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Ohr: Ärzteodyssee wegen Rötung und Schmerzen im Ohr

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Ein rätselhafter Patient  

"Red Ear Syndrome" stellt Ärzte vor Herausforderung

07.03.2015, 12:17 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Ohr: Ärzteodyssee wegen Rötung und Schmerzen im Ohr . Normale Hautfarbe und plötzliche Rötung: Warum wird das Ohr der 22-jährigen Patientin  immer wieder rot?  (Quelle: Journal of Medical Case Reports)

Normale Hautfarbe und plötzliche Rötung: Warum wird das Ohr der 22-jährigen Patientin immer wieder rot? (Quelle: Journal of Medical Case Reports)

Eine junge Frau klagt über anfallartige Rötung und Schmerzen im rechten Ohr. Selbst Spezialisten können die Ursache nicht finden. Am Ende hilft das Tagebuch der Patientin.

Als die 22-Jährige Rat sucht im Royal National Throat, Nose and Ear Hospital, einem Hals-Nasen-Ohren-Krankenhaus in London, klagt sie über ungewöhnliche Beschwerden: Immer wieder werde ihr rechtes Ohr rot. Dabei strahle ein heftiger Schmerz vom Ohr aus bis zur Schläfe und zum Kiefergelenk. Das ganze dauere eine Stunde und sei sowohl mit einer Hörminderung als auch mit einer schmerzhaften Geräuschempfindlichkeit verbunden.

Die junge Frau ist verzweifelt. Die Beschwerden beunruhigen sie sehr, sie ist viel müder als normalerweise und hat oft Kopfschmerzen. Seit drei Monaten schon hat sie die Probleme, aber weder Hausarzt noch Ärzte in verschiedenen Notaufnahmen oder Spezialambulanzen für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen haben die Ursache dafür finden können.

Tinnitus und Geräuschempfindlichkeit

Schon vor fünf Jahren hatte die Patientin mit Beschwerden im rechten Ohr zu kämpfen. Damals hatte sie sechs Monate lang einen rechtsseitigen Tinnitus und nahm Geräusche bereits als störend und schmerzhaft wahr, wenn andere die Geräuschkulisse völlig normal fanden. Verschiedene Maßnahmen wie Hörrehabilitation, Stressmanagement, Ablenkung, neue Kommunikationstaktiken und Entspannungstechniken hatten ihr in der Folge geholfen und die Beschwerden waren verschwunden.

Jetzt entdecken die Ärzte bei der körperlichen Untersuchung nichts Auffälliges, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Das rechte Ohr hat die gleiche Hautfarbe wie das linke, die Lymphknoten sind nicht geschwollen, einen Anhalt für eine Infektion gibt es nicht. Auch das Trommelfell sieht normal und reizlos aus. Die Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten machen Hörtests, überprüfen den Gleichgewichtssinn der Patientin, der unter anderem im Innenohr gesteuert wird, und untersuchen die Funktion des Mittelohrs sowie der Hörbahn im Gehirn.

Untersuchungen und Bluttests ergeben nichts

Alles ist unauffällig. Die Blutwerte sind normal und auch auf den Kernspin-Aufnahmen des Kopfes entdecken die Mediziner keine krankhaften Veränderungen, die für einen Tumor, eine Entzündung, Blutungen oder Fehlbildungen sprechen könnten.

Nachdem die Ärzte auch andere Krankheiten der Haut, des Halses oder auch der Zähne ausgeschlossen haben, geben sie den Beschwerden der Frau einen Namen: Sie leide an RES, dem Red-Ear-Syndrome (übersetzt Rote-Ohren-Syndrom), so die Diagnose. Der Name macht deutlich, dass Ärzte selbst nicht genau wissen, wie und warum die Rötung und die Schmerzen entstehen - sie können bis heute nur beschreiben, was sie sehen.

"Red Ear Syndrome": Spekulationen über die Ursachen

Die Autoren des Fallberichts haben in der Literatur rund hundert Fälle von RES gefunden und diese ausgewertet. Demnach berichteten viele der Patienten, dass die Rötung und der Schmerz meist anfallartig auftraten. Ein Teil von ihnen litt gleichzeitig unter Migräne - so auch die Patientin. Bei einer Reihe von Betroffenen ließ sich die Rötung durch Hitze, Berührungen, Kopfbewegungen, Niesen, Husten, Kauen oder Haarebürsten auslösen. Bei vielen spielte Stress eine wichtige Rolle.

Über die Ursache wird spekuliert. Während die einen von einer Störung im Bereich der Halsnervenwurzeln ausgehen, vermuten andere Läsionen in bestimmten Hirnnerven oder dem autonomen Nervengeflecht (Sympathikus und Parasympathikus). Ähnlich unterschiedlich wie die Erklärungsversuche waren auch die Therapieansätze: Einigen Betroffenen halfen Kühlkissen, anderen Schmerzmittel. Auch Migränemedikamente, Blutdrucksenker und Antidepressiva kamen zum Einsatz. Das macht deutlich, dass Ergebnisse von Fallberichten zwar nicht direkt auf andere Patienten angewendet werden, aber doch einen wichtigen Anstoß bei der Therapiefindung liefern können.

Was hat Orangensaft damit zu tun?

Für die Patientin sind zwei Punkte entscheidend: Die Ärzte können ihr versichern, dass sie keine bedrohliche Krankheit hat und nehmen ihr damit einen wichtigen Teil ihrer Sorgen. Außerdem beraten sie die Frau umfassend zu Verhaltensänderungen, die sie ausprobieren soll: Sie solle ihren Koffeinkonsum einschränken, regelmäßig und ausreichend trinken, Stress reduzieren und sich mehr bewegen. Zudem bitten sie die Frau, ein Tagebuch über ihren Schmerz führen, um so bestimmte Trigger zu identifizieren, die die Ohrrötung auslösen.

Der Versuch gelingt: Die Dokumentation offenbart, dass ihre Beschwerden insbesondere dann auftreten, wenn sie Orangensaft trinkt. Als sie ihn weglässt, treten die Anfälle seltener auf. Ob der Saft deswegen tatsächlich ursächlich ist, ist damit zwar nicht bewiesen, aber die Frau hat verschiedene Ansätze ausprobiert gegen den die Symptome. Vier Monate später sind die Schmerzen weg und das Ohr rötet sich deutlich seltener. Damit kann die Patientin gut leben.

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