen mussten seitdem wieder herausoperiert worden.

Immer wieder müssen Hersteller ihre Implantate vom Markt nehmen, weil sich diese in der Anwendung als schadhaft für den Patienten erwiesen. Im Juli 2012 zog die Firma Stryker zwei Modelle modularer Hüftschäfte zurück, weil es an der Verbindungsstelle der beiden Prothesenelemente zu Metallabrieb, Korrosion und Prothesenversagen kam. Betroffen sind etwa 30.000 Patienten weltweit.

Lascher Schutz in Europa

Der Skandal um Brustimplante des französischen Herstellers PIPoffenbarte 2012 die Schwächen bei der Zulassung von Medizinprodukten in Europa. Damals versprachen EU-Politiker, die Patienten besser zu schützen. Über Monate wurde in Brüssel heftig um das Wie gerungen, strengere Regeln wurden geplant, doch letztlich erlagen die Parlamentarier dem Druck der mächtigen Medizinprodukte-Industrie, die mit Prothesen stets gut verdient, und wortgewaltige Kampagnen startete.

Kampagne der europäischen Medizinprodukte-Lobby: Striktere Kontrollen verhindern Fortschritt, das gefährde das Leben von Kranken

Zwar soll es nun ein Mehr an Kontrollen in der EU geben und eigene Register für Prothesen, dennoch bleibt die erste Einigung im Parlament ein für Patienten gefährlicher Kompromiss: Noch viel mehr Sinnvolles war geplant: Eine zentrale Stelle, angesiedelt bei der Europäischen Arzneimittelkommission Ema, sollte die Zulassung besonders riskanter Produkte übernehmen - Herzklappen, Hüftimplantate oder Hirnschrittmacher. Das passiert nun nicht.

Diese entscheidende Aufgabe bleibt den knapp 70 kleinen und größeren Firmen in Europa überlassen. Diese Institute heißen offiziell "benannte Stellen", in Deutschland sind das Häuser wie der TÜV oder Dekra, doch die Qualität in den Mitgliedstaaten schwankt. Hersteller von Medizinprodukten können sich ihren Prüfer weiterhin selbst aussuchen - und zwar in ganz Europa. Sind die Institute allzu streng, müssen sie mit weniger Kunden rechnen. Hersteller können mit milden Urteilen rechnen.

Im Herbst sollen weitere Verhandlungen über die Umsetzung der laschen Forderungen beginnen, bessere Regeln sind für Europa lange nicht in Sicht.

Blindflug für Patienten

Die BMJ-Studie des internationale Forscherteams um Sedrakyan bestärkt viele Kritiker nur darin, weiter auf strengeren Kontrollen zu beharren. Für viel Aufmerksamkeit sorgte auch eine Undercover-Recherche der BMJ-Redakteurin Deborah Cohen, der es 2012 gelang, mit gefälschten Dokumenten die Zulassung für ein nicht existentes Hüftgelenksimplantat zu bekommen.

In die gleiche Richtung argumentieren auch die Experten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). "Eine regelhafte Prüfung des Nutzens von Hochrisikoprodukten sei dringend erforderlich", sagt Mediziner Stefan Sauerland. Der aktuelle Verzicht auf adäquate Langzeitdaten bedeute ein "Blindflug", in dem viele Patienten mitfliegen, ohne hierüber informiert worden zu sein. Gerade im Bereich des künstlichen Gelenkersatzes gäbe es viele bewährte Medizinprodukte, so dass gar keine Notwendigkeit bestehe, jede Neuerung sofort auszuprobieren.

Lobby nennt Ärzte genauso verantwortlich

Die Experten des IQWiG wundert es kaum, dass die innovativen Modelle dennoch gern in deutschen Krankenhäusern eingesetzt werden. Schließlich bewilligen die Krankenkassen den Kliniken hier immer noch einen höheren Zuschuss - eine Regelung die dringend überarbeitet werden müsse.

Kritik, die die Medizinprodukte-Industrie zurückweist. Die Ergebnisse der BMJ-Studie werde man analysieren, sagt ein Sprecher des Lobbyverbands BVMed SPIEGEL ONLINE. Man setze sich "für ein Höchstmaß an Patientensicherheit und Transparenz des Versorgungsgeschehens ein". Beim Gelenkersatz müsse aber immer auch berücksichtigt werden, dass der Erfolg eines Eingriffs auch von den Fähigkeiten des Operateurs und später von einem korrekten Verhalten des Patienten abhänge.

Mit einem politischen Einlenken - hin in Richtung mehr Patientenschutz und gegen die Interessen der einzelnen Medizinprodukte-Hersteller im eigenen Wahlkreis - ist mit den Politikern der Großen Koalition nicht zu rechnen, kritisiert Kordula Schulz-Asche von den Grünen. Sie hatte in einer kleinen Anfrage an die Regierung gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, Hochrisiko-Implantate genauso streng wie Arzneimittel zu kontrollieren. "Zu umständlich", lautete die Antwort des Gesundheitsministeriums.

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