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Ein rätselhafter Patient: Falsch operiert

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Ein rätselhafter Patient  

Falsch operiert

07.02.2015, 17:15 Uhr | Von Dennis Ballwieser, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Falsch operiert. Wegen starker Bauchschmerzen suchte eine Patientin den Arzt auf. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wegen starker Bauchschmerzen suchte eine Patientin den Arzt auf. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine junge Frau hat Zysten in den Eierstöcken und starke Bauchschmerzen. Auf der Suche nach der Ursache entdecken die Ärzte krankhaft veränderte Hormonwerte und einen Tumor. Sie entfernen ihn - aber die Beschwerden bleiben.

Die 26-Jährige kommt in die Notaufnahme des britischen Royal Surrey County Hospitals in Guildford, weil sie Schmerzen im Unterbauch hat. Ihr Bauch ist geschwollen, sie muss sich übergeben. Die Ärzte machen sofort einen Ultraschall. Bei der Untersuchung sehen sie vergrößerte Eierstöcke mit flüssigkeitsgefüllten Blasen, sogenannten Zysten. Damit scheint die Diagnose schnell festzustehen: Eine Überstimulierung der Eierstöcke ist für die Beckenschmerzen verantwortlich. Die Patientin bekommt Flüssigkeit, Mittel gegen Übelkeit und Schmerzen, worauf es ihr rasch besser geht.

Um die Ursache für die Überstimulierung zu finden, schicken die Ärzte die Frau zu ihren Kollegen der Endokrinologie, Experten für den Hormonhaushalt des Körpers. Medikamente, die ihre Probleme erklären könnten, nimmt die junge Frau nicht; überstimulierte Eierstöcke sind meist eine Nebenwirkung einer Kinderwunschbehandlung, die bekommt die Frau allerdings gar nicht.

Den Spezialisten erzählt die Patientin, die Schmerzen habe sie bereits seit einem Jahr immer wieder gehabt. Hitzewallungen und Erbrechen kenne sie ebenfalls schon. Seitdem sie ein Jahr zuvor die Pille abgesetzt hatte, sei außerdem ihre Periode ausgeblieben. Andere Krankheiten habe sie nicht. Die körperliche Untersuchung bringt die Ärzte ebenfalls nicht weiter, alles scheint normal.

Gutartiger Tumor im Kopf

Bei der Untersuchung der Hormonmengen im Blut fällt den Medizinern um Alexander Miras vom Royal Surrey County Hospital auf, dass einige weibliche Geschlechtshormone dauerhaft erhöht sind, so etwa das sogenannte follikelstimulierende Hormon (FSH). Ein anderes dagegen, das luteinisierende Hormon (LH), ist erniedrigt. Beide Hormone werden von der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet und beeinflussen die Eierstöcke. Normalerweise verändert sich ihre Konzentration im Blut mit dem weiblichen Zyklus.

Andere Hormone aus der Hirnanhangsdrüse hingegen sind im Normalbereich. Als die Mediziner versuchen, das LH und das FSH durch Medikamentengabe steigen zu lassen, bleiben die Blutwerte gleich, berichten die Ärzte im Fachmagazin "The Lancet".

Jetzt haben die Ärzte einen konkreten Verdacht. Ein Tumor in der Hirnanhangsdrüse könnte die Hormonveränderungen erklären. Tatsächlich ergibt eine Kernspintomografie genau diesen Befund: In der Hirnanhangsdrüse wächst ein Adenom, eine gutartige Geschwulst. Behandelt wird dieser Tumor durch eine Operation, bei der er durch die Nase entfernt wird. Die Operation verläuft gut, die Frau ist von dem Tumor befreit.

Diagnose ist eine Sackgasse

Nach der erfolgreichen Operation sollte der Blutspiegel des follikelstimulierenden Hormons abfallen. Doch nach dem Eingriff bleibt der FSH-Spiegel bei der Frau unverändert hoch. Die Pathologen, die den entnommenen Tumor untersuchen, stellen fest, dass in der Geschwulst zwar Zellen für einige Hormone vorhanden sind, nicht aber solche für die bei der Frau veränderten Hormone. Die Patientin hatte also einen Tumor, der die Probleme hätte erklären können - die Diagnose ist aber eine Sackgasse, weil noch etwas anderes im Körper falsch laufen muss, das tatsächlich für die Beschwerden verantwortlich ist.

Zehn Tage nach der Operation am Gehirn wird die Patientin erneut ins Krankenhaus aufgenommen, wieder hat sie starke Bauchschmerzen und übergibt sich, ihr Säure-Basen-Haushalt ist aus dem Gleichgewicht geraten - ein Hinweis auf die Schwere der Erkrankung. In einer Computertomografie (CT) sehen die Ärzte diesmal, dass der rechte Eierstock sich gedreht hat und nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wird.

So ein Infarkt im Eierstock ist ein Notfall, die Frau muss sofort operiert werden. Außerdem fällt in der CT ein Tumor in der Bauchspeicheldrüse auf, den die Ärzte vorher noch nicht gesehen haben. Bei dem Eingriff werden der rechte Eierstock und der rechte Eileiter entfernt, außerdem müssen die Chirurgen ihr ein Stück der Bauchspeicheldrüse entnehmen und anschließend den Darm neu anschließen.

Auf Umwegen zur richtigen Ursache

Wieder untersuchen Pathologen die entnommenen Organe. Tatsächlich hat die Geschwulst in der Bauchspeicheldrüse FSH hergestellt, das eigentlich in der Hirnanhangsdrüse produziert wird.

Nach dieser zweiten Operation normalisiert sich endlich der FSH-Spiegel im Blut der Patientin, dieses Mal haben die Ärzte die tatsächliche Ursache der Beschwerden behandelt. Fünf Jahre nach der Operation, die bereits 2009 stattfand, geht es der Frau gut, schreiben ihre Ärzte im "Lancet": Es gibt keine Anzeichen für einen Rückfall.

Die Ärzte kommentieren selbstkritisch, dass sie sich von einem verhältnismäßig häufigen Tumor in der Hirnanhangsdrüse haben täuschen lassen. Allerdings ist der Tumor, der bei der Patientin die Beschwerden ausgelöst hat, sehr selten und fällt normalerweise durch andere Probleme auf, wenn er so groß geworden ist, dass er Organe in der Nähe beeinträchtigt. Die Chancen, von Anfang an die richtige Diagnose zu stellen, waren also ihrer Einschätzung nach gering.

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