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Alzheimer: Demenzkranke aus Europa werden in Thailand betreut

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Export von Pflegebedürftigen?  

Demenzkranke aus Europa werden in Thailand betreut

15.09.2016, 11:30 Uhr | Christiane Oelrich, dpa

Alzheimer: Demenzkranke aus Europa werden in Thailand betreut. Demenz: Die Betreuerin Benny kümmert sich in einer Einrichtung für Demenzkranke in Faham in Thailand um einem Gast.  (Quelle: dpa/Christiane Oelrich)

Die Betreuerin Benny kümmert sich in einer Einrichtung für Demenzkranke in Faham in Thailand um einem Gast. (Quelle: Christiane Oelrich/dpa)

Ist es herzlos, den Opa mit Alzheimer zur Betreuung nach Thailand umzusiedeln? Kritiker nennen das "Export von Pflegebedürftigen". Oder bekommen Demenzkranke dort mehr Zuwendung und Lebensqualität als in hiesigen Pflegeheimen? Eindrücke aus einer Pflegeeinrichtung in Thailand.

"In guten wie in schlechten Zeiten" – nach mehr als 40 Jahren Ehe stand es für die Schweizerin Christine Sugasi (66) außer Frage, dass sie sich selbst um ihren Mann kümmern würde, als der die Diagnose Alzheimer erhielt. "Ich bin früher in Rente gegangen, und anfangs ging es, aber nicht lange", erzählt sie Frau.

Ihr Mann hatte extreme Stimmungsschwankungen und wurde unberechenbar. Sie schaute sich Heime an. "Aber es war für mich undenkbar, dass er weggeschlossen wird". Ihr Mann, der die Natur so liebte. Seit Dezember 2014 lebt er im Dörfchen Faham 20 Kilometer nördlich von Chiang Mai in Nordthailand und ist die meiste Zeit des Tages an der frischen Luft. "Er sieht glücklich aus", sagt Sugasi.

Drei Betreuer pro Patient – in Deutschland unbezahlbar

Ihr 77 Jahre alter Mann ist Gast bei Martin Woodtli. Der Sozialarbeiter aus der Schweiz hat mit Kamlangchay eine Einrichtung für gut ein Dutzend Langzeitgäste in verschiedenen Demenzstadien geschaffen, die er mit mehr als 40 Mitarbeitern betreut. Er startete vor zwölf Jahren, nachdem er selbst mit seiner demenzkranken Mutter nach Thailand ausgewandert war. Er kannte das Land von einem früheren Arbeitsaufenthalt und fand die Betreuung für seine Mutter sehr gut.

Jeder Alzheimer-Patient hat drei persönliche Betreuerinnen und damit rund um die Uhr jemanden an seiner Seite. In Thailand ist das bezahlbar. Die Frauen und ein paar Männer haben eine mehrmonatige Ausbildung als Pflegehelfer absolviert. Aber vor allem haben sie viel Geduld. Spazierengehen, Schwimmen, Ballspielen, in den Arm nehmen – sie machen, was dem Gast gefällt.

Ohne Angehörige in fremder Umgebung – kann das gut sein?

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft betrachtet Betreuungsmodelle im Ausland mit gemischten Gefühlen. Je nach Stadium der Demenz könne es in Einzelfällen funktionieren, sagt Mitarbeiterin Susanna Saxl. Aber für viele Menschen dürften die fremde Umgebung, die Sprache und das Fehlen der Familie problematisch sein. "Die Angehörigen sind ein so wichtiger Faktor für Demenzkranke", sagt sie. "Auch, wenn sie nicht mehr sprechen, sie haben ein gutes Gespür dafür, wie ihnen Menschen gegenübertreten, wie viel Nähe da ist."

Weil der Mann von Christine Sugasi meist vornübergebeugt sitzt und nach unten blickt, zieht seine Betreuerin Benny ein winziges Stühlchen heran und setzt sich, um möglichst in seinem Blickfeld zu sein. Sie spricht mit ihm englisch. "Sehr nett, Sie kennenzulernen", sagt er zu ihr. "Er kann auch sehr aufgebracht sein, dann sieht er sich auf seiner alten Arbeitsstelle und will nicht gestört werden", sagt die 39-jährige Benny. "Wir lassen ihn dann, nach ein paar Minuten ist wieder alles gut."

Zahl der Demenzkranken steigt rasant

Fast 47 Millionen Menschen weltweit leben mit Demenz, schreibt der Dachverband der Alzheimer-Gesellschaften im Welt-Alzheimer-Bericht 2015. Mit wachsender Lebenserwartung steigen die Zahlen rasant: In 20 Jahren seien es wohl fast doppelt so viele. Das Thema betrifft immer mehr Menschen. Am 21. September ist Welt-Alzheimer-Tag, dann wird in vielen Städten unter dem Motto "Jung und Alt bewegt Demenz" über die Erkrankung informiert. Auch über Betreuungsmöglichkeiten für Kranke.

"In Thailand ist er richtig aufgeblüht"

Marco und Pascal Kühnis wussten vor fünf Jahren, dass ihr Vater, damals gerade 56, nicht mehr lange allein leben können wird. Er hatte eine Alzheimer-Diagnose bekommen. Sie suchten in der Nähe von Zürich ein Heim und wollten ihm vorher noch einmal einen Urlaub gönnen. In Thailand. So kamen sie auf Woodtli. Ihr Vater war drei Wochen dort und wollte dann gar nicht wieder weg. "Zuhause saß er nur noch rum, wollte kaum raus, aber hier ist er richtig aufgeblüht", sagt Pascal.

Als sie zurück in der Schweiz waren, entschieden sie: Vater geht nach Thailand. "Anfangs haben wir noch gesagt: Sollte er körperlich krank werden, kommt er sofort zurück", sagt Marco. Aber sie sind inzwischen begeistert von der Pflege in Thailand. "Die Distanz tut natürlich weh", sagt Marco. "Aber wir kommen einmal im Jahr, und dann sind wir zwei Wochen hier, das ist intensiver als würden wir den Vater einmal die Woche kurz in einem Heim in der Schweiz besuchen."

Kritiker missbilligen "Export von Pflegebedürftigen"

"Export von Pflegebedürftigen", nennen das böse Zungen. Woodtli erlebt aber keine Abschiebementalität. "Die Angehörigen sind höchst engagiert." Viele skypen mit den Gästen und kommen regelmäßig zu Besuch. Sugasi ist nach Chiang Mai gezogen, um näher bei ihrem Mann zu sein.

Einheimische zeigen Respekt vor dem Alter

Woodtlis Patienten leben jeweils zu zweit in einem kleinen Haus im Dorf. Jeder hat sein eigenes Zimmer. Familienfotos, Föhn und Creme liegen auf einem Nachttischchen. Wer kann, läuft mit der Betreuerin zu den Mahlzeiten - meist Schweizer Küche. Die anderen werden im Rollstuhl geschoben. Es gibt Massagen, Ausflüge zum Zoo, ins Restaurant, und täglich frisches Tropenobst am Swimming Pool. Seine Gäste fühlten sich nicht entwurzelt, ist Woodtli überzeugt. Sie übertrügen Erinnerungen einfach nach Faham. "Meine Mutter zeigte hier immer auf ein Haus und sagte, dort sei sie zur Schule gegangen."

Die Leute bewegen sich frei im Dorf, immer mit der Betreuerin an der Seite. Woodtli eröffnet demnächst einen kleinen Supermarkt, in dem sie mit ihren Betreuerinnen Hygieneartikel und anderes selbst einkaufen können. Der Laden ist offen für das ganze Dorf. Die 2000 Einwohner von Faham haben nichts gegen die Demenzkranken. "Hier denken alle, es gehört zum Altwerden, dass man vergesslich oder ein bisschen wunderlich wird", sagt Bennie. Vor Alten habe man stets Respekt.

Drei Frauen fahren mit ihren Betreuerinnen an diesem Tag zum Einkaufen in einen großen Supermarkt. Einkaufswagen schieben, Brot in Augenschein nehmen, sie sind in ihrem Element. "Schön!" sagt Betreuerin Tay auf deutsch. Ruth strahlt und sagt: "ja, schön!" Isabella untersucht die Bälle in einem Netz akribisch, sie muss immer etwas zum Fummeln haben. Sukhaniya lässt sie gewähren. Phim nimmt Margrit und Ruth an die Hand und die drei schlendern lachend durch die Gänge. "Eins, zwei hoppla", singt Phim mit den beiden.

"Wir sind wie eine Großfamilie, die Gäste werden getragen vom Dorf", sagt Woodtli. "Viele Demenzkranke sind aggressiv. Wenn sie ruhelos sind und laufen wollen und man ihren Raum begrenzt, wird's schwierig. Aber hier kann die Betreuerin mit dem Gast fortgehen. Insgesamt haben wir kaum Probleme mit Aggressionen, die Leute fühlen sich geborgen."

"Care Resorts" mit All-Inklusive-Betreuung 

Es gibt noch einige andere Einrichtungen für ausländische Demenzkranke in Thailand. Im Care Resort in Maerim rund 35 Kilometer nördlich von Chiang Mai bietet der Brite Peter Brown in seiner Hotelanlage Plätze für Langzeitgäste. 16 leben bei ihm, sagt er. Je nach Pflegebedarf hat er Bungalows oder Zimmer in der "Memory Unit" - "Gedächtnis-Einheit", um das Wort Demenz zu vermeiden. Fünf Zimmer gibt es dort mit einem Wohnzimmer in der Mitte, in dem stets Betreuerinnen zur Verfügung stehen.

Während Woodtlis Mitarbeiterinnen in Jeans und Hemd oder T-Shirt arbeiten, tragen die Betreuerinnen bei Brown eine Schwesternuniform mit Häubchen. In Faham leben die Gäste in einem normalen Dorf, die fünf Hektar große Brown-Anlage mit riesigem Garten hat etwas von Sanatorium. Rund 2.700 Euro kostet eine Rundum-Betreuung mit Pflegerinnen im Monat, bei Woodtli ist es ähnlich oder etwas teurer.

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