Sie sind hier: Home > Gesundheit >

Hunde schenken Blinden neue Lebensqualität

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Blindenführhunde  

"Ich vertraue dem Hund mehr als einem Menschen"

14.10.2014, 15:13 Uhr | dpa

Hunde schenken Blinden neue Lebensqualität. Blindenführhund Celvin leitet sein Herrchen immer sicher durch den Straßenverkehr. (Quelle: dpa)

Blindenführhund Celvin leitet sein Herrchen immer sicher durch den Straßenverkehr. (Quelle: dpa)

Viele Blinde haben zu ihren Hunden eine besonders enge Beziehung. Die Vierbeiner leihen ihren Herrchen das Augenlicht und geben ihnen damit ein Stück Lebensqualität zurück. Doch was, wenn der lieb gewordene Führhund alt und krank wird?

Celvin steigt vorsichtig die Treppen hoch. Die Stufen nimmt er vielleicht nicht mehr ganz so schnell wie in jungen Jahren - der Rüde ist alt geworden. Bald soll er in Ruhestand gehen. Sein Herrchen erkundigt sich deshalb bei der "Stiftung Deutsche Schule für Blindenführhunde" nach einem neuen Blindenführhund. "Ich möchte eine Hündin haben und natürlich wieder einen Schäferhund. Sie soll lauffreundlich und kein Stubenhocker sein."

Der Job des Blindenführhundes ist anstrengend

Jeden Morgen begleitet der Rüde sein Herrchen von Müggelheim im Südosten Berlin nach Reinickendorf, wo Alexander als Softwareentwickler arbeitet. Das sind etwa eineinhalb Stunden Fahrt mit Bus, Straßenbahn und S-Bahn. Sobald die Stationsnamen Köpenick oder Schöneweide in den Verkehrsmitteln fallen, steht Celvin auf und zieht sein Herrchen zur Tür.

Celvin navigiert den Weg zuverlässig

Auch durch den Bahnhof Neukölln führt er ihn täglich. Mitten im Trubel bahnen sie sich ihren Weg: schnell und geradlinig entlang der hektisch in alle Richtung strömenden Passanten. Die beiden wirken ruhig und gelassen in der vollen und lauten Bahnhofshalle. Als sie die Treppe zum Bahnsteig erreichen, bleibt Celvin stehen und hebt seine rechte Pfote auf die Stufe. "Voran", sagt Andreas Alexander, hält sich am Bügel des weißen Führgeschirrs seines Hundes fest. Und steigt langsam die Treppe hinauf.

Celvin kann nicht nur auf Treppen aufmerksam machen - auf Anweisung findet er auch Ampeln, Aufzüge, freie Sitzplätze und Türen. Dabei spricht Andreas Alexander mit Celvin immer in vollständigen Sätzen. Wenn er eine Ampel sucht, sagt er zum Beispiel: "Jetzt lass uns mal zur Ampel gehen."

Blindenführhunde schenken neue Lebensqualität

Keinen Tag will der Blinde ohne seinen Hund sein. "Mit einem Blindenführhund bin ich einfach selbstständiger, schneller unterwegs, und das Leben macht mir mehr Spaß." Mit acht Jahren erkrankte Alexander am Grünen Star, auch Glaukom genannt. Die Augenkrankheit schränkt auf Dauer das Sehvermögen ein und führt unbehandelt zur Erblindung. Bis zum 22. Lebensjahr bewegte sich der Berliner mit einem Taststock durchs Leben. Doch seine Sehkraft wurde immer schlechter. Weil er lichtempfindlich ist, trägt Alexander eine abgedunkelte Brille. Durch den Besuch eines blinden Freundes kam er auf die Idee, sich auch einen Führhund anzuschaffen.

Mittlerweile ist der Schäferhund sein dritter Führhund und seit gut neun Jahren an seiner Seite. "Bei allen drei Hunden stimmte die Chemie vom ersten Tag an. Das ist wirklich so, ich traf den Hund und wir waren ein Herz und eine Seele." Beim ersten Treffen war Celvin gerade einmal 15 Monate alt. "Er war so groß und so schön, und da hab ich gesagt, den Hund will ich haben."

Schäferhunde führen Blinde besonders gut

Zwar konnte er Celvin nie sehen, aber fühlen. Wenn er von "schön" spricht, bedeutet das für Alexander: Körpergröße, Fellbeschaffenheit, Körperbau, Kopfform und Ohren - das alles nimmt er mit dem Tastsinn wahr.

Dem Blinden gefällt an Schäferhunden besonders, dass sie personengebunden, diszipliniert und sehr leicht zu führen sind. Das sei beim Labrador manchmal nicht so einfach. Neben diesen beiden Hunderassen eignen sich auch Königspudel, Riesenschnauzer oder Golden Retriever als Blindenführhunde.

Die Bindung zwischen Blindem und Hund wächst stetig

Bevor eine enge Beziehung zwischen Andreas Alexander und Celvin überhaupt entstehen konnte, mussten sich die Beiden erst mal richtig kennenlernen. Das passierte in einem etwa drei bis vierwöchigen Einführungslehrgang, bei dem am Ende getestet wird, ob Führhund und Halter sicher im Straßenverkehr sind. "Die richtige Bindung zwischen Hund und Halter ist nach den vier Wochen aber noch nicht da", erklärt Andreas Alexander. "Ungefähr ein halbes bis ein Jahr - erst dann ist die Bindung zwischen beiden perfekt."

"Ich vertraue einem Führhund mehr"

Vor einigen Jahren musste Andreas Alexander die Erfahrung machen, ohne Führhund zurechtzukommen. Nach dem plötzlichen Tod seiner ersten Schäferhündin musste er ein Jahr auf einen neuen Hund warten. "Das war ein furchtbares Jahr." In dieser Zeit war er auf seinen Taststock und auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. "Wenn man mal das Leben mit einem Führhund kennengelernt hat, dann möchte man das auch nicht mehr missen, sagt Andreas Alexander. "Ich vertraue einem Führhund mehr, als wenn mich ein Mensch führt. Da stoße ich öfters mal irgendwo gegen. Beim Hund passiert mir das nicht."

Strenge Ausbildung für die Hunde

Bis er seinen nächsten, jungen Führhund bekommt, ist es noch ein weiter Weg. Die Stiftung muss zunächst in Zuchtbetrieben nach einem passenden Welpen suchen. Mit etwa acht Wochen wird dieser dann in eine Patenfamilie gegeben, wo er ein Jahr lang aufgezogen wird. Dort soll er im normalen Familienumfeld aufwachsen und so viele Umwelteinflüsse wie möglich kennenlernen.

Führhunde müssen absolut gesund, lernfreudig, ausdauernd und nervenstark sein. Wenn sie diese Voraussetzungen erfüllen, folgt die etwa sechs bis neunmonatige Ausbildung. Dort lernen die Hunde über 40 bis 50 verschiedene Hörzeichen zu unterscheiden. Außerdem werden sie darauf trainiert, in bestimmten Situationen Entscheidungen zu treffen und auch aktiv den Gehorsam zu verweigern - etwa bei unbekannten Hindernissen.

Auch ein arbeitender Hund braucht Pflege

Ein gut ausgebildeter Führhund kostet mindestens 25.000 Euro. "Die Krankenkassen übernehmen einen großen Teil der Kosten", sagt Mario Fiedler, Geschäftsführer der Stiftung Deutsche Schule für Blindenführhunde in Berlin. Von schätzungsweise 1,2 Millionen Blinden und Sehbehinderten in Deutschland haben trotzdem nur etwa 2500 einen Blindenführhund. "Nicht jeder Mensch möchte oder kann ein Tier halten", sagt Fiedler. Ein Hund bringe nicht nur Vorteile: "Er muss versorgt, gepflegt und bei Wind und Wetter Gassi geführt werden."

Der pensionierte Celvin wird in der Familie bleiben

Wenn Celvin in Rente geht, wird sich Andreas Alexanders Frau um ihn kümmern, während der 52-jährige bei der Arbeit ist. Bis dahin bleibt der Vierbeiner sein ständiger Begleiter. "Ich persönlich könnte mich niemals dazu entscheiden, meinen Führhund in seinen letzten Jahren in andere Hände zu geben."

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Anzeige

Shopping
Shopping
„Keine Macht den Flecken“: Siemens Waschmaschinen
ab 599,- € auf OTTO.de
Meistgesuchte Themen A bis Z

Anzeige
shopping-portal
© Ströer Digital Publishing GmbH 2017