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Gefährliches Projektil im Kopf

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Ein rätselhafter Patient  

Explosionsgefahr im Schädel

09.03.2016, 17:34 Uhr | Nina Weber, Spiegel Online

Gefährliches Projektil im Kopf . Aus Angst, das Geschoss im Kopf der Patientin könnte explodieren, trugen die Ärzte bei der OP Schutzwesten. (Quelle: American Association of Neurological Surgeons)

Aus Angst, das Geschoss im Kopf der Patientin könnte explodieren, trugen die Ärzte bei der OP Schutzwesten. (Quelle: American Association of Neurological Surgeons)

Normalerweise sind Operationen nur für die Patienten riskant. Doch als eine junge Afghanin mit einem Projektil im Kopf Hilfe sucht, fragen sich die Ärzte: Könnte das Geschoss explodieren?

Die afghanische Frau ist 23 Jahre alt, schwanger – und hat ein Geschoss im Kopf. Es ist von schräg unten eingedrungen und ragt durch die Nasennebenhöhle im Oberkiefer bis in das sogenannte Siebbein, das im Inneren des Kopfes die Schädelbasis mitbildet. Das zeigen erste Röntgenbilder und Computertomografie-Aufnahmen (CT). Die Patientin berichtet, es sei ein Querschläger gewesen, der zuvor von einer Oberfläche abgeprallt sei. Passiert sei das in ihrem Heimatort, einem kleinen Dorf in der Nähe.

US-Ärzte behandeln die junge Frau

Ein Team von US-Ärzten kümmert sich im Rahmen des Einsatzes "Operation Enduring Freedom" in Afghanistan um die junge Patientin. Sie berichten im "Journal of Neurosurgery" , die Frau sei in einem stabilen Zustand. Allerdings ist sie aufgrund des Vorfalls auf dem linken Auge blind.

Das Projektil misst rund 1,2 Zentimeter im Durchmesser und ist etwa fünf Zentimeter lang, wie die Ärzte anhand der Röntgenbilder erkennen. Sie fragen sich, was für eine Art von Geschoss im Kopf der Patientin steckt. Das Team um Jonathan Forbes vom David Grant Medical Center in Davis, Kalifornien, befürchtet: Möglicherweise ist es ein Blindgänger, der Sprengstoff enthält und noch explodieren könnte. Daher ziehen sie Experten der Kampfmittelbeseitigung zurate.

Projektil-Vergleich im CT

Die Maße entsprechen am ehesten einem Geschoss vom Kaliber .50. Die Maßzahl steht für 0,5 Zoll, was 1,27 Zentimetern entspricht; Kaliber ist die übliche Maßangabe für den Durchmesser eines Projektils. Vor der Operation erstellen die Mediziner ein CT-Bild von vier verschiedenen Munitionstypen, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, was für ein Projektil im Kopf der Patientin steckt. Auf der Aufnahme vergleichen sie zwei Varianten, bei denen Explosionsgefahr droht, mit zwei anderen, bei denen dies nicht der Fall ist.

Ihr Fazit: Erkennt man im CT ungewöhnliche Dichteschwankungen in der Spitze oder einen Hohlraum an dessen Basis, sollte man annehmen, dass das Geschoss explodieren könnte. Außerdem sollte man bei jedem Projektil mit einem Durchmesser über 7,6 Millimetern annehmen, dass es Sprengstoff enthalte, bis das Gegenteil bewiesen sei.

Kampfmittelbeseitigung und Ärzte schätzen anhand der erstellten Röntgenbilder zwar das Risiko als gering ein, dass es sich um ein Explosivgeschoss handelt. Sie greifen dennoch zu entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen.

Mit Schutzweste im OP

Das medizinische Personal trägt beim Eingriff Schutzwesten und -helme. Sie verzichten im ersten Teil der OP auf den Einsatz eines Elektrokauters, mit dem sonst Gewebe geschnitten wird, weil Strom den potenziellen Blindgänger explodieren lassen könnte. Aus demselben Grund wird die Patientin während des Eingriffs geerdet, damit sich keine statische Elektrizität ansammelt.

Beatmet wird die Frau direkt über einen Zugang am Kehlkopf. Das eingesetzte Gasgemisch enthält aufgrund des Explosionsrisikos einen relativ geringen Sauerstoffanteil.

Die Ärzte entscheiden sich, über einen Schnitt im Mundraum an das Projektil zu gelangen, anstatt die Eintrittswunde zu vergrößern. Vor dem Entfernen überprüfen sie mittels Endoskop noch einmal, wie das Geschoss genau aussieht. Anschließend löst der Chirurg die Spitze so sanft wie möglich vom Knochen und zieht das Projektil heraus.

Den zweiten Teil der OP führen die Ärzte ohne Schutzwesten und -helme aus. Nun können sie sich voll darauf konzentrieren, die Verletzung der Frau zu versorgen. Die Schädelbasis und die Hirnhaut wurden verletzt, sodass Hirnflüssigkeit austritt. Die Chirurgen entscheiden sich für eine schnelle Lösung, weil sie die Frau wegen ihres ungeborenen Kindes möglichst kurz unter Narkose halten wollen. Mithilfe eines speziellen Schaums und sogenannter azellulärer Dermis, einem speziellen Haut-Transplantat, verschließen sie die Lücke.

OP war erfolgreich

An den zwei Tagen nach dem Eingriff hat die Frau mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen, was ihre Genesung beeinträchtigt. Am fünften Tag nach der OP kann sie schließlich entlassen werden. Alles spricht dafür, dass keine Hirnflüssigkeit mehr durch die Nase austritt.

Auch bei einem Kontrolltermin, der zwei Wochen nach dem Eingriff stattfindet, berichtet die Patientin, dass weiterhin keine Hirnflüssigkeit ausgetreten sei. Sie leidet allerdings unter Schmerzen in der betroffenen Gesichtshälfte, und ihr Augenlicht auf der linken Seite ist nicht zurückgekehrt. 

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