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Zweifel an der Qualität medizinischer Studien

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Forscher prangern an  

Schlamperei bei medizinischen Studien

04.01.2016, 12:15 Uhr | dpa

Zweifel an der Qualität medizinischer Studien. Experten zweifeln an der Qualität medizinischer Studien. (Quelle: dpa)

Experten zweifeln an der Qualität medizinischer Studien. (Quelle: dpa)

Nach wie vor wird in der medizinischen Forschung auch auf Tierversuche gesetzt. Ein Forscher aber sagt nun, dass diese Methoden oft massive methodische Mängel aufweisen. Immerhin geschehe das nicht aus unlauteren Absichten.

Viele medizinische Grundlagenstudien sind mangelhaft und können kaum überprüft werden. Zu diesem Urteil kommen zwei Untersuchungen aus Deutschland und den USA, die im Fachblatt "PLOS Biology" veröffentlicht wurden. Als Gründe für die zum Teil erschreckend dürftige Qualität sehen Experten weniger betrügerische Absichten. Viel mehr seien es grundlegende Fehler des wissenschaftlichen Systems sowie "Wunschdenken" der beteiligten Forscher.

Experten kritisieren mangelnde Transparenz

Die beiden Untersuchungen fallen in eine Zeit, in der sich mehr und mehr Experten über mangelnde Transparenz und Qualitätssicherung von Studien beklagen. So wurde etwa im vergangenen August das Fazit eines internationalen Großprojekts im Fachjournal "Science" publiziert, wonach sich die meisten Ergebnisse aus psychologischen Studien nicht bestätigen lassen.

Die Zweifel, die diese Analyse am Wissenschaftsbetrieb insgesamt weckte, werden durch die beiden neuen Untersuchungen nun noch weiter angefacht. So überprüften Forscher um Constance Holman und Ulrich Dirnagl vom Uniklinikum Charité in Berlin Hunderte Schlaganfall- und Krebsstudien und konzentrierten sich insbesondere auf die dabei verwendeten Versuchstiere. In der Mehrzahl der Artikel wurde die Zahl der Ratten und Mäuse falsch angegeben.

Versuchstiere verschwanden

Noch erstaunlicher sei, dass bei vielen Studien Versuchstiere über die Dauer der Experimente "verschwanden". Das Team versuchte nun, die Gründe für dieses Verschwinden zu rekonstruieren. "Der Verdacht liegt nahe, dass Tiere aus den Versuchen herausgenommen werden, wenn sie etwa eine besonders schwere Krankheitsausprägung zeigen", sagt Schlaganfallforscher Dirnagl.

Das Problem: Mit der Herausnahme gehe das Tier auch nicht mehr in die Analyse ein, das Studienergebnis werde somit verfälscht. "Für mich ein typischer Fall von Bias", erklärt er. Unter Bias werde hier der Wunsch des Wissenschaftlers verstanden, dass seine Substanz wirke. Es gehe also nicht um bewusst betrügerische Absichten, sondern vielmehr um "Wunschdenken".

Zu geringe Gruppengrößen bei Versuchen

Ein weiteres Problem sei die oft zu geringe Gruppengröße in der medizinischen Grundlagenforschung, die im Mittel gerade einmal acht Tiere betrage. "Nehmen Sie dann ein Tier aus dem Versuch heraus, dann kommt das Ergebnis Würfeln gleich", betont der Neurologe.

Es geht anders und besser

Wie es auch anders geht, macht die klinische Forschung bereits seit Jahren vor. Hier gelten strenge Standards für die Anzahl von untersuchten Patienten und deren etwaige Herausnahme aus einem Versuch, die etwa im sogenannten Consort-Statement festgehalten sind. Vor einer Veröffentlichung in einem renommierten Fachblatt werde dieses Statement von den Autoren abgefragt, erläutert Dirnagl, der sich ähnliche Standards für die Grundlagenforschung wünscht.

So sollte im Methodenteil von Studien exakt beschrieben werden, wie viele Tiere Teil des Versuchs waren und unter welchen Kriterien Tiere herausgenommen wurden. Zudem sollten die Experimente verblindet erfolgen, also ohne dass die beteiligten Forscher wüssten, welche Tiere behandelt wurden und welche zur Kontrollgruppe gehörten. Eine weitere Möglichkeit sei die vorherige Registrierung von Studien, bei denen Wissenschaftler ihr Forschungsvorhaben und dessen Ziele vorab beschrieben.

Erkenntnisse sind nur die Spitze des Eisbergs

Laut Dirnagl zeigt der Artikel seines Teams nur die Spitze des Eisbergs: "Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Untersuchungen, die belegen, dass Qualitätsprobleme in allen biomedizinischen Feldern bestehen."

Diese pessimistische Einschätzung wird durch die zweite in "PLOS Biology" veröffentlichte Studie noch gestützt: Forscher der US-Universitäten Emory und Stanford prüften die Reproduzierbarkeit und Transparenz von 441 Studien, die von 2000 bis 2014 Eingang in die biomedizinische Datenbank PubMed fanden. Ergebnis: Die meisten Studien gaben weder Rohdaten noch vollständige Versuchsprotokolle an und verschwiegen, ob jemand die Arbeit finanziert hatte oder ob mögliche Interessenkonflikte bestanden.

Fehlende Daten erschüttern Glaubwürdigkeit

Befunde wie jene erschüttern die Glaubwürdigkeit der medizinischen Grundlagenforschung. Laut Dirnagl zeigen sie jedoch auch eine Ressourcenverschwendung im Wissenschaftsbetrieb, unter der auch der Steuerzahler leide. Hier seien Veränderungen bei Universitäten, Förderorganisationen und Institutionen gefragt. "Wissenschaftliche Karrieren werden derzeit gemacht, wenn Sie etwas Neues, Spektakuläres finden. Das ist der Weg, um Professor zu werden", bilanziert Dirnagl. Es spiele dagegen keine Rolle, ob man seine Fallzahlen genau angebe oder neutrale Ergebnisse produziere.

Daher sollten bei der Berufung von Professoren in Zukunft zusätzliche Kriterien gelten, fordert der Neurologe. Zudem sollte die Qualitätssicherung von wissenschaftlicher Arbeit auch Teil der Ausbildung sein. Aber auch die Journale müssten strengere Standards für die Veröffentlichung von Artikeln durchsetzen. "PLOS Biology" will nun mit einer neuen Abteilung datenbasierte Meta-Forschung voranbringen. "Somit unterstreichen wir, dass Forschung über Forschung ein wichtiges Gebiet der Wissenschaft ist", erklärt "PLOS-Biology"-Redakteurin Stavroula Kousta in einer Mitteilung.

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