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Makuladegeneration: Stammzell-Therapie lässt Blinde sehen

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Forschung  

Alterskrankheit AMD: Stammzell-Therapie lässt Blinde sehen

16.10.2014, 12:59 Uhr | Julia Merlot, Spiegel Online

Makuladegeneration: Stammzell-Therapie lässt Blinde sehen. Embryonale Stammzellen können sich in jeden Zelltyp verwandeln. (Quelle: dpa)

Embryonale Stammzellen können sich in jeden Zelltyp verwandeln. (Quelle: dpa)

Eine Therapie mit embryonalen Stammzellen kann die bisher unheilbare Altersblindheit AMD bekämpfen. Neue Studien zeigen: Die Mehrzahl der Patienten kann heute sehen, einer reitet sogar wieder.

Eine Stammzelltransplantation hat Blinden das Augenlicht zurückgegeben, zumindest konnten die Patienten, die zum größten Teil an altersbedingter Makuladegeneration (AMD) litten, nach der Behandlung wieder deutlich besser sehen, berichten Forscher im Fachmagazin "The Lancet". Das besondere an dem Ergebnis: Bislang gibt es keine anerkannte Methode, AMD zu heilen. Nun wächst die Hoffnung.

Makuladegeneration: häufigste Erblindungsursache

In Deutschland ist altersbedingter Makuladegeneration die häufigste Erblindungsursache bei Menschen über 50 Jahren. Unter ihnen ist sie für etwa ein Drittel der Neuerblindungen verantwortlich, insgesamt sind hierzulande Schätzungen zu Folge zwei Millionen Menschen betroffen.

Durch die Augenerkrankung verlieren Zellen der Netzhaut im Punkt des schärfsten Sehens ihre Funktion. Die Umgebung erscheint zunehmend verschwommen. Sobald nur noch zwei Prozent des Sehvermögens vorhanden sind, gelten Betroffene als blind, auch wenn sie etwa Schatten noch wahrnehmen können.

Embryonale Zellen werden zu Augenzellen

Zur Behandlung griffen Steven Schwartz von der University of California in Los Angeles und Kollegen zu embryonalen Stammzellen, die von einem einen Tag alten Embryo aus einer Kinderwunschklinik stammten. Solche Zellen können sich zu allen wichtigen Körperzellen entwickeln. So entstehen aus ihnen Hautgewebe, Herzmuskeln oder, wie im aktuellen Fall, Zellen für das Auge.

Konkret programmierten die Forscher die Alleskönner so, dass aus ihnen Zellen des Pigmentepithels der Netzhaut entstanden. Diese Zellen sind bei AMD-Patienten zerstört. Beim Umprogrammieren wird das Erbgut der Stammzellen mithilfe von Chemikalien verändert. Die herangezüchteten Zellen pflanzten Schwartz und seine Kollegen schließlich bei 18 Patienten jeweils in ein Auge ein: Neun litten unter AMD und neun unter sogenanntem Morbus Stargardt, einer sehr seltenen Form der Makuladegeneration, die schon im Kindes- und Jugendalter auftritt.

Weg zurück in den Alltag

Das Sehvermögen eines 75-jährigen Farmers, der auf dem behandelten Auge blind gewesen war, habe sich so stark verbessert, dass der Mann wieder reiten könne, berichtet Robert Lanza von der Firma Advanced Cell Technology, die die Studie finanziert und die Zellen hergestellt hat. Andere Patienten seien nun in der Lage, Computer zu nutzen, Uhren zu lesen oder allein in Einkaufszentren zu gehen.

Die Studie sei demnach der erste Nachweis, dass von Embryonen entnommene und umprogrammierte Zellen beim Einsatz im Menschen über längere Zeit sicher und funktionsfähig sind, so Lanza. Die aktuelle ist die derzeit längste Studie, die den Einsatz von menschlichen embryonalen Stammzellen im Patienten verfolgt hat. Zuvor gab es Bedenken, dass die Zellen durch die genetische Umprogrammierung entarten und etwa Tumore verursachen könnten.

Verfahren wurde erstmals 2011 angewendet

Erstmals hatten Schwartz und seine Kollegen das Verfahren 2011 bei zwei Frauen mit AMD angewendet. Damals lag ihr Fokus darauf, grundsätzlich zu prüfen, ob die Zellen vom Körper der Patientinnen angenommen werden. Gleichzeitig hatten die Frauen bei dem Pilotversuch aber auch schon von Verbesserungen ihres Sehvermögens berichtet. Über die längerfristige Sicherheit konnte die Untersuchung dennoch keine Informationen liefern.

Auch wenn es bei der nun nachgelegten Studie keine Tumore waren, einige Nebenwirkungen gab es trotzdem: Bei vier Augen entstand eine Linsentrübung (grauer Star) und zwei entzündeten sich. Die Forscher führen das auf das hohe Durchschnittsalter der behandelten AMD-Patienten von 77 Jahren oder die Nebenwirkung von Medikamenten zurück, die das Immunsystem unterdrücken, damit das implantierte Gewebe nicht abgestoßen wird.

Hürden bis zur Standardtherapie

Dusko Ilic vom Kings College London, der nicht an der Arbeit beteiligt war, hält das Ergebnis dennoch für vielversprechend, stellt aber klar, dass selbst, wenn eine größere Studie, die für dieses Jahr geplant sei, Erfolg habe, es noch Jahre dauern wird, bis die Behandlung allgemein verfügbar sein wird.

Ein Hindernis bei der Weiterentwicklung der Therapie könnte auch die ethische Debatte um embryonale Stammzellen sein. Embryonen für die Forschung und später eventuell in noch größerer Zahl für den breiten Einsatz in der Therapie zu töten, ist umstritten, zumal es inzwischen vielversprechende Alternativen gibt. So lassen sich etwa ausgewachsene Körperzellen in eine Art Embryonalzustand zurückversetzen.

Im September 2014 wurde erstmals eine AMD-Patientin mit Gewebe aus solchen IPS-Zellen behandelt, die aus Hautzellen der Frau hergestellt worden waren. Besser sehen können wird die Frau nicht, doch der Versuch soll zeigen, ob das Gewebe sicher genug für den Einsatz im Menschen ist. Auch bei IPS-Zellen besteht die Sorge, dass sie im Körper von Patienten entarten- noch stärker als bei embryonalen Stammzellen.

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