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Experte zum Orlando-Attentäter: Kampf gegen das "Übel" in einem selbst

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Experte zum Orlando-Attentäter  

Kampf gegen das "Übel" in einem selbst

15.06.2016, 23:04 Uhr | Andrea Goesch, t-online.de

Experte zum Orlando-Attentäter: Kampf gegen das "Übel" in einem selbst. Omar Marteen erschoss in einem Schwulenclub in Orlando 49 Menschen und verletzte 50. Über die Motive der schrecklichen Tat rätseln Ermittler und Psychologen.  (Quelle: AP/dpa)

Omar Marteen erschoss in einem Schwulenclub in Orlando 49 Menschen und verletzte 50. Über die Motive der schrecklichen Tat rätseln Ermittler und Psychologen. (Quelle: AP/dpa)

Er galt als psychisch labil und unberechenbar: Omar Mateen, der Täter des Massakers in einem Schwulenclub in Orlando, war den Behörden bereits vor seiner Tat bekannt. Über seine Motive wird nach wie vor gerätselt. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass der grausamen Tat ein seelischer Konflikt über die eigene Sexualität zugrunde lag.

Im Interview mit t-online.de erklärt Hans-Georg Voß, Leiter der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie und Gerichtsgutachten in Riedstadt, welche Faktoren hier eine Rolle gespielt haben könnten. 

t-online.de: Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass der Todesschütze selbst homosexuell war. Er besuchte den Nachtclub "Pulse" in Orlando seit drei Jahren und soll über einschlägige Handy-Apps Kontakte zu anderen Männern gesucht haben. Gleichzeitig bekannte er sich als "Schwulenhasser" Wie passt das zusammen? 

Voß: Die homophile Neigung des Täters stellt nur auf den ersten Blick einen Widerspruch zu seiner erklärten Abneigung gegen Homosexuelle dar. Dahinter steckt eine innere Abwehrhaltung. Man verabscheut das "Übel", das in einem selber steckt. Möglicherweise hat sich dieser Selbsthass, der nicht verarbeitet wurde, in der Bluttat entladen. 

Seddique Mateen, der Vater des Todesschützen, betont in einem Interview mit NBC News, dass sein Sohn kein Homosexueller sei und er Selbsthass als Tatmotiv ausschließe. In einem Facebook-Video sagt er weiter, dass Gott diejenigen bestrafen würde, die homosexuell seien. 

Wenn auch im Elternhaus die Abneigung gegen Homosexuelle ausgeprägt war, stand der Täter unter starkem Druck und hatte kaum eine Chance, sich frei zu "outen". In solchen Situationen werden Verdrängungsmechanismen in Gang gesetzt. Ein Konfliktpotenzial baut sich auf. Irgendwann wird die Spannung dann immer größer und entlädt sich. 

Der Attentäter war bereits das zweite Mal verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Allerdings äußert sich seine Ehefrau nicht darüber, wie das Familienleben tatsächlich aussah. Mateens erste Frau schildert ihren Ex-Mann jedoch als gewalttätig und aggressiv. Sie berichtet, er habe sie geschlagen.

Möglicherweise war die Ehe nur eine Fassade. Allerdings müsste man mehr Informationen zur Biografie haben, um sich ein detailliertes Bild zu machen. Ein hohes Gewaltpotenzial ist allerdings typisch für die Persönlichkeit von Massenmördern und Amokläufern. 

Scheint also so, dass Mateen über Jahre hinweg ein Doppelleben geführt und sich hinter einer bürgerlichen Fassade versteckt hat. Seine Probleme mit der eigenen sexuellen Identität mögen hier eine wichtige Rolle gespielt haben. Doch reicht das allein aus, um eine so schreckliche Bluttat zu begehen?

Sicherlich nicht. Bei so einer extremen Gewalttat kommen immer mehrere Faktoren zusammen. Neben dem Selbsthass und der Biografie spielt auch die Disposition der Persönlichkeit eine wichtige Rolle sowie die generelle Bereitschaft zu Gewalt. Psychische Kontrollmechanismen haben bei Mateen nicht gegriffen. Wahrscheinlich war der Täter auch vereinsamt und es mangelte an Unterstützung in seinem direktem Umfeld. Das ist allerdings nur schwer in einer Ferndiagnose zu sagen. 

Aus dem Familienkreis des Täters wird auch berichtet, dass dieser von den Anschlägen des 11. Septembers fasziniert gewesen war und die Todespiloten bewundert habe. 

Todessehnsucht im Zusammenhang mit den Anschlägen auf das World Trade Center oder anderen Gewaltereignissen ist ein Thema, das Psychologen bereits bekannt ist. Dahinter steckt das romantische Bild, als Heroe unterzugehen. Bei einem Amoklauf kommt dann meist der Wunsch hinzu, mit einer "großen Tat" der Menschheit in Erinnerung zu bleiben.

Bevor der Attentäter auf seine Geiseln schoss, verkündete er in einem Telefongespräch mit der Polizei seine Treue zum Islamischen Staat. Familienmitglieder des Attentäters sagen jedoch, er sei kein religiöser Extremist gewesen. Auch der FBI-Direktor James Comey sagt: "Es sieht so aus, als hätte sich Mateen im letzten Moment zum IS bekannt". 

Möglicherweise ist das Bekenntnis des Täters nicht reflektiert, sondern nur eine Rechtfertigung für eine Tat, deren Ursachen woanders liegen. Es wäre denkbar, dass Mateen so von seiner homophilen Neigung ablenken wollte. Menschen streben im allgemeinen nach "Sinnkoherenz". Wenn es einem Täter aus psychologischen Gründen verwehrt ist, die "wahren" Motive seines Handelns kundzutun, bedient er sich anderer Vorlagen - hier des Terrorismus des IS. Er tut das, um seiner Tat "Sinn" zu verleihen.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Das Interview  führte Andrea Goesch

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