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Rätselhafter Patient: Die Frau, die Drachengesichter sieht

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Ein rätselhafter Patient  

Die Frau, die Drachengesichter sieht

07.12.2014, 13:33 Uhr | Dennis Ballwieser, Spiegel Online, Spiegel Online

Rätselhafter Patient: Die Frau, die Drachengesichter sieht. Wirre Bilder im Kopf: Halluzinationen seit der Kindheit (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wirre Bilder im Kopf: Halluzinationen seit der Kindheit (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wenn die niederländische Patientin andere Menschen ansieht, verwandeln sich deren Gesichter in Drachenköpfe. Zwar kann sie Gesichter erkennen und auseinanderhalten - doch nach wenigen Minuten werden sie schwarz und ihnen wachsen lange, spitze Ohren und eine lange Schnauze. Die Haut des Gegenübers wirkt dann wie die eines Reptils, aus dem Kopf stechen große Augen in knalligem Gelb, Grün, Blau oder Rot hervor.

Solche Drachengesichter sieht die Frau zudem mehrmals täglich von den Wänden auf sich zukommen, aus Steckdosen oder von Bildschirmen. Nachts sieht sie die Drachengesichter im Dunkeln.

Im Alter von 52 Jahren ist die Frau mit ihren Kräften am Ende. Als sie den Weg in die psychiatrische Klinik Parnassia im niederländischen Den Haag findet, ist sie vollends verzweifelt. Kurz zuvor hat sie dem bekannten britisch-amerikanischen Neurologen und Buchautor Oliver Sacks eine E-Mail mit der Bitte um Hilfe geschickt - und der verweist sie an seine Kollegen in Den Haag.

Als Teenager nehmen die Probleme überhand

Die Drachengesichter kennt die Frau seit ihrer Kindheit, damals haben die Halluzinationen sie nicht weiter gestört. Erst im Jugendalter begreift sie, dass nicht alle Menschen Gesichter so wahrnehmen wie sie. Sie fühlt sich isoliert, leidet unter Depressionen und beginnt schließlich zu trinken. Trotzdem schafft sie den Schulabschluss, heiratet, bekommt eine Tochter und findet Arbeit in einer Schulverwaltung.

Doch die Halluzinationen prägen ihr Leben. Sie hat Probleme mit anderen Menschen, behält keinen Job lange. Erst als ihre Symptome immer dramatischer werden, sucht sie professionelle Hilfe. Zunächst bei einem Psychiater, der ihr Antidepressiva und Neuroleptika verschreibt, die an den Symptomen aber nichts ändern. Dann kommt der Tipp von Sacks, der sie schließlich zu Jan Dirk Blom und seinen Kollegen in Den Haag führt. Die Psychiater berichten im Fachmagazin "The Lancet" über ihre Patientin mit den als Prosopometamorphopsia bezeichneten Halluzinationen.

Die Frau wurde mit einer sogenannten Glückshaube geboren: Die Fruchtblase lag bei der Geburt über dem Kopf. Auf diesen Umstand hat die Patientin lange Zeit ihre Halluzinationen zurückgeführt; tatsächlich versteht die Frau sehr gut, dass es sich bei ihren Wahrnehmungen um Sinnestäuschungen handelt, sie selbst vermutet eine Gehirnerkrankung als Ursache.

Vielfältige Halluzinationen

Ansonsten leidet die Frau unter wiederkehrenden Kopfschmerzen, gelegentlich nimmt sie in den Augenwinkeln Bewegungen wahr, obwohl dort keine sind, manchmal sieht sie große Ameisen auf ihren Händen krabbeln. Neben einer leichten depressiven Verstimmung finden die Psychiater keine weiteren Veränderungen.

Die Blutuntersuchung ergibt keine krankhaften Ergebnisse, ebenso wenig neurologische Tests sowie ein Elektroenzephalogramm (EEG), das die elektrische Hirnaktivität misst. In der Kernspintomografie sehen die Ärzte nur kleine Veränderungen im sogenannten Marklager, das für den Informationsaustausch im Gehirn wichtig ist.

Das Erkennen von Gesichtern ist für das Gehirn kompliziert, mehrere Zentren arbeiten gleichzeitig daran. Es sind nur verhältnismäßig wenige Fälle beschrieben, berichten die niederländischen Mediziner gemeinsam mit Sacks, obwohl bereits 1947 über den ersten Fall berichtet wurde. Allerdings treten die Schwierigkeiten normalerweise nur vorübergehend auf und hängen häufig mit Krankheiten wie Epilepsie oder Migräne zusammen.

Eine neuer Ansatz

Die Ärzte gehen bei ihrer Patientin trotz des normalen EEGs von krankhafter elektrophysiologischer Aktivität in den für die Gesichtserkennung zuständigen Gehirnregionen als Ursache für die Drachengesichter aus. Sie erklären ihr die Krankheit, setzen alle Medikamente ab und probieren es mit einem Wirkstoff, der auch bei der Behandlung von Epilepsien eingesetzt wird.

Zunächst erreichen sie tatsächlich, dass die Frau erstmals in ihrem Leben an einigen Tagen keine Drachengesichter sieht, allerdings hört sie jetzt mitten im Schlaf lautes Knallen. Also ändern die Ärzte erneut das Medikament, jetzt wählen sie eine Arznei, die auch bei Demenz verwendet wird; darauf hört sie die Geräusche seltener - auch die Drachengesichter erscheinen nicht mehr so oft. Ganz verschwunden sind sie aber nicht.

Dennoch: Seit der Behandlung im Sommer 2011 arbeitet die niederländische Patienten im gleichen Job und hat deutlich weniger Probleme mit ihren Mitmenschen.

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