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Stickige Luft macht müde - Mythos oder Medizin?

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Mythos oder Medizin  

Macht stickige Luft wirklich müde?

02.04.2015, 11:40 Uhr | Julia Merlot, Spiegel Online

Stickige Luft macht müde - Mythos oder Medizin?. Stickige Luft im Büro macht müde - oder liegt es doch an der eintönigen Arbeit? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Stickige Luft im Büro macht müde - oder liegt es doch an der eintönigen Arbeit? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Viele Menschen auf engstem Raum, die Heizung pollert - kein Wunder, wenn es irgendwann stickig wird. Also Fenster auf, Sauerstoff rein. Aber bringt man das Hirn so wirklich auf Touren?

Fast niemand mag sie, aber alle sitzen irgendwann drin: Besprechungszimmer und Klassenräume gehören zu den unbeliebteren Orten des Alltags. Das liegt nicht selten an den teils einschläfernden Vorträgen, die dort zu hören sind. Gähnt der Erste, wird das aber gern auf etwas anderes geschoben: den Sauerstoffmangel. Zu recht?

Sauerstoffmangel merkt man vor allem in der Höhe

Fest steht, dass ohne Sauerstoff in unserem Körper gar nichts läuft. Er ist der Treibstoff, mit dem Zellen aus Fetten, Kohlenhydraten und Eiweißen Energie gewinnen. Das Gehirn ist besonders auf Sauerstoff angewiesen. Obwohl es nur etwa zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, braucht es 20 Prozent der Energie. Bekommt es keinen Sauerstoff, werden wir bereits nach etwa zwölf Sekunden bewusstlos, nach drei bis sechs Minuten sterben die ersten Nervenzellen ab.

Dass eine deutlich verringerte Sauerstoffzufuhr dem Organismus zusetzt, kennt man auch vom Wandern in hohen Bergen. Mit jedem Schritt wird die Luft dünner. "Auf 1000 Metern merkt man davon noch nichts", erklärt Joachim Ficker, Pneumologe und Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Klinikum Nürnberg. "Auf richtig großer Höhe, so ab 4000 Metern, kann sich der Sauerstoffmangel dann aber schon auf die Konzentration auswirken."

Sauerstoffgehalt sinkt in geschlossenen Räumen nicht so stark

Direkt auf den Mief im Büro lässt sich das allerdings nicht übertragen: "In geschlossenen Räumen spielt der sinkende Sauerstoffgehalt keine Rolle", so der Experte. Trotzdem sind nicht nur langweilige Vorträge an der Müdigkeit schuld. Statt eines Sauerstoffmangels erschwert der steigende Kohlendioxid-Gehalt das Denken. Das liegt am unterschiedlichen Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Luft, die wir ein- und ausatmen.

Frische Luft enthält etwa 21 Prozent Sauerstoff, aber nur 0,04 Prozent Kohlendioxid (CO2). Dagegen atmen wir Luft mit 16 Prozent Sauerstoff, aber schon 4 Prozent Kohlendioxid aus. Der Sauerstoffgehalt der Atemluft wird zwischen Ein- und Ausatmen also nicht mal halbiert, während sich der CO2-Anteil verhundertfacht.

Vier Stunden bis zum Delirium

Nun kann man ausrechnen, was das für die Luft im Büro bedeutet: In einem 30 Quadratmeter großen Raum (Deckenhöhe 2,50 Meter), in dem zehn Menschen sitzen, findet man nach einer Stunde grob überschlagen 20,7 Prozent Sauerstoff. Der Kohlendioxidgehalt ist bis dahin auf 0,3 Prozent gestiegen, wenn jeder acht Liter Luft pro Minute ein- und ausatmet.

Zum Vergleich: Bis zu einem Gehalt von 18 Prozent gilt die Sauerstoffkonzentration als unproblematisch, ein CO2-Gehalt von einem Prozent kann dagegen schon Kopfschmerzen und Unwohlsein verursachen. In unserem Beispiel wäre diese Grenze nach etwa vier Stunden überschritten. Der Sauerstoffgehalt läge dann immer noch bei 19,7 Prozent.

Teufelskreis mit Kohlendioxid

"Ab welcher Menge sich Kohlendioxid genau auf das Wohlbefinden auswirkt, ist individuell unterschiedlich", sagt Ficker. "Sobald es soweit ist, wird man müde, schläft bei höheren Konzentrationen ein und fällt irgendwann sogar ins Koma." Steigt der CO2-Gehalt im Blut, öffnen sich die Gefäße, um möglichst viel Sauerstoff abzubekommen. Der Blutdruck sinkt, auch dadurch fühlen wir uns schlapp.

Außerdem kommt im muffigen Raum ein Mechanismus in die Quere, der eigentlich sicherstellen soll, dass wir Kohlendioxid loswerden: Steigt der CO2-Gehalt im Blut, atmen wir schneller. "In einem Raum, in dem sich bereits viel Kohlendioxid angesammelt hat, ist das kontraproduktiv", erklärt Hubert Hautmann, Oberarzt der Abteilung für Lungenerkrankungen am Klinikum rechts der Isar. Statt Kohlendioxid abzuatmen, gelangt mit jedem Atemzug mehr CO2 in den Körper.

Öfter mal bewegen

"Es muss aber nicht zwingend der CO2-Gehalt sein, der uns am Schreibtisch müde macht", erklärt Ficker. Langes Rumsitzen im Büro trage beispielsweise auch dazu bei. Bewegung könne munter machen. Zudem wirken sich Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit auf das Wohlbefinden aus.

Ist die Luft zu warm und zu trocken (optimal sind 20 bis 23 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent), verliert der Körper viel Flüssigkeit über Haut und Atem. Dadurch wird das Gehirn schlechter durchblutet, bekommt weniger Sauerstoff - und wir werden müde.

Somit hat die Fenster-auf-Methode gleich mehrere Vorteile: Der Kohlendioxidgehalt in der Luft sinkt, wir bewegen uns zumindest kurz, um zum Fenster zu laufen, und tauschen im Winter warme, trockene Heizungsluft gegen eine erfrischende Brise.

Fazit: Mit einem etwas verringerten Sauerstoffgehalt in der Luft kommt der Körper gut zurecht. Lüften ist dennoch sinnvoll, um Kohlendioxid loszuwerden, sich kurz zu bewegen und kühle Luft reinzulassen; und es geht leichter, als den langweiligen Vorträgen vom Chef zu entfliehen.

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